Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228727--62895-3290079- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
430 Der Sabbi von Lacharsch. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. IX. eminiszenzen an die Poesie des Seder-Abends und an die Legenden der Hagada finden sich bei Heine später noch häufig. Und es wird sicher allgemein interessieren, wenn ich erzähle, daß ich wahrscheinlich „das abenteuerliche Buch, das die Hagada heißt", aus welchem Harry Heine im väterlichen Hause die berühmten Fragen an seine Eltern gerichtet hat, selbst gesehen und in Händen gehabt habe. Es befindet sich jetzt in den Händen meines verehrter! Freundes, des Herrn Rabb. Dr. Frank in Köln') und ist ganz, so wie es Heine schildert: „Ein hübsch in Gold und Samt gebundenes Pergamentbuch, ein altes Erbstück. mit verjährten Weinflecken aus den Zeiten des Großvaters, und worin so viele keck und buntgemalte Bilder, die allerlei biblische Geschichten darstellen, als da sind: wie Abrahanr die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzweiklopst, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mizri totschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er — Gott sei Dank! — versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rothe Meer gehen, wie sie offnen Maules mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dein Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich, wie Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glanze der Sonne!" Auch selbst wenn er die Schönheit der Jüdinnen schildert, tritt eine gewisse Begeisterung unverkennbar hervor; ja, das Wesen h Ich erhalte darüber von Herrn Rabbiner Dr. Frank folgende wertvolle writteilung: In meinem Besitze befindet ftd) bie foftbare „Hagada. scliol Pessaeh“, die nach der Tradition über anderthalb Jahrhunderte der angesehenen Familie van Geldern in Düsseldorf gehörte, welcher bekanntlich Heine entstanunte. Das Buch ist im Jahre 1723 von Mose Juda, genannt Lob, Sohn des verstorbenen Benjamin Wolf Broda ans Trebitsch in Mähren, für den „reichen, hochachtbaren, ausgezeichneten Elieser, Sohn des in Gott ruhenden Vorstehers Joseph aus Düsseldorf und Schwiegersohn des verstorbenen Herrn Simon Preßburg aus Wien", ans Pergament geschrieben. Jeder Anfangsbuchstabe ist ein Meisterstück der Schreibkunst; was dieser Arbeit aber einen besonderen Kunstwert verleiht, das sind die den Text begleitenden prächtigen, farbenfrischen Malereien und Initialen. Selbst das Gliad gilt!ja' ist mit allerliebsten Bildern geschmückt. Man sieht hieraus, daß in der Kunststadt Düsseldorf schon vor mehr als 150 Jahren auch in jüdischen Häusern Sinn für die Malerei vorhanden war. Was nun den ersten Besitzer der vorliegenden Hagada anbelangt, so steht fest, daß im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts ein Lazarus (Elieser), Sohn Josephs, in Düsseldorf lebte, welcher am kurfürstlichen Hofe eure hochachtbare Stellung einnahm. Durch eine Urkunde vom 31. Juli 1727 (also in demselben Jahre, iu welchem das Buch geschrieben ist) ernannte der Kurfürst den Lazarus van Geldern zu seinen! Hosaktor. Dieser Vertrauensposten beim Landesherrn vererbte sich lange Zeit in der Familie und legt das beste Zeugnis für deren Intelligenz, soziale Stellung und Rechtschaffenheit derselben ab. Wie oben erwähnt, entstannnt Heinrich Heine dieser Familie van Geldern, deren Stammbaum sich mehr noch als drei Jahrhunderte hindurch Nachweisen läßt. Lazarus van Geldern war sein Urgroßvater! Professor Dr. David Kaufmann, der die Hagada auch bei mir gesehen und bewundert hatte, schrieb mir darüber folgendes: „Ich erinnerte rnich bald, wer Simon Preßburg sei, dessen Schwiegersohn Ihre herrliche Hagada gehörte. Es ist der im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Wien verstorbene Simon Michael aus Preßburg, der einer der ersten Mäcene und Schuhanwälte in der damaligen österreichischen Jndenheit war." Seine Biographie hat der sel. Kaufmann ausführlich geschrieben. dieser Schönheit ist niemals treffender geschildert worden, als dies Heine hier mit wenigen Strichen gelungen ist. Die Schönheit der Jüdinnen erscheint ihm von wahrhaft rührender Art; ') „das Bewußtsein des tiefen Elends, der bitteren Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worin ihre Verwandten und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsereHerzen sonderbar bezaubern". In dem Seufzer, den Rabbi Abraham beim Eintritt in die Jndengaffe und beim Abschied von dem seltsamen Quartett: Trommelhaus und Nasenstern, Jäckel der Narr und Beitel Rindskopf ausstößt, liegt der eigene Schmerz des Dichters über die Lage seiner Glaubensgenossen verborgen. Denn auch für seine sogut wie für die Zeit Rabbi Abrahams und für unsere gilt mit Recht die Klage: 2) „Wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Tore von außen und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Die Frage der Jndentaufen war, wie ich schon im Eingang bemerkte, in jener Zeit eine brennende. Als Heine an seinem „Rabbi" schrieb, beschäftigte ihn dieselbe fast ausschließlich. Wenn aber das dritte Kapitel dieses Romanes in der Tat erst fünfzehn Jahre später in Paris geschrieben worden ist, so hat der Dichter auch auf der Sonnenhöhe seines Lebens und fern von deni Umgang mit alten Freunden und Jugendgenossen genau dieselben Ansichten über die Taufe und das Judentum gehabt wie in jener Zeit. Es scheint wichtig, dies festzustellen. Wahre Kernsprüche, merkwürdige Bekenntnisse seiner Liebe und seiner Leiden und begeisterte Apostrophen der Heldenkraft und des Martyriums finden sich gerade in diesem dritten Kapitel des Romanfragments. Die Szene zwischen dem Rabbi und dem Ritter ist in dieser Beziehung besonders wichtig. a) Don Isaak gehört bereits „der Brut des Löwen" an, und der Fuchs mag sich wohl hüten, seinen Zorn zu reizen. „Wie will der Fuchs den Löwen richten?" So fragt er unmutig. Rabbi Abraham aus Bacharach und Heinrich Heine aus Düsseldorf antworten beide darauf mit wehmütigem Ernst: „O, ich begreife es wohl, wie der stolze Leu aus Stolz seinen fürstlichen Pelz abwirft und sich in den bunten Schuppenpanzer des Krokodils verkappt, weil es Mode ist, ein greinendes, schlaues, gefräßiges Krokodil zu sein! Was sollen erst die geringeren Tiere beginnen, wenn sich der Löwe verleugnet? Aber, hüte dich, Don Isaak, du bist nicht geschaffen für das Element des Krokodils. Das Wasser — du weißt .wohl,'wovon ich rede — ist dein Unglück, und du wirst untergehen. Nicht im Wasser ist dein Reich; die schwächste Forelle kann besser darin gedeihen als der König des Waldes." Ach, wie manchem stolzen Len möchte man auch heute wieder zurufen: „Nicht im Wasser ist dein Reich!" Und auf tausend Verlockungen alter und moderner Ritter wird das tiefgekränkte Israel immer mit Frau Sarah aus Bacharach antworten: „Edler Herr, wenn ihr mein Ritter sein wollt, so müßt Ihr gegen ganze Völker kämpfen, und in diesem Kampfe gibt es wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen, oder eine blaugestreifte Schärpe mnbinden; denn dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des Hauses, welches Israel heißt und sehr elend ist und auf den Gassen verspottet wird vvn den Söhnen des Glücks." » G. K. y jb. 228. Vgl. auch ib. 182, wo Heine bei der Besprechung der Jessika den „wunderbaren Liebreiz" der Jüdinnen durch die „zagende Scham" und „sonderbare Keuschheit" derselben zu erklären sucht. 2) ib. 248. ») ib. 258 ff.