Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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W>WDUWMWWWMWW«WDMMWMW!MMM^MjE^ - 427 - die ganz vorzügliche Auffassung des begabten Sängers; besonders in „Asrah" entwickele derselbe ein dramatisches Feuer, das zum außergewöhnlichen Beisall hinriß." Auch mit dem vratorischen Stil war der Münchener Oberkantor vertraut. In Geineinschaft mit dem berühinten Opernsänger Heinrich Vogel trat Kirschner im Rnbinsteinschen Oratorium „Das verlorene Paradies" auf, worüber die Kritik folgendes berichtete: „Emanuel Kirschner sang die Partie des „Satan". . . . Seine ineisterhafte Beherrschung der Gesangstechnik und seiir markiges, in der Höhe und Tiefe gleich vollklingendes Orgait machte es diesem Sänger möglich, der sehr bedeutenden Schwierigkeiten seiner Aufgabe vollständig Herr zu werden und Interesse dafür zu erwecken." — So stand Kirschtier im Mittelpunkt des Müncheitcr Mtisiklebens und fand Eingang in den vornehmsten Kunstkreisen. Atich als Gesaitgslehrer wurde Kirschner vielfach begehrt, und mancher Konzert- und Opernsänger verdankte ih»n seine Ausbildung. Kirschner fand mit seiner Gesangskunst auch an höchster Stelle verdiente Anerkennung, indem er von der Königlichen Akademie der Tonkmtst als Professor des Sologesanges berufen wurde, beider konnte er nicht lange dies Lehramt verwalten, weil der Stundenplan der Akademie mit seinem Amte kollidierte. Aber nicht allein im Gesang strebte Kirschner das Höchste zu erreichen, sondern auch in der Komposition. Als erste Frucht seiner langjährigen Studien auf dem Kompositionsgebiet bei den oben genannten Professoren veröffentlichte er itn Jahre 1897 Gesänge für den Freitag-Abend-Gottesdienst unter dem Titel: (VStf bub mbnn füc Kantor und Chor mit Orgelbegleitung, die er in kindlicher Liebe seinem Vater, „dem begeisterten Freunde des Synagogengesanges", widmete. Wie bei den Kompositionen Löwenstamms, so machte man auch bei seinem Nachfolger die Beobachtung, daß beide Autoren in einer Stadt amtierte», in welcher Richard Wagners Musik geehrt und kultiviert wird, und diese auf sich einwirken ließen. Die Löwenstaimnschen wie auch die Kirschnerschen Gesänge sind groß in der Anlage, Stilisierung und Durchführung. Kirschner ging jedoch uoch einen Schritt weiter und zwar in der vielfachen Anwendung des kontrapunktischen Stils. Seine Gesänge bekunden in melodischer und harmonischer Beziehung viel Erfindungsgabe, musikalische Gewandtheit und geläuterten Geschmack. So steht unser Jubilar als Komponist auf der Höhe der Zeit. Eine ausführliche Würdigung erfuhren die Kirschnerschen Gesänge in mehreren Fach- und Tagesblüttern. Oberkantor Josef Singer, der seit 4 Jahrzehnten wertvolle Arbeiten über die Entwicklung des Synagogengesanges veröffentlicht und der mit strengster Objektivität den Erscheinungen ans diesem Gebiete gegenübersteht, unterzog in der österreichischen Kautorenzeitung die Kirschnerschen Kompositionen einer eingehenden Besprechung. Singer schreibt über den Kirschnerschen „Freitag-Abend-Gottesdienst" folgendes: „Wie aus Marmor gemeißelt stehen die Notenköpfe da, und wie gewaltig wogt und braust es, wenn die Töne mächtig zusammenklingen — eine unendliche Melodie! Bei Kirschner wird es dem peinlichsten Forscher nicht gelingen, irgendeine musikalische Unebenheit zu entdecken: Melodie, Harmonie, Phrasierung und Textbehandlung, alles scheint wie ans einem Guße behandelt." Auch Münchener Musiker, darunter Prof. Zenger, der Komponist des Oratoriums „Kain", begrüßten mit Freuden das Erscheinen der Kirschnerschen Gesänge. Im Jahre 1898 veröffentlichte Kirschner Gesänge für den Sabbat-Morgen-Gottesdienst, die er seinem Lehrer, Herrn Oberkantor Josef Singer-Wien, in Dankbarkeit und Verehrung zueignete. Auch das zweite Heft der Kirschnerschen Komposition fand bei der Kritik freundliche Aufnahine. Zu Ehren des Jubilars sei folgende Stelle der Singerschen Rezension hier wiedergegeben: „Mit wahrhafter Genugtuung muß die farbenprächtige und überaus korrekte Harmonisierung der Chöre, die sachgemäße und zartgefügte Deklamation des Wortes, wie die dezente, doch insgesamt gesättigte Orgelbegleitung anerkannt werden. Man empfindet wahrhafte Freude, einer Arbeit zu begegnen, wo Wort und Ton sich in wohltuender Weise gegenseitig ergänzen und den erschöpfenden Beweis erbringen, daß der tüchtige Musiker mit dem tüchtigen Hebräer und mit dem umfassenden Kenner der synagogal-gesanglichen Tradition Hand in Hand geht, gleichzeitig aber auch der kundige Blick auf die weitere Entwicklung des Synagogengesanges gerichtet ist." — Der obengenannte Pros. Zenger widmete arlch den: zweiten Heft der Kirschnerschen Muse seine volle Sympathie. Nach den günstigen Beurteilungen, die die Kirschnerschen Gesänge von der Kritik erfuhren, ist es kein Wunder, wenn dieselben Eingang in den Gotteshäusern gesunde». Auch der Münchener Gottesdienst erfuhr durch Kirschner vielfache Bereicherung. Er hat durch seine Gesänge denselben weiter ausgestaltet und zu einem Mustergottesdienst gemacht. Außer den erwähnten Sabbatgesängen veröffentlichte Kirschner eine größere Anzahl Trauungsgesänge für Kantor, Chor und Orgel, die er seiner Gattin, „der treuen Gefährtin seines Lebens", Jda Kirschner geb. Bühler, widmete, welche als wahre Perlen angesehen werden können. Kirschner war nicht allein auf dem Gesangs- und Kompositionsgebiet unermüdlich eifrig tätig, sondern er suchte auch seinem Fache eine wissenschaftliche Seite abzugewinnen, indem er sich mit den Erzeugnissen bedeutender Musikschriftsteller vertraut machte, und legte das Resultat seiner Forschungen in vielen Vorträgen, die er in der Münchener Loge hielt, nieder. Von den wissenschaftlichen Arbeiten Kirschners, die im Drucke erschienen sind, seien folgende erwähnt: „Tempel und Synagogenmusik", „Entstehung der Synagoge", „Die Musik im Judentum", „Der jüdische Gottesdienst" und „Salomon Sulzer". So kann der Jubilar aus ein weites Arbeitsfeld, begleitet von den größten Erfolgen, zurückblicken. In seiner Gemeinde erfreute er sich allgemeiner Beliebtheit, seine Berufsgenoffen erblicken in ihrn einen vornehmen, edeldenkenden Kollegen. Und nun geht mein Wunsch dahin, daß Herr Oberkantor Emanuel Kirschner seiner Familie, der Münchener Gemeinde und dem Kantorenstande noch viele Jahre in voller Kraft erhalten bleiben möge! Prielter, Propheten und Weile in Ilrsel. Von Professor Dr. G. Klein-Stockholm. II. Die Wirksamkeit des Priesters. anz anders geartet war die Wirksamkeit, die Lehrtätigkeit des Priesters. Der Weg, der nach seiner Weisung zu Gott führen sollte, war etwas komplizierter. Die religiösen Gedanken umkleidete er mit einer Hülle, den religiösen Geist umgab er mit einem Körper. Um zu Gott zu komme», »m seinen Willen in sich aufzunehmen, bedurfte es der Waschungen und Reinigungen verschiedenster Art, bedurfte es in erster Linie des Opfers als Sühnemittel. Hier war ein breiter Boden geschaffen für die Geltendmachung der priesterlichen Rechte, für Einrichtung eines komplizierten Kultus, für die Machtentfaltung des priesterlichen Standes. Das Gesetz fixiert die Aufgabe des Priesters darin: „Zn rmterfcheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein