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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-14 · Heft 37 (14.7.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 37 (14.7.1906)
Date
1906-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 37. Berlin, 14, September 1906. eilung desAudentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr« Ludwig Philippson. VsiIsss-LMMov: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des. Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 Al. Redakteur: Gustav 2Ca?f>eles, Lu örgjmr der Ssilon. Berlin, 12. September, ie großen Feste nahen heran. Wir würden nur törichte Vogel Strauß-Politik treiben, wenn wir glaubten und glauben machen wollten, daß die Neujahrstage und der zehnte Tag des Tischri heute noch in dem Sinne die „gefürchteten Tage" sind, in welchem sie es einst waren. Das aber braucht nicht im geringsten religiöse Menschen abzuhalten und hält sie auch nicht ab, gerade in dieser Zeit in sich zu gehen und jene Selbstkritik zu üben, als deren klassisches Volk die Juden von jeher galten. Die Schadenfreude der Antisemiten, oder die Furcht, daß sie die Aeußerungen dieser Selbstkritik gegen uns gebrauchen könnten, darf uns dabei auch nicht im geringsten beirren. In unserer Zeit ist es die erste Pflicht der Juden, sich daran zu erinnern, daß es ihre ihnen bereits vor Jahrtausenden gestellte Aufgabe ist, ein Volk von Priestern zu sein, d. h. durch reinen Lebenswandel sich auszuzeichnen und dadurch andern als Muster zu dienen. Andererseits dürfen wir auch nicht verschmähen, von unserer Umgebung zu lernen, und in manchem uns nach dieser zu richten. Ganz anders liegen die Tinge heutzutage als in den Tagen der Väter. Da dürfen, sollen wir wohl noch unsere guten Sitten und die uns lieb gewordenen, niemandem schadenden, keinen auch nur verletzenden Gewohnheiten beibehalten — und zu unserem Heil haben wir uns nicht die Trinkfestigkeit der meisten übrigen angeeignet, legen wir noch immer mehr als die meisten anderen Wert auf Mäßigkeit, ans Gesundheit, Erziehung und Bildung unserer Kinder, üben wir Wohltätigkeit usw., was alles jetzt auch von allen Seiten anerkannt wird — aber das hindert nicht, ist kein Grund, daß wir nicht auch von den anderen manches Gute annehmen. Zumal wenn dieses Gute nicht nur nicht im Widerspruch steht mit dem Judentum, sondern sogar ganz in dessem Sinne ist. Wenn die Saison beginnt, und das ist ja nach unseren Feiertagen, dann wird sich die Unterhaltung zunächst um die im Sommer gemachten Reisen drehen, um den Aufenthalt in den Bädern und Sommerfrischen. Da würde vielen zu empfehlen sein, etwas weniger zu prahlen und auch nicht ihre Reiseberichte dem Tischnachbar oder Gesellschafter so laut zu erzählen, daß es notgedrungen alle anderen hören müssen. Man kann sich darauf verlassen, daß diese Berichte die anderen nicht nur nicht interessieren, sondern sogar im höchsten Grade belästigen. Ganz besonders sollte man unterlassen, die Bemerkung zu machen, es seien in dem Orte, iit welchem man seine Ferien zugebracht hat, „lauter Inden" gewesen. Einem Nichtjuden gegenüber ist diese Bemerkung nichts weniger als schön und nicht gerade geeignet, ihm eine hohe Meinung von den Juden, den Redenden nicht ausgeschlossen, beizubringen, und Juden gegenüber muß sie mehr oder weniger verletzend sein. Es ist ja nichts natürlicher, als daß gewisse Badeorte hier von den Berliner, dort von den Breslauer, Frankfurter, Hamburger usw. Juden besonders bevorzugt werden. Sind ja Juden in der Regel Geschäftsleute, die dort am liebsten ihre Sommererholung suchen, von wo aus sie schnell den Ort ihrer Geschäftstätigkeit erreichen können, von wo aus sie vielleicht gar während ihrer Erholungszeit bequem und schnell ihre Anordnungen treffen können. Und wahrscheinlich ist der, der sich über die Anwesenheit seiner Glaubensgenossen beklagt, selbst doch nur hingegangen, um sie dort zu finden oder vielleicht seine Tochter an den Mann zu bringen. Aber nicht nur mit seinen Reiseberichten, sondern auch mit seiner Bildung braucht man, soll man nicht jedem gleich sozusagen, ins Gesicht springen. Heutzutage ist doch eine gewisse allgemeine Bildung so gemein, daß man wirklich nicht sehr damit prahlen kann, wenn es nicht schon stets wahrer Bildung widersprochen hat, mit ihr zu renommieren. Ja, man müßte sich eigentlich genieren, die in den Zeitungen gelesenen Urteile über Bilder, Bücher, Theaterstücke usw. weiter zu kolportieren, da diese Art Bildung doch noch billiger zu haben ist als die so oft verspottet« Konversationslexikonbildung. Wer ein eigenes Urteil, eine eigene Meinung nicht hat — und wie wenige haben sie — der soll sich nicht mit fremden Urteilen groß tun und alle Welt mit etwas traktieren zu müssen glauben, was bereits in aller Welt Besitz ist. Da könnte einem beinahe der Protz besser gefallen, der seinen Gästen wenigstens erlesene Gerichte und Schaustücke vorzusetzen beflissen ist. Wenn nur der Protz nicht sonst ein so widerwärtiger Patron wäre! Leute dieser Art finden sich ja bei allen Völkern und in allen Konfessionen. Aber man weiß, daß man in der Gesellschaft und in der Presse, ja selbst in der ernsten Literatur, mit Vorliebe gerade Juden protziges Tun zum Vorwurf machen möchte, obwohl die jüdischen Parvenns, wie sie die sogenannten Witzblätter schildern und abzubilden lieben, nur in der Phantasie ans den Fingern saugender Skribenten existieren. Wir wollen nicht weiter untersuchen, wie viele Entschuldigungsgründe auch ein solcher Mann für sich hat, welche mildernde Umstände zu seinen Gunsten geltend gemacht werden können. Die großen Feste der reichen Kauflente und Bankiers haben oft mehr geschäftliche als gesellschaftliche Zwecke; die Kosten für sie sind eher Geschäftsspesen als Allsgaben für

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