Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 36. Berlin, 7. September 1906. eitung des Judentums Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 OT. »cöoftcur: Gustav ^arpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. VerlsZs-LxpeMoll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/^9, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Ser ,,polnische Jude". Berlin, 4. September. ^Jolnische Juden sind für uns alle Juden aus Halbasten, auch solche Juden, die nie Polen gesehen haben. Diese Juden behandeln wir so wie die spanischen Juden früher die deutschen Juden behandelt haben, ja — wenn man kleine unwillkürliche Bosheit mit großer beabsichtigter Nichtswürdigkeit, Harmloses mit Ruchlosem vergleichen darf — etwa so wie die Antisemiten uns behandeln. Gewiß haben die polnischen Juden innerlich wie äußerlich viel Unangenehmes, aber wir denken zu wenig daran, daß sie noch jetzt viel schlimmer behandelte Stiefkinder ihres Vaterlandes sind, als wir es vor hundert bis zweihundert Jahren waren. Wir vergessen, daß eine Behandlung. wie die Juden sie in Rußland erfahren, notwendig den äußeren wie den inneren Menschen beeinflussen muß. Wir finden es fast selbstverständlich, daß manche als Herren nach den Kolonien gehenden Germanen nach wenigen Monaten schon dort in ihren Sitten und Gewohnheiten, gelinde gesagt, lax werden, daß sie, die Christentum und Zivilisation den Schwarzen bringen sollen, nach ganz kurzer Zeit schon von beiden fast jede Spur verloren haben, und da wundern wir uns. daß Menschen, die jahraus, jahrein, tagtäglich bedroht, ausgepreßt, verfolgt, ihrer Habe, ihres Heims, ihrer Angehörigen beraubt werden, denen die Wege zum notdürftigsten Broterwerb, zur Bildung — von Ehren und Würden gar nicht zu reden — abgeschnitten oder mindestens auf das äußerste eingeschränkt und erschwert werden, daß, sagen wir, diese Leute nicht unseren Ansprüchen an Gentlemen, ja nur an gebildete Durchschnittsmenschen genügen? Trotzdem hat gerade die russische Regierung, allerdings unbewußt, an der Wiederaufrichtung und Rehabilitierung der „polnischen Juden" gearbeitet. Durch die politische, soziale, wirtschaftliche und jede mögliche andere Bedrängung der Juden hat sie diese zur Auswanderung getrieben. Zu Tausenden, zu Zehntausenden, zu Hunderttauseuden sind sie ausgewandert, überallhin, wo ihnen irgend gestattet war, Fuß zu fasten, vorzugsweise nach England und den Vereinigten Staaten. Und hier ist es geradezu wunderbar, welche Fähigkeiten sie entfalten, welche erstaunliche Energie und Zähigkeit sie entwickeln, um geistig, wirtschaftlich, sittlich und überhaupt kulturell vorwärts zu kommen. Ohne Kenntnis der Landessprache, der ihnen ganz fremden Sitten und Gewohnheiten, mit den denkbar knappsten Mitteln und unter schierunerträglichen Verhältnissen arbeiten sie mit unermüdlichen: Fleiß, legen sie sich kaum glaubliche Entbehrungen in Nahrung, Wohnung und Kleidung auf und erreichen früher oder später, mehr oder weniger ihr Ziel. Man würde es nicht glauben, wenn nicht christliche Zeugnisse von eher gegen die „unäesn rablo aliens" eingenommenen Personen vorlägen, wie eifrig die eben eingewanderten Juden ihre Kinder in tunlichst sauberer Kleidung in die Schulen schicken, wie fleißig und mit welchem Erfolge diese Kinder lernen. Haben ja neulich in einer Prüfung von achtzehnhundert kleinen Kindern in Newyork in: Buchstabieren nur zwanzig gut bestanden und diese zwanzig waren Kinder eingewanderter polnischer Juden; ja daS Kind, das am allerbesten bestanden hatte, war noch nicht ein Jahr im Lande. In einer Audienz, die vor kurzem der jüdische Arbeiterführer Braudes beim Präsidenten Roosevelt hatte, setzte dieser dem Staatschef auseinander, wie der russische Jude sich assimiliere und alle Eigenschaften eines guten und achtungswerten Bürgers zeige. Da ich — so etwa führte Herr Braudes vor dem Präsidenten aus — zwanzig Jahre unter den jüdischen Arbeitern im Osten der Stadt tätig gewesen bin, habe ich reichlich Gelegenheit gehabt, die Verhältnisse sorgfältig zu studieren, und ich freue mich, sagen zu dürfen, daß alle, die durch Tyrannei hierhergetrieben worden sind, vollauf die Ruhe würdigen, die sie hier finden, indem sie sich schnell alles Gute, das sie hier autreffen, aneignen. In den überfüllten Distrikten des Newyorker Ostens kommt auf 75 000 Bewohner nur eine Schänke. Trunksucht im Osten ist fast unbekannt. Statt der vielen Schänken findet man dort unzählige Privatschulen, sowie Vorbereitungsschuleu für jung urrd alt. Man trifft dort .oft Juden von sechzig Jahren, die nach harter Tagesarbeit abends die Schule aufsuchen, um dort zu lernen. Die Ostseite hat die größte Zahl von Buchläden, in welchen Tausende von Büchern über Astronomie, Physiologie, Mathematik, Philosophie, Biologie usw. verkauft werden. In den Dachkammern jener überfüllten Stadtgegend werden.diese Bücher studiert. Die Eingewanderten, die nicht schreiben und lesen können, suchen es schnell zu lernen. Die Berichte der Bibliothekare in den vorzugsweise von diesen Juden bewohnten Stadtbezirken konstatieren, daß niemand so eifrig liest und sich zu vervollkommnen sucht, wie die Juden des sogenannten Ghetto. Sie lassen sich nicht etwa Romane geben, sondern geschichtliche, philosophische und wissenschaftliche Werke. Menschen dieser Art sollten von niemandem gering geschätzt werden, am allerwenigsten von den eigenen Glaubensgenossen. Was sie uns jetzt unsympathisch macht, ist nicht von ihnen, sondern von der verblendeten russischen Regierung verschuldet, die sie in den Schmutz, auch sittlichen Schmutz, getrieben hat, und es kann nicht genug gerühmt werden, daß sie, da. sie kaum Luft und Licht in einem freien Lande genießen dürfen, sofort diesen Schmutz abzustreifen suchen.