Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228727--62898-3290082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
70. Jahrgang. No. 36. Berlin, 7. September 1906. Der Gemeindevote. Drilage zur „Allgemeinen Leirung dcK IndentnmK". karrrlpondrn?m und Kachrichtm. Deutschland. ü. Berlin, 3. September. Der Kaiser hat folgende Zuwendungen genehmigt: des Bankier Goldschmidt (500000 Mark) an die Stadt Berlin, der Witwe Bieschowsky, geborene Haase (12000 Mark), der Witwe Lang, geborene Maaß (20000 Mark) und des Rentiers Jul. Bleichröder (20000 Mark), an die jüdische Gemeinde beziehungsweise den Hilfsverein für Studierende, der Frau Kommerzienrat Gerson, geborene Liebermann (15000 Mark) an den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen. s. Berlin, 2. September. Ein Mitglied des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte an den Redakteur der Zeitschrift „Die Flotte", des Organs des Deutschen Flottenvereins, ein Schreiben gerichtet, in dem dagegen protestiert wird, daß in einem Artikel der „Flotte" zu dem Besuch des Seebades Borkum aufgefordert wird mit der Behauptung: „Seitens der Bevölkerung ist alles getan, um den Fremden den Aufenthalt auf der Insel behaglich zu gestalten", und „Borkum ist eine Insel des Friedens". Das Schreiben bezeichnet diese Angaben als unrichtig. Es müsse nach den zahlreichen Vorkommnissen auf Borkum vielmehr heißen: „Jüdischen Mitgliedern des Flottenvereins (und deren sino es nicht wenige) ist von einem Besuche dringend abzuraten, da sie in Borkum nicht geduldet sind." Zum Schluß war in dem Schreiben die Erwartung ausgesprochen, daß es in der „Flotte" veröffentlicht werde. Darauf hat der Redakteur der „Flotte", Korvettenkapitän a. D. Jacobs, den: Briesschreiber erwidert: „Die von Ihnen erwähnten Ungehörigkeiten sind auch mir bekannt; offen gestanden, hatte ich bei Annahme des Artikels gar nicht daran gedacht, ebensowenig wie der Verfasser sicher auch. Von einer Aufnahme Ihres Protestes in der „Flotte" möchte ich aber doch absehen, weil ich fürchte, daß gerade dadurch Unliebsames entstehen könnte. Selbstverständlich macht der Flottenverein weder zwischen Ständen noch Konfessionen irgend welchen Unterschied, da uns jedes Mitglied, welches es mit der Sache des Deutschen Flottenvereins gut meint, sehr willkommen ist. Wäre es nicht vielleicht besser, wenn den mosaischen Mitgliedern auf andere Weise — etwa durch Ihre Zeitungen — von dem Unfug, der vorläufig auf Borkum noch besteht, Kenntnis gegeben würde?" Der Herr Korvettenkapitän a. D. geht also um die Sache herum, wie die Katze um den heißen Brei und möchte augenscheinlich bei den Antisemiten um keinen Preis Anstoß erregen. Die Neigung, dem Flottenverein beizutreten, kann durch solche Vorkommnisse bei den Juden nicht gerade gefördert werden. Berlin, 3. September. Das Zentralbureau für jüdische Ans wanderungs an ge legen heilen , Lützowstraße 8, bittet uns um Ausnahme folgender Mitteilung: Leib Bort, 23 Jahre alt, aus Beresino, Gouv. Minsk (Rußland) ist am 23. Juli 1905 von Newyork mit der Hamburg-Amerika-Linie nach Hamburg gefahren, wo er am 3. August 1905 auch anlangte. Von Hamburg aus bestieg er einen Zug nach Ehdtkuhnen, um in seine Heimat zu fahren. In Eydtkuhnen ist Leib Bort jedoch nicht eingetroffen; es fehlt von da ab jede Spur von dem jungen Mann. Die Eltern des jungen Mannes, der geistig etwas zurückgeblieben ist, bitten jeden, der von ihrem Sohne etwas weiß, um freundliche Nachricht an die Adresse des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, Berlin W., Lützowstraße 8. Signalement: Name: Leib Bort, Alter: 23 Jahr, Wuchs: mittelhoch, Körperbau: schlank und hager, Haar: dunkelblond, Augen: blau, Hautfarbe: weiß, Sprache: jüdisch, etwas englisch. s. Berlin, 2. September. Wie uns mitgeteilt wird, hat der Direktor des Lehrlingsheims Pankow, Herr Wilinski, beim Kuratorium seine Entlassung zum 1. Januar 1907 nachgesucht und erhallen. Herr Wilinski beabsichtigt, in Pankow ein großes Pensionat zu errichten. 8» Berlin, 3. September. Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Förderung des Handwerks unter den Juden propagandistisch zu betreiben, fordert alle selbständigen Handwerker jüdischen Glaubens zum Beitritt auf. Der Verein hat außer seiner obengenannten Tätigkeit eine Krankenkasse eingerichtet und gewährt feinen Mitgliedern und deren Angehörigen für den geringen Beitrag von 1,25 Mark monatlich freie ärztliche Behandlung und Medikamente. Allmonatlich finden im Restaurant Kochmann, Neue'Friedrichstraße 35, zwei Mitgliederversammlungen statt, wozu auch Nichtmitglieder, insbesondere jüdische Handwerker, gern zugetassen werden. Meldungen zum Beitritt sind an die Geschäftsstelle Berlins. 24, Elsasserstraße 75 (M. Herz), zu richten. Wir können allen, die es angeht, den Beitritt zu diesem seit Jahren sehr erfolgreich wirkenden Verein auf das wärmste empfehlen, denn nur wenn alle jüdischen Handwerker demselben angehören, kann er seine großen und wichtigen Ziele erreichen. MV. Posen, 30. August. Am 19. September d. I. sind von den aufgekommenen Zinsen aus der Kommerzienrat Samuel Auerbachschen Stiftung drei Personen christlichen Glaubens zu unterstützen, welche hilfsbedürftig, über 40 Jahre alt, gerichtlich nicht bestraft sind, dem Handels- oder Handwerkerstande angehören, mindestens fünf Jahre hintereinander ihren Wohnsitz hier haben und aus öffentlichen Armenmitteln gar nicht oder nicht mehr als einmal außerordentlich unterstützt worden sind, sosern ihnen mit der Unterstützung für ihren Erwerb ausgeholfen werden kann. Die Unterstützungen betragen 170—190 Mark. Z2 Kattowitz, 31. August. Am Sonnabend abend verstarb nach kurzem Krankenlager im Alter von 86 Jahren der Rentier und Stadtverordnete Heymann Fröhlich. Sein Name ist mit der Geschichte der Stadt Kattowitz aufs engste verknüpft. Kaum war Kattowitz zur Stadt erhoben, so wählte man ihn zum Stadtverordneten, welches Amt er ohne Unterbrechung bis an sein Lebensende bekleidete. Als Alterspräside mußte er oft in Tätigkeit treten. Bis zuletzt erhielt sich F., in dem der älteste Bürger der Stadt heimgegangen ist, jene geistige und körperliche Frische, die es ihm gestattete, an allen öffentlichen Angelegenheiten zum Wohle der Stadt und ihrer Bürger den regsten Anteil zu nehmen. Viele Jahre leitete er den Bürgerverein und den Unterstützungsverein „Jugendfreunde" Als Bezirksvorsteher entwickelte er eine Tätigkeit, der besonders die Armen, die im „alten Heymann" einen warmen Gönner verloren haben, viel zu verdanken hatten. Gelegentlich seines achtzigsten Geburtstages war er noch der Gegenstand allgemeiner Ehrungen. 1. Magdeburg, 2. September. Am 1. d. M. feierte Herr Dr. Moritz Spanier hier sein 25-jähriges Jubiläum als Lehrer und Sekretär der jüdischen Gemeinde. Spanier ist Schüler des hannoverschen Lehrerseminars, das er nach bestandener Lehrerprüfung 1871 verließ. Bis zum Jahre 1878 war er als Elementarlehrer im Landrabbinate Hannover tätig, 1878—81 war er Religionslehrer und Prediger in Solingen und am 1. September 1881 übersiedelte er nach Magdeburg. Im Jahre 1896 promovierte Spanier mit einer Arbeit über „Exegetische Beitrüge zu Hieronymus Onomastikon". Von den übrigen zahlreichen Schriften Spaniers nennen wir: „Begriff, Wesen und Pflege des Schönen im Lichte der Erziehung", 1886; „Quellenbuch für den Unterricht in jüdischer Geschichte und Literatur", 1890; „Moses Mendelssohn als Pädagoge", 1898; „Die jüdische Ethik und und Herberts fünf ethische Ideen", 1901; „Jnhallarische Darstellung der Geschichte der Juden in Magdeburg", 1902; re. re. In Gemeinschaft mit E. Flanter-Berlin erschienen von Spanier drei Hefte „Wegweiser für den jüdischen Religionsunterricht", und seit Jahresfrist redigiert der Jubilar bekanntlich im Austrage der Großloge für Deutschland des Ordens W. O. B.. B. einen monatlich erscheinenden „ Wegweiser für Jugendschristen". Auch journalistisch ist Spanier vielfach hervor-