Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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- — 2 getreten. An der Entwicklung des Lehrerverbandes hat Spanier einen hervorragenden Anteil; sein Referat auf dem Hamburger Verbandstage über die Vor- und Fortbildung des Lehrers hat den ersten Anstoß zu den später ins Leben getretenen Fortbildungskursen gegeben. Es ist natürlich, daß bei dieser Bedeutung des Jubilars, die weit über seine Gemeinde und wiederum auch weit über feinen Stand hinausreicht, die Teilnahme an seinem Ehrentag eine allgemeine war. P. M. Hamburg, 3. September. Von einem herben Geschick ist hier die in christlichen wie jüdischen Kreisen gleich beliebte Familie des Herrn Abraham Lewandowskh, eines Neffen des Professors L. Lewandowskh s. A., betroffen worden. Der älteste Sohn dieses, dem Gemeindevorstande zugehörigen, sowie in vielen anderen Aemtern der Gemeinde und der Stadt mit vieler Umsicht und großer Treue tätigen Mannes, ein talentvoller Musiker, Max Lewandowskh, der gleich seinem berühmten Großoheim als Komponist größerer Orchesterwerke wie als Dirigent in eigenen Konzerten sich schon mehrfach bewährt hat, ist bei einer Segelpartie auf der Alster ums Leben gekommen. Das Unglück hat bei der Bevölkerung unserer Stadt große Teilnahme an dem Schmerz der Eltern erweckt. Die Leiche des 32 Jahre alten Mannes wurde erst nach dreitägigem Suchen ans dem Wasser gezogen. Der Allgütige tröste die tiestrauernden Eltern! — Am vergangenen Sabbat hat hier in der Gemeindesynagoge Rabbiner Dr. Petuchowski-Berlin eine Gastpredigt gehalten und am nächsten Sabbat wird Rabbiner Dr. Freim ann-Hotleschan sprechen. Es handelt sich um die Besetzung der neu eingerichteten Stelle eines zweiten Rabbiners an den Synagogen des Synagogenverbandes. — Fürth, 2. September. Vom Antisemitismus in der Sozialdemokratie gibt eine Auslassung in der „Fürther Bürgerztg." wieder ein beredtes Beispiel. Die Depotunterschlagnngen und die Flucht eines jüdischen Bankiers behandelt das sozialdemokratische Blatt in einem Artikel, dessen Ton man schon aus den folgenden Sätzen erkennen kann: „Haißt e Geschäft! schmunzelt der alte ehrliche fromme Joel Jchenhäuser, als die bei ihm hinterlegten Depots seiner Glaubensgenossen (leider nicht nur dieser! D. Eins.) die Höhe von einer halben Million erreicht hatten, und — er schlug sich seitwärts in die Büsche. Seine Glaubensgenossen, bei denen er im Rufe eines reellen Geschäftsmannes stand, hat er unheimlich lackiert; man spricht von Beträgen wie 20 600 Mark, 35 000 Mark, 62 000 Mark. Der alte ehrliche Joel verstaud's." x. Aus dem Elsaß, im August. Die aus den 7. d. M. festgesetzte Generalversammlung des elsaß-lothringischen Rabbinerverbandes mußte vertagt werden, weil die Mehrzahl der Kollegen am Erscheinen verhindert war. Die Tagesordnung sollte folgende Punkte enthalten: Bericht über die Tätigkeit des Ausschusses, Kassenbericht, Schulfragen (Marr-Westhofen), Antrag über Regelung der Pensions- und Reliktenverhältnisse (Koch-Weißenburg). Wahlen. — Am 1b. v. M. fand die Generalversammlung des Vereins israelitischer Elementarlehrer Elsaß-Lothringens in Schlettstadt statt, mit folgender Tagesordnung: 1. Begrüßung, 2. Kommissionsbericht, 3. Anträge, 4. Verschiedenes: a) Vorschlag wegen Abschließung eines Kontrakts, b) Vereinsorgan, c) Wichtige Mitteilung, den jüdischen Lehrerstand betreffend, 5. Vortrag von Kron-Westhofen: Die Erziehung bei den Israeliten. An die Versammlung schloß sich ein Ausflug nach der Hohkönigsburg und ein gemeinschaftliches Essen an. — Die- Wahl der Herren Meh er-Schehen in Oberehnheim und Aron Durlach in Straßburg zu weltlichen Mitgliedern des Konsistoriums des Unter-Elsaß ist durch Verordnung des kaiserlichen Statthalters nunmehr bestätigt worden. Gesterreich-Nngsrn. Pp Wien, 2. September. Unsere Dreysus-Assare will um keinen Schritt weiter rücken, trotz aller Artikel der liberalen Presse. Der Mann sitzt noch immer im Gefängnis, den der Nitualmordwahn dahin gebracht, und im Justizministerium rührt sich kein Finger, obwohl es doch ein Gebot der Gerechtigkeit wäre, zum mindesten die Untersuchung noch einmal ctnj Grund der inzwischen bekannt gewordenen Tatsachen zu eröffnen. Dabei ist der gegenwärtige Leiter des Justizministeriums ein liberaler und gelehrter Mann von integrem Charakter. Natürlich, daß unter solchen Umständen im böhmischen Volk, geschürt durch den niedern Klerus, die Ritualmordlüge immer weiter sich verbreitet. So wird aus Chotzen bei Pardubitz jetzt Folgendes gemeldet: Hier herrscht große Aufregung infolge einer Anzeige der 22jährigen Dienstmagd. Marie Koszhna, der Tochter eines Eisenbahnarbeiters, gegen einen hiesigen jüdischen Arbeiter. Das Mädchen behauptete, der Arbeiter habe sie im Schlafe überfallen, narkotisiert und zu rituellen Zwecken mißbraucht. Die Staatsanwaltschaft in Chrudim ließ die Koszhna sofort, durch zwei Aerzte untersuchen, die auf dem Rücken und auf den Armen des Mädchens Flecken fanden, die von Ungeziefer herrühren. In Chotzen macht sich eine starke antisemitische Strömung geltend, es kursieren die unsinnigsten Gerüchte und man befürchtet Ausschreitungen. Die Koszhna wird von ihrer Dienftgeberin als schwachsinnig geschildert. — Ter berühmte Dermatologe HosratProf. Tr. Jsid or v on Reumann ist am31. v. M. infolge eines Schlagansalls in Vöslan, woselbst er zur Kur weilte, 74 Jahre alt, plötzlich gestorben. Er war am 2. März 183’2 geboren, hatte seine Studienzeit hauptsächlich in Wien verbracht und war 1858 zun; Arzt approbiert worden. Als Assistent Hebras habilitierte er sich dann an der Wiener Universität als Privatdozent für Hautkrankheiten. Als solcher erwarb er sich große Verdienste um die mikroskopische Erforschung krankhafter Veränderungen der Haut. Sein „Lehrbuch der Hautkrankheiten", verbunden mit einem groß angelegten Atlas, verschaffte ihm Weltruf. Die zu Reumanns siebzigsten Geburtstag von seinen Schülern aus allen Kulturländern verfaßte zweibändige Festschrift legt Zeugnis ab vorn dem großen Einfluß, den er ans die Gestaltung der Dermatologie ausgeübt hat. Die Wertschätzung, deren er sich erfreute, kam auch darin zum Ausdruck, daß ihnr vor vier Jahren nach Erreichung der Altersgrenze ein weiteres Jahr zur Jnnehaltung der Professur verstattet wurde. uarf) dessen Ablauf er vom Kaiser von Oesterreich geadelt.wurde. — In Kojetein (Mähren) ist am 1. d. M. Frau Rosa Kaufmann, die Mutter des sel. Professors David Kaufmann, eine der besten- und edelsten Frauen in Israel, im 84. Lebensjahre sanft entschlafen. Ehre ihrem Andenken! — In Budapest starb im 37. Lebensjahre der praktische Arzt Dr. Moritz Fuchs. An der Bahre sprach dessen Bruder, Dr. Fuchs Rabbiner in Luxemburg, ferner die Rabbiner Dr. Weiß und Deutsch, Budapest. Der Verstorbene erwarb sich in großem Maße die Liebe und das Vertrauen vieler Menschen durch seine Opferfähigkeit im Berufe. Schweden. c!. Stockholm, 31. August. Am 13. d. M. starb hier Dr. Moritz Rubenson, Sekretär der hiesigen Stadtverordneten, im 72. Lebensjahre. Seit 1887 gehörte er dem Vorstande der hiesigen jüdischen Gemeinde an und seit 1895 war er dessen Vorsitzender. Die ungewöhnlich große Beteiligung bei seiner Beerdigung, die am 17. d. M. stattsand, lieferte ein beredtes Zeugnis von dem hohen Ansehen und der Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute. Unter anderen hervorragenden Persönlichkeiten bemerkte man besonders viele Stadtverordneten mit ihrem Vorsteher an der Spitze und den Oberstatthalter von Stockholm. Die Feier fand vor der Leichenhalle unter freiem Himmel statt. Die prachtvolle Ausschmückung des Platzes mit Palmen und Girlanden wurde von der Stadtverwaltung besorgt. „Man wollte ans diese Art den treuen Diener der Kommune ehren," berichtete ein hiesiges vornehmes Blatt. Unter den zahlreichen den Sarg bedeckenden Kränzen von Korporationen und Vereinen seien hier bloß vier genannt: einer der Stadtverordneten mit der Aufschrift „In dankbarer Erinnerung an die Pflichttreue und aufopfernde nützliche Arbeit", zwei von der hiesigen jüdischen Gemeinde, respektive von dem Vorstande derselben und ein vierter von der jüdischen Gemeinde in Gotenbnrg. Die Rede des Herrn Räbb. Prof. Dr. Klein machte auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Anknüpfend an Jeremias 29, 7: „Suchet das Wohl der Stadt, wohin ich Euch geführt habe," setzte er auseinander, daß Moritz Rubenson ein ausgezeichneter Patriot war, der das schöne Stockholm mit aller; Fasern seines Herzens liebte, dabei aber auch der hiesigen jüdischen Gemeinde sein besonderes Interesse widmete. Der Verstorbene verstand wie selten jemand sich die religiösen Ideen des Judentums anzueignen. Vierzig Bände, von Rubensons Hand geschrieben, die in dem hiesigen Stadtarchiv liegen, zeugen von der immensen Geistes-