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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-07 · Heft 36 (7.9.1906) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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- 426 - Getreu diesem ihrem Standpunkt haben diese so zusammengesetzten Gemeinden sich an allen freiwilligen Organisationen beteiligt, weil sie in ihnen eine Stärkung des Judentums nach innen und außen sahen und naturgemäß sehen mußten, getreu diesem Standpunkt müssen sie auch jetzt alles, was in ihren Kräften steht, aufbieten, um die Organisationen auszubauen und gar um ihnen eine materiell gesicherte und staatlich anerkannte Existenz zu verschaffen. Freilich muß die Voraussetzung der Vereinigung der Gemeinden dieselbe bleiben, wie die der Gemeinde selber: keine der Richtungen darf in ihrem natürlichen Recht auf Betätigung und Selbstbestimmung dessen, was ihr religiös erforderlich scheint, durch Majorisierung gehindert werden. Die religiöse Autonomie der Gemeinden darf nicht zerstört werden. Wenn ich die Auseinandersetzungen der Allhänger der verschiedenen Gemeinderichtungen — wenn ich sie so nennen darf — richtig verstanden habe, so sind sie auch nicht etwa Gegner der Organisation überhaupt, sondern nur Gegner einer Organisation, die sie iit ihren natürlichen Rechten hindert, welch letzteres Liberale ltnb Orthodoxe von der von Rosin vorgeschlagenen Organisation befürchten. Ob und inwieweit diese Befürchtung gerechtfertigt ist, soll heute unerörtert bleiben. Das nur soll mit aller nur denkbaren Klarheit und Schürfe hervorgehoben werden, daß eine etwaige Gegnerschaft gegen die von Rosin vorgeschlagene Organisation für alle Juden, die der Cahnschen Richtung nicht huldigen — und das ist, wie gesagt, die überwiegende Mehrzahl der preußischen Juden — nicht bedeutet und nicht bedeuten darf eine Gegnerschaft gegen eine Organisation der preußischen Juden überhaupt. Lmanur) Mrlchner. Von Hanptknntor A. Fried mann-Berlin. in 1. September d. I. feierte der rühinlichst - bekannte Oberkantvr der Münchener Synagogengeineinde, Herr Emanuel Kirschner, sein 25jähriges Amtsjubiläum. Kirschner wurde zu Rokitnitz in Oberschlesien an, 16. Februar 1857 geboren. Sein Vater, ein begeisterter Anhänger des Synagogengesangs, flößte schon früh dem kleinen Emanuel Interesse für den jüdisch-traditionellen Gesang ein. Als die Eltern Kirschners nach Beuthen, O.-S., übersiedelten, lenkte Emanuel durch seine prachtvolle Altstipnne und den gefühlvollen Vortrag die Ausmerksamkeit des damals neugewählten Oberkantors Singer auf sich. Der Knabe fand bald Aufnahme in den Synagogenchor, und Singer nahin sich besonders seiner an, indem er ihn auch am Klavier und in der Theorie unterrichtete. Kirschner entwickelte reicht allein für liturgische Gesänge, sondern -auch für jüdische Wissenschaft viel Begabung und genoß daher die Gunst sowohl seines Lehrers und Meisters, als auch die der ganzen Gemeinde. Oft wurde er von seinem Oberkantor im Gottesdienst mit Soli bedacht, welche er zum Entzücken der Hörer ausführte. An seinem Barmizwah - Sabbat wurde Kirschner die Ehre zuteil, am Freitagabend mit dem Chorpersonal in der großen Synagoge vorbeten zu dürfen. Der kleine Kantor errang mit seiner herrlichen Stimme und reichen musikalischen Phantasie allgemeinen Beifall und jeder behauptete, Kirschner sei ein geborener Lhasa,, und müsie sich dem Kantorenfach widmen. Inzwischen reifte er in der vortrefflichen Singerschen Schule zum Jüngling heran und faßte mit Erlaubnis seiner Eltern den Entschluß, Kantor zu werden. Zunächst entschloß er sich, in Berlin das Lehrerseminar zu absolvieren. Oft besuchte der Lehramtskandidat Kirschner auch die Gemeindesynagogen und lauschte hier den Weisen der Gesangsmeistcr Lichtenstein, Marksohn und Joachim. Hier nahm er den alten und neuen kantoralen Geist usw. auf, der für seine spätere Tätigkeit Richtung gebend sein sollte. Im Jahre 1877 bestand Kirschner sein Lehrerexamen und wurde bald an der Hvrwitzschen Schule als Lehrer angestellt. Obgleich er mit Eifer seinem Lehrberuf oblag, fand er dennoch genügend Zeit,, sich mit Gesang und Musik zu beschäftigen, um später seine Vornahine, sich dem Kantorate ganz zu widmen, auszuführen. .Keine pekuniären Opfer scheuend, nah», Kirschner Unterricht bei dem rühinlichst bekannten Gesangsproseffor Ferdinand Sieber und eignete sich bei diesem Meister eine edle Tonbildung und vornehme Vortragsart an. Kirschners Stimme entwickelte sich zu einem ungemein sympathischen Bariton von großem Umfang. Die inzwischen in der Neuen Synagoge vakant gewordene Stelle eines zweiten Kantors wurde durch Kirschner nach einem glänzend bestandenen Probevortrag besetzt, und er hatte nun Gelegenheit, die in der Lewandowskischen und Sieberschen Schule gewonnenen musikalischen Kenntnisse zu verwerten. Vier Jahre, bis 1881, verwaltete Kirschner seine Aemter sowohl in der Schule, als auch in der Synagoge zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten Behörden. Gerade um diese Zeit schloß in der bayerischen Hauptstadt M. G. Löwenstamm, eine Kraft ersten Ranges, für immer seinen liederreichen Mund, und die Gemeinde suchte einen Nachfolger. Zu den Bewerbern um die Münchener Oberkantvrstelle gehörte auch Emanuel Kirschner aus Berlin, ans welchen die Münchener Gemeinde ihre Aufmerksamkeit besonders lenkte. Kirschner wurde zu einem Probeportrag berufen und errang mit seiner gutgeschulten, sympathischen Stimme, seinen, seelenvollen Vortrag und tiefem Verständnis der hebräischen Gebete großen Beifall. Auch sein würdiges Auftreten gefiel in der bayerischen Hauptstadt. Alle eben genannten Eigenschaften bestimmten die Geineinde, Kirschner zu ihren, ersten Kantor zu wählen. Am 1. September 1881 trat unser Jubilar sein Amt in München an. Oberkantor Kirschner gehört zu den Kantoren, die stets den Drang in sich fühlen, die bereits gewonnenen Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Gerade das reiche Kunstleben der bayerischen Metropole gab den, jungen, ernst strebsamen Kantor genügend Gelegenheit, sein bereits erworbenes, gediegenes musikalisches und literarisches Wisien vielfach zu bereichern. So studierte Kirschner mit immensem Fleiß bei den Professoren Hasselbeck, Herzog und Thuille Gesang und Musik. Sein Erfolg in den amtlichen Funktionen steigerte sich mit jedem Sabbat und Feiertag, weil er es vermöge seines künstlerisch abgerundeten Vortrages verstand, dem Gottesdienst die nötige We,he zu geben und die Andacht zu wecken. Gar oft konnte Kirschner auch Andersgläubige, Musiker wie Opernsänger, unter seinen Zuhörern zählen, welche dessen Ruhin außerhalb des Gotteshauses verbreiteten. . Kein Wunder daher, wenn aus Musikkreisen Aufforderungen an Kirschner ergingen, in Konzerten initzuwirken. Mit der Gesangsliteratur vertraut, trat er in vielen Konzerten als Solist ans, von denen ich nur folgendes hervorheben möchte. Am 25. Januar 1885 wirkte er zum erstenmal im Lehrergesangverein mit und die „Münchener Zeitung" schrieb folgendes darüber: „Eine neue gesangliche Kraft, Herr E. Kirschner, überraschte die Gesellschaft „nt dem Vortrag einiger Baritonlieder: Gesang Wolframs aus „Tannhäuser", Lied Banbardons aus dem „goldenen Kreuz": „Wenn ich einmal der Herrgott war'," und der Arie Mohammeds aus Rubinsteins „Asrah". Eine wohlklingende Stimme und vortreffliche Schulung unterstützen

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