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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-07 · Heft 36 (7.9.1906) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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MWGW 428 ist, und die Kinder Israels zu lehren alle Satzungen, die der Ewige zu ihnen geredet hat durch Moses." (Lev. 10, 10, 11.) Im Segen Moses heißt es von dem Berufe des Priesters: „Sie lehren Jakob deine Rechte und Israel dein Gesetz; sie stellen Rauchwerk vor dein Angesicht und Ganzopfer auf deinen Altar." (Deut. 33, 10.) Es darf indessen nicht vergessen werden, daß der gesetzlichen Fixierung der Amtstätigkeit des Priesters ethische Motive zugrunde lagen. Mit Recht sagt Wellhausen'): „Der Kultus ist der allgemein ethische Ausgangspunkt der Religion auch bei den Israeliten, er trennt sie nicht von den Heiden, sondern verbindet sie mit ihnen."") „Der Kultus blieb auch bis auf das babylonische Exil alle Zeit die Pforte, wodurch das Heidentum in Israel eindrang; man machte neue Moden mit, die man auswärts kennen lernte, nicht um Jahve zu ärgern, sondern um seinen Dienst auf zeitgemäße Höhe zu heben und nicht rückständig werden zu lassen. Die Besonderheiten, die der israelitische Ritus etwa aufweisen mochte, machten ihn jedenfalls nicht artverschieden." So ist es bis zum heutigen Tage geblieben, daß die Volksreligion sich nicht durch religiöse Ideen, sondern hauptsächlich durch kultische Handlungen erhält. Kultus und Ritual sind der Lebensnerv der Volksreligion. Auf die Beobachtung der religiösen Observanz wird in den breiten Schichten des Volkes oft mehr Gewicht gelegt, als auf die sittliche Lebens führung. Des Priesters religiöse Aufgabe bestand darin, auf dieses unabweisbare, nicht auszurottende kultische Bedürfnis des Volkes ethisch einzuwirken. Gelang es der prophetischen Rede nicht, das Volk zur Anbetung Gottes im Geiste zu erziehen, klammerte dieses sich fest an seinem Opferkultus, so sollte der Priester es lehren, seine Opfer dem einzigen heiligen Gotte und nicht dem Baalim und Seirim (Lev. 17, 7, Dämone der Wüste) darzubringen. „Aus ursprünglich heidnischem Material wurde ein Panzer für den Monotheismus der Moral geschmiedet." So wird die prophetische Lehre der „Gotteserkenntuis" beim Priester zum „Gottesdienst".. Aus dem „Dabor", (Jer. 18, 18), dem Worte der Offenbarung, die dem Propheten aus dem göttlichen Quell zuströmt und ständig neues Leben in ihm weckt, wird ein „Thora", eine Weisung, eine fixierte Satzung. Mit dem Dahinschwinden des prophetischen Geistes wird der Priester der einzige berufene Lehrer. „Des Priesters Lippen sind es nun, die Erkenntnis bewahren, und „Thora" verlangt man aus seinem Munde; denn er ist ein Bote des Herrn der Heerscharen." (Mail. 2, 7.) Nach einem Kodex, der aufs Minutiöseste ausgearbeitet ist, gibt der Priester nuninehr seine Weisungen. Dieser Priesterkodex ist für ihn eine Apotheke, in der die Medikamente für die Krankheiten des Leibes und der Seele nach einem festen Schema verordnet werden. Sein Zweck ist in erster Linie, eine Scheidewand aufzurichten zwischen Israel und den Heiden, Israel zu heiligen — im priesterlichen Sinne. Aber die Arbeit der Propheten ist doch nicht vergebens gewesen. Denn durch diesen priesterlichen Partikularismus dringt ihr heller Geist durch. Der universale moralische Monotheismus und die Gebote der Liebe und Gerechtigkeit nehmen auch im Priesterkodex einen breiten Raum ein, und so ist auch er. Dank den Propheten, ein heiliges Buch geworden. ') In „Die Kultur der Gegenwart", von P. Hinnerberg. I. Abt. IV. Lieferung I. S. 11. h Vgl. Geiger, Iüd. Zeitschr. IV. S. 66. Natürlich hat es der Jahrhunderte bedurft, bis diese - Arzneimittellehre die Gestalt erhalten hat, in der wir sie besitzen. - Hier ist altes Heidentum in korrigierter Form konserviert, > doch auch Pflanzen aus fremdem Erdreich sind den einheimischen 1 beigesellt worden. Aber diese Geistesrichtung ist uralt, und es - ist nicht unmöglich, daß schon in der mosaischen Zeit die ‘ beiden Strömungen, die priesterliche und die prophetische, sich > um den Volksgeist und Volkskörper bemüht haben. < r! r Bit dreizehn Artikel des Wairmmwes \ und das Glsubenslyltem des modernen Judentums.; Von Dr. K. Köhler, Rektor des Nehren Union College in Cincinnati. j II. .. I ie Samuel David Luzzato in seinen Schriften mit Recht * behauptet, muß die ganze aristotelische — er nennt sie: . attische — Verstandesrichtung, die das Wesen des Judentums verkennt und entstellt, aufgegeben werden?) Das Judentum ist auf allen Stufen seiner Entwicklung nicht sowohl als philosophischer wie als ethischer Theismus zu begreifen. Durch | seine erhabene sittliche Auffassung der Gottheit überstrahlt es ~ alle anderen Religionen. Sein Gott ist vor allem das Urbild der Heiligkeit, und das bedeutet nicht etwa, wie Dr. Margolis I nach dem Vorgang des Kuzari den VegriffKadosch definiert, geistige, 1 das heißt übersinnliche Transzendenz, sondern sittliche Er- . * habenheit und Vollkommenheit. c Von diesem Gesichtspunkt aus erledigen sich all die * Schwierigkeiten, die die Ergebnisse moderner Bibelforschung 1 dem religiösen Bekenntnis oder Bekenner bereiten. Prof. Margolis betrachtet das Judentum in hergebrachter Weise als f monotheistische Wahrheit und unterscheidet dann als Bibele kritiker zwischen dem Jahvismus des Moses, der bloß „die d Richtung zum Monotheismus hin" darstellt, und dem absos luten Monotheismus, der zuerst im Deuteronomium, das erst £ unter oder gar nach der Regierung König Josiahs verfaßt t wurde, klar ausgesprochen ist. Verdient nun der Mut der 2 Offenherzigkeit des hier redenden Theologen alle Anerkennung, <L so muß man sich doch etwas verblüfft fragen, wie kann eine r durch einen solchen Evolutionsprozeß gewonnene Wahrheit zu o Thora min ha-schomajim, zu einer göttlichen Offenbarung r werden, um den Gläubigen voll Begeisterung in den Bekennt- L nisrus: Lehma Jisroel! ausbrechen zu lassen, für dessen Verk teidigung gegen Vielgötterei wie gegen den Dreieinigkeitsr glauben der Jude zu allen Zeiten willig sein Leben preiszuz geben bereit war und ist? Ja, wie kann der Beter in der e Synagoge den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs anrusen, j wenn er das Ergebnis der Kritik akzeptiert, daß der patriar- C chalische Gott sich von den Göttern anderer verwandter r Stämme kaum unterschieden hat? Offenbar fehlen hier alle Elemente zu einem positiven Glaubensbekenntnis, und gilt q hier das biblische Wort: „Sauerteig und Honig — solche zer- ( setzende Stoffe — sollen nicht zum Feueropfer verwendet f werden vor Gott." £ Ganz anders stellt sich die Sache dar, sobald man als die innere Wahrheit der Sinai-Offenbarung, als den Kern der *) Es verlohnte sich wohl, den Nachweis zu führen, daß *] der Rationalismus den religiösen Schiffbruch bewirkt hat, der die Tausende ins Lager des Zionismus oder Nationalismus gej i trieben hat. i

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