Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
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4 n Nicht minder unsympathisch wie nns die polnischer: Juden sind, und vielleicht mit ebenso großem Unrecht, ist uns ihr Jargon, das „Jiddisch", das doch soviel Existenzberechtigung wie jedes andere Idiom hat und nicht unangenehmer ist als das gemietliche Sächsisch oder Schlesisch oder Berlinisch. Vielleicht ist es sogar viel reicher, denn 'es hat außer der deutschen Grundsprache eine große Anzahl hebräischer rrnd polnischer, sowie russischer Worte ausgenommen und umgebildet. Jedenfalls existiert das „Jiddisch" und wird von mindestens sechs Millionen Juden gesprochen urrd von einer beträchtlichen weiteren Anzahl verstanden. Es hat aber auch seine sehr guten Dienste den Juden geleistet, leistet sie noch und hat seit einigen Jahrzehnten sogar sich eine literarische Stellung errungen. @ine so verbreitete Sprache kann man nicht ohne weiteres aus der Welt dekretieren. Sie wird ganz von selbst nach und nach verschwinden, sobald die Bedingungen, denen sie ihre Entstehung und Fortdauer verdankt, aufgehört haben werden. Der hauptsächlich aus deutschen, hebräischen und polnischen Worten zusammengesetzte Jargon hat aber auch de:: Jude:: ganz außerordentliche Dienste geleistet. Die Mehrzahl der Juden, namentlich auch die Frauen, konnten nicht soviel hebräisch lernen, um Bibel und Gebete zu verstehen. Die jeweiligen Landessprachen wurden, da den Juden die Schulen unzugänglich waren, nicht gelehrt. So diente das „Jiddisch" dazu, den jüdischen Massen Bibel, Gebete verständlich und jüdische Legenden, historische, ethische Abhandlungen aus dem Talmud und Midrasch zugänglich zu machen. Denn das „Jiddisch" ist keineswegs erst seit heute und gestern Schriftsprache. In neuerer Zeit ist es nur in geradezu eminentem Sinne auch Literatursprache geworden. Man übersetzte die hervorragendsten Werke fast aller wichtigen Literaturen, und so wurde durch das „Jiddisch" möglich gemacht, daß die jüdischen Massen in Rußland, Rumänien rc. auf ein höheres Niveau gehoben, mit den Werken der bester: deutscherr, französischen, englischen Arrtoren bekannt gemacht wurden. Endlich wurden in allerletzter Zeit auch von wirklichen jüdischen Dichter:: beachtenswerte und auch beachtete Gedichte, Novellen und selbst Dramen verfaßt. Und wir sehen nicht eirr, warum in schlesischer, sächsischer Mundart, in mecklenburgischem, holsteinschem, ostpreußischem Platt sott gedichtet werden dürfen, nicht aber auch in einem von einer weit größeren Anzahl Menschen allein gesprochenem Idiom. In der Tat hat die in „Jiddisch" geschriebene Literatur, ganz abgesehen von den Uebersetzungen, einen bedeutenden Umfang angenommen, die ganze Bibliotheken füllt, eine ganze Reihe von Theatern mit ernsten Dramen und sonstigen Stücken versieht. Zahlreiche Zeitungen werden in „Jiddisch" gedruckt. Durchaus mit Recht ist auch die Fertigkeit „Jiddisch" zu lesen und zu schreiben in Amerika, Südafrika re.- als ausreichender Bildungsbeweis anerkannt worden, der zur Einwanderung berechtigt. Aengstliche Gemüter besorgen, daß die jüdischen Einwanderer, die jiddische Zeitungen, Theater, Bücher in der neuen Heimat vorfinden, nicht englisch lernen werden und so wiederunt ein abgesondertes Leben führen werden. Diese Befürchtungen werden aber durch die Tatsachen widerlegt. Die eingewanderten Juden lernen sehr schnell englisch und assimilieren sich ungemein schnell. Sowie der starke Zustrom russischer Juden aufhört, werden nach kurzer Zeit schon auch die jiddischen Zeitungen und Theater aufhören, Bedürfnis und damit lebensfähig zu sein und werden eingehen. Selbst die deutschen Zeitungen und Theater in Amerika halten sich nur infolge der fortgesetzten deutschen Einwanderung. Das Jiddisch wird anfhören in Amerika, in England, ja selbst in Rußland, sowie die „polnischen Juden" nicht mehr genötigt sind, den Wanderstab zu ergreifen, und sowie sie in Rußland als gleichberechtigte Bürger allgemeinen Schulunterricht genießen könne::. Es wird so aufhören, wie es verhältnismäßig schnell in Deutschland anfgehört hat. Die Juden in Deutschland verstehen es zun: Teil kaum noch, und die es verstehen, sprechen es nicht mehr. Die polnischen Jude:: werden mit ihrem „Jiddisch" aufhören, nicht sofort, aber ziemlich gleich, nachdem die Verhältnisse ausgehört Haber: werden, die Juden zu „polnischen Juden" machten und ihnen einen eigener: Jargon aufnötigten. Bis dahin müssen wir die polnischen Inden eher bemitleiden als zurückstoßen, und darf n:an auch nicht über ihr „Jiddisch" als einen ungebildeten Jargon die Nase rümpfen. Dir Woche. Berlin 4. September, ie „Kreuzzeitung" ist ein frommes Blatt. Sie kennt keiner: Haß und keine Lüge, sie predigt vielmehr die Nächstenliebe und die Wahrheit; die Verleumdung findet keinen Eingang in ihre Spalten, denn ihr gilt das Wort des Jesus Sirach: „Ein Dieb ist ein schändliches Ding, aber ein Verleumder ist viel schändlicher." Diesen Grundsätzen ihrer Religion getreu, verkündet das fromme Blatt seit einen: halben Jahrhundert unentwegt den Haß und die Verachtung gegen Juden und Judentum und scheut vor keiner noch so gewagten Behauptung zurück, wenn es gilt, die Juden irgendwie zu beschuldigen oder herabzusetzen. Diese ehrwürdige Tradition hat der selige Rundschauer des Blattes, Leopold von Gerlach, eingeführt, indem er den Kanon aufstellte: „Die Juden sind überall die Führer der Revolution." Den Beweis dafür ist man schon damals schuldig geblieben. Seither ist diese Tradition in dem Blatte eifrig gepflegt und gehätschelt worden. Und auch der gegenwärtige Wochenschauer desselben, Herr Professor Dr. Theodor Schiemann, lehrt dasselbe Dogma, seit er seine politische Weisheit in den: Blatte der Junkerpartei an jeden: Mittwoch verkünden darf. Auch er verzichtet auf Beweise für diese Lehre; ein Dogma braucht eben nicht bewiesen zu werden. Auch Beispiele brauchen nicht erhärtet zu werden. Deshalb wird in der letzten Wochenschau schlankweg nachgeschriebeu, daß der „Bund" das Attentat aus Stolypin veranlaßt habe, während doch damals bereits das Gegenteil feststand, und daran wird nun die folgende Schlußfolgerung geknüpft: „Die Tatsache aber, daß die Revolution hauptsächlich von jüdischer Hand geschürt und geleitet wird, daß jüdische Vereinigungen es sind, von denen' die Mordanschläge beschlossen und ausgeführt werden, würde schon allein eine genügende Erklärung für den in Rußland vorhandenen Antisemitismus sein. Herrschbegier, blinder Haß und schier unersättliche Rachsucht sind die Triebfeder des dortigen revolutionären Judentums, es feiert wahre Orgien in diesen seinen schlimmsten Charaktereigenschaften. Darüber freilich schwieg man still, als die öffentliche Meinung der Welt für die Juden in Rußland begeistert werden sollte. Viele von ihnen haben gewiß zu Unrecht gelitten, ihre Leiden aber verdankten sie zum großen Teile der: Treibereien der eigenen Nasse. Wenn diesen letzteren vom den außerrussischen Stammesbrüdern mit den so reichlich ihnen, zu Gebvte stehenden Mitteln, mit dem so weit umfassenden Einfluß der jüdischen Zentrale ehrlich entgegengearbeitet worden wäre, so würde den russischen Juden damit vielleicht mehr geholfen sein, als mit den Protestmeetingen in den verschiedensten Ländern. Merkwürdigerweise hört man jedoch auch heute von jüdischer Seite kein verurteilendes Wort gegen „Kampfgenossenschasten" wie den jüdischen „Bund" in Warschau usw. Das Judentum als solches kann doch aber unmög-