Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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423 lich mit bewi, nm£ dort geschieht, einverstanden sein, denn sonst dürfte man wahrhaftig denen es nicht verübeln, welche in ihm eine Verkörperung des die Völker zersetzenden Elementes erblicken und alles andere nur für den Mantel halten, bestimmt, das innere Wesen gerade solange zu verhüllen, wie es nützlich ist." Es erschiene geradezu unglaublich, daß ein logisch geschulter Kopf eine solche Behauptung wie die am Eingang dieses Passus aufstellen könne, wüßte man nicht längst, daß der Haß seine eigene Logik hat,, die die Dinge geradezu auf den Kopf zu stellen pflegt. Nicht die Revolution ist eine Erklärung für den Antisemitismus, sondern der russische Antisemitismus ist eine der die Revolution erklärenden Tatsachen. So liegen die Verhältnisse -r- und das weiß jedermann. Herr Schiemann ist ja Balte. Hallen die Juden auch die baltische Revolution, die doch nicht weniger heftig ist als die polnische und kaukasische, angezettelt? Sind sie die Führer der Erhebung in Livland? Waren sie unter den Meuterern in Sewastopol, Kronstadt und Sweaborg? Haben sie die Bauern zur Erhebung veranlaßt? Sind sie die Mörder der lettischen Pastoren? Ueber alle diese Fragen hätte sich Herr Schiemann erst informieren sollen, ehe er sein kühnes Urteil aussprach. Und auch darüber-, ob nicht die europäischen Juden wiederholt und mit der größten Entschiedenheit die destruktiven Tendenzen des „Bundes", der übrigens noch ein größerer Feind des Judentums ist als die „Kreuzzeitung", mißbilligt und verurteilt haben. Daß sie mit diesen Tendenzen gar einverstanden sein sollten, das glaubt selbst kein Junker und kein Agrarier. Aber der Satz ist nötig, um den Schluß anzubringen, der bereits ein Klischee in jenem Blatte ist, seit den Tagen Gerlachs. Doch wie heißt es tot alten Nibelungenliede: „Sei's! Als Männer tragen wir auch das!" * Ein hiesiges Blatt veröffentlicht einen Brief Eduard von Hart man ns, in dem der jüngst dahiugeschiedene Philosoph sich über den Zionismus ausspricht. Das Schreiben ist zweifach interessant; einmal widerlegt es die Behauptung der Antisemiten, daß Hartmann ihren Ansichten zugestimmt habe (Hartmann stellt sich hier dem Antisemitismus gegenüber und keineswegs an dessen Seite) und überdies wird der Widerspruch des Zionisnprs gegen die ernsten Assimilierungsbestrebungen, die seit mehr als hundert Jahren im gebildeten Teile der deutschen Judenschaft walten, klar dargelegt. Der Brief hat folgettden Wortlaut: „Gr.-Lichterfelde, den 17. 2. 03. Sehr geehrter Herr! Der Zionismus dementiert diejenigen Versechter der Interessen des Judentums. welche sich dagegen gesträubt haben, zuzugeben, das; die Judenschaft aller Länder ein Volk, und daß die Judenschajt in jedem Lande Gast eines Wirtsvolkes sei. Er stellt die Jnteressensolidarität der Jndeuheit über die Jnteressensolidarität der Juden in jedem Lande mit ihrem Wirtsvolk. Er bekämpft alle Bestrebungen, die. aus nationale Verschmelzung der Juden mit ihren Wirtsvölkern abzielen und rechtfertigt damit den Vorwurf des Absonderungsstrebens, den viele Versechter des Judentums bisher als ungerecht bekämpft haben. Er hält eine doppelte Nationalangehörigkeit im zionischen Staat und in demjenigen des Wirtsvolkes für möglich, wenn er nicht gar auf die letztere verzichtet. Statt des Zusammenhanges mit dem Kulturleben der Wirtsvölker bietet er den Juden eine Utopie. Dem Antisemitismus liefert er das ihm bisher fehlende Programm, den Schlachtruf: „Fort mit den Juden nach Palästina!" Für die armen und bedrückten Juden des Ostens mag diese Utopie ein Ideal scheinen; für die wohlhabenden und gebildeten Kulturjuden wäre es dagegen die härteste Strafe, wenn sie wieder zurück nach Palästina müßten und ihren jetzigen Wirkungskreis verlören. Ein auf den zionischen Staat gestütztes und in allen Ländern die bisherige Macht in verstärktem Maße ausübendes jüdisches Volk wäre ohne alle Analogie in der Geschichte und würde in allen Staaten zugleich die heftigste antisemitische Reaktion entfesseln. Man kann die Stimmung begreifen, aus der der Zionismus erwächst, und ihn dennoch für eine kulturwidrige Verirrung halten. Hochachtungsvoll Dr. E. v. Hartmann." & Mit beut 1. September ist in Frankreich das von den beiden gesetzgebenden Körperschaften angenommene, am 14. Juli publizierte Gesetz über die Sonntagsruhe in Kraft getreten. Danach hat jeder in fremdem Dienste arbeitende Bürger Anspruch auf eilten Ruhetag tu der Woche. Als solcher ist vom Gesetze der Sonntag ausersehen worden. Es geschah das keineswegs aus religiösen Gründen, sondern einfach, weil der Sonntag von dem überwiegenden Teil der Bevölkerung, allerdings aus religiösen Gründen, einmal als der Ruhetag anerkannt ist. Daß die Religion mit diesem Gesetze nichts gemein hat, geht schon aus der Bestimmung hervor, wonach der Ruhetag aus einen Wochentag verlegt werden darf, falls die überwiegende Mehrheit des Personals eines Betriebes dieses wünschen sollte. Auf die Juden ist bei der Kreirung des Gesetzes nicht die geringste Rücksicht genommen worden. Zwar wurde das Pariser Konsistorium seinerzeit bei der Kammer vorstellig, es möge den den Sonnabend feiernden Juden gestattet sein, am Sonntag zu arbeiten. Allein der Erfolg dieser Intervention war rein negativ. Nicht nur hat die Kautlner dem Wunsch der Juden nicht stattgegeben, der Berichterstatter des Senats, Mr. Prevet, hat die Sache sogar fälsch ausgefaßt und von der Tribüne herab sich über „eine Gruppe von Jtlden" beschwert, die „unter Altführung eines Rabbiners verlangt hat, nmu möge für ganz Frankreich den Sonnabend als den alleinigen Ruhetag proklamieren". Man kann sich das Halloh denken, das ob dieser Mitteilung in der antisemitischen Presse Frankreichs entstanden ist. Die Lage der gesetzestreuen, den Sabbat heilig haltenden Juden ist durch das Gesetz sehr prekär geworden. Zwar gestattet dasselbe allen nicht in fretndem Dienste arbeitenden Personen, auch, des Sonntags ztr arbeiten, und Inhaber von kleinen Läden sowie allein und ohne fremdes Personal arbeitende kleine Handwerker werden von dem Gesetze nicht im geringsten betroffen. Was sollen aber die Inhaber größerer Geschäfte und die Besitzer umfangreicher Werkstättert jetzt mit dem Soltntag beginnen? Was sollen ferner all die jüdischen Handwerker, die bei frelnden Meistern arbeiten müssen, nunmehr tun? Sie werden entweder den Sabbat entweihen oder zwei Tage in der Woche ruhen müssen. Uebrigens ist die Zahl dieser, die sich vor einer solchen Alternative gestellt sehen, in Frankreich sehr minimal. Weist doch die jüdische Gemeinde von Nancy, nach Paris die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Frankreich, nur zwei jüdische Geschäfte auf, die am Sonnabend geschlossen sind. * Die bevorstehende Einzahlung der zweiten Rate der jüngst von Rußland aufgenommenen Milliardenanleihe veranlaßt die russische Regierung, wieder einmal von der Judensrage reden zu machen. Nicht nur wurde Dr. Paul Nathan zweimal von Stolypin empfangen, es werden neuerdings wiederum Kommissionen zur Beratung der Judenfrage in Rußland eingesetzt. Daneben hat der Direktor der Abteilung für allgemeine Angelegenheiten, Herr Arbuschewitsch, das im Ministerium des Innern massenhaft angehäufte alte Material eingehend studiert und ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß man die Lage der Jtlden verbessern müßte. Herr Stolypin stimmte'dem bei