Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 dahingegangen, der ihr ein Vorbild gottesfürchtigen, religiösen Wandels war. Der Entschlafene hat ferner durch manche synagogale wie allgemein mildtätige Schöpfung ein ehrendes Andenken hinterlassen. An seiner Bahre hob Herr Lehrer Lazarus aus Lübbecke die Verdienst^ dieses wackeren Gemeindeführers gebührend hervor. ----- Köln, 22. August. Am 28. n. M. wird in Köln am Rhein im „Hotel Lisch" die Iah.reskonserenz der zionistischen Weltorganisation beginnen. Die Jahreskonferenz findet immer in dem Jahre statt, in dem kein zionistischer Weltkongreß abgehalten wird. Die diesjährige Konferenz wird außerordentlich stark besucht sein. Es - werden u. a. Vertreter folgender Länder anwesend sein: Deutschland, Oesterreich, England, Holland, Belgien, Frankreich, Rumänien, Bulgarien, Italien, Dänemark, ferner von Palästina, Nordamerika und Argentinien. Besonders stark wird Rußland vertreten sein, und zwar werden u. a. drei ehemalige Dumaabgeordnete nach Köln kommen. Auch der Präsident des letzten Kongresses, Dr. Max Nordau, lvird an der Konferenz teilnehmen. Die Verhandlungen werden mehrere Tage dauern. München, 19. August. Die Israeliten in Altenschönbach (Bezirksamt Königshofen) streiten sich schon seit Jahrzehnten mit der dortigen Gemeinde, weil die Kosten der Erhaltung des dortigen protestantischen Pfarrhofs aus allgemeinen Vtitteln bestritten werden, während sie sich hierzu nicht für beitragspflichtig halten. Nach vielfachen Verhandlungen und Entscheidungen hing die Entscheidung der Frage endlich davon ab, ob die Gemeinde Altenschönbach als politische Persönlichkeit diese Baukosten als öffentliche Last übernommen und seither getragen habe. Da sich dies als unbestreitbar herausstellte, wurde die Beschwerde der Israeliten, gegen die schon die Negierung von Unterfranken entschieden hatte, vorn Verwaltungsgerichtshofe verworfen. T München, 21.August. JustizratDr^ Friedrich Nosenthal ist aus der Rückfahrt von.Marienbad unerwartet aus dem Leben geschieden. Er war in München eine wohlbekannte Persönlichkeit. Zu Theaterkreisen unterhielt Justizrat Rosenthal lebhafte Beziehungen, er galt als Mäcen, der gern junge Talente förderte. Er hatte auch ein offenes Haus, in dem nicht nur Berühmte verkehrten, sondern auch solche, die es erst später wurden; für Begabung und Können hatte er ein sicheres Gefühl und Urteil. In literarischen Dingen besaß er hervorragende Kenntnisse, stets war er mit den neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der Literatur vertraut und zeichnete sich durch ein ruhiges, sachliches und gesundes Urteil aus. Diese Freude an der Literatur hatte er wohl aus seinem ursprünglichen Beruf — er war nämlich von Haus aus Buchhändler — mit übernommen. Auch zu der deutschen Schriststellerwelt und besonders der Münchener hatte er viele rege Beziehungen. Der Münchener Schlaraffia gehörte Nosenthal seit ihrer Gründung an; er war einer ihrer Mitbegründer und jedenfalls eine ihrer Hauptstützen. Auch dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehörte Nosenthal als Vorstandsmitglied an. Rosenthal war auch journalistisch tätig. Vielen dürften die literarischen Beiträge, die er früher gelegentlich auch in den „Neuesten Nachr." veröffentlichte, in angenehmer Erinnerung sein. Von seiner juristischen Laufbahn ist noch nachzutragen, daß er nicht nur in Handelsfragen als sehr kompetent galt, sondern auch in Ehescheidungsprozessen. In mehreren großen Münchener Prozessen trat er als Verteidiger hervor. Seine Richtung in politicis war von Anfang an fortschrittlich. Im Freisinnigen Verein hielt er namentlich anfangs der 90er Jahre viele .Vorträge und Besprechungen der politischen Lage und äußerte sich häufig im „Frank. Kur.". Nach Maisons Tod wurde er kurze Zeit als Kandidat für dessen Sitz für den Landtagswahlkreis München I genannt. — Die Trauerkundgebung bei der Beerdigung ließ erkennen, wie beliebt und geachtet der Verstorbene in den weitesten Kreisen gewesen. Außer den Verwandten sah man zahlreiche Rechtsanwälte und Richtecbeamte, Künstler und andere mehr. Nach der schlichten Trauerfeier in der Friedhofhalle .mit der Trauerrede des Herrn Rabb. Dr. Finkelscherer, die die^edlen Charakterzüge des Verstorbenen rühmte, sein Wissen und Können, seine Menschenfreundlichkeit und Lebensfreude, bewegte sich der Zug zu dem kranzgeschmückten Grabe. Hier legte zuerst Kommerzienrat Sehboth namens des Landesausschuffes der Freisinnigen Partei in Bayern und namens des hiesigen Freisinnigen Vereins Kranzspenden nieder, indem er dem „aufopfernden Freund, dem geistreichen Redner" den innigsten Dank für sein Wirken in der Partei aussprach. Nach ihm widmete Kommerzienrat Franz Hartl dem Heimgegangenen namens der „Schlaraffia Monachia" unter Niederlegung eines Kranzes einen warmen Nachruf, desgleichen Justizrat Schuster für die Münchener Anwaltschaft. u. Bayreuth, 19. August. Den Abschluß der diesjährigen Bayreuther Festspiele bildete zu Ehren der anwesenden Fürsten eine große Soiree in der Villa „Wahnfried". Zur Mitwirkung waren Mdm. Grandjeun von der Pariser Grand Opera und Max Dawison aus Hamburg auserwählt. Der Großherzog von Hessen, der Herzog von Anhalt-Dessau, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, Graf Hochberg u. a. ließen sich durch Cosima Wagner den Hamburger Sänger Dawison vorstellen und liehen ihrer Bewunderung Ausdruck über das reiche künstlerische Können, mit dem es Dawison gelingt, trotz der Schärfe seines Drklamationsstils immer wieder der tonschönen Kantilene, somit der Tradition edlen Gesanges treu zu bleiben. Dawison stammt aus einer bekannten Kantorenfamilie! Gesterretch-Nngsrn. □ Wien, 27. August. Anläßlich des Geburtsfestes des Kaisers sind in den hiesigen Synagogen feierliche Gottesdienste abgehalten worden, außerdem wurden an diesem Festtage zwei humanitäre Anstalten der Oeffentlichkeit übergeben, die beide ihr Entstehen dem Wohltätigkeitssinn jüdischer Mitbürger zu danken sind: in Alland der sür 78 Kranke errichtete Pavillon, dessen Bestand hauptsächlich durch eine große Spende David v. Gutmanns ermöglicht wurde, und hier der vom kaiserlichen Rate Bernhard Pollak und dessen Gattin gestiftete Kinder-Pavillon im Kaiser Franz-Josess- Spital, den der Statthalter im Beisein des Stifters und zahlreicher Ehrengäste am 18. d. M. eröffnete. — Zum kaiserlichen Rate ernannt wurde der Prager Großhändler Leon Bondy. — Am 14. d. Mts. fand in Bihac (Bosnien) eine Tempeleinweihung statt und der Rabbiner Dr. M. Engel hat dort die Einweihungsrede gehalten, die laut Bericht der dortigen Zeitungen ungeteilten Beifall gefunden. In diesem Tempel werden die Spanjolen und die österreichischen Glaubensgenossen zusammen beten; die Gemeinde bildet eine Ausnahme in Bosnien, denn in allen bosnischen Gemeinden sind die Oesterreicher und Spanjolen in zwei Lager geteilt und haben besondere Bethäuser. Daß gerade in Bihac eine solche Eintracht herrscht, ist nur Herrn Dr. Engel zu verdanken, der durch seine Beredsamkeit auf die dortigen Spanjolen derart eingewirkt, daß sie sogar einen Chor eingeführt haben. Au der Tempelweihe haben alle Behörden teilgenommen. Vun Sah und fern. Im „Mädchenhans Pankow" (bei Berlin), in welchem schulentlassene jüdische Mädchen unentgeltlich zu Stellungen im Haushalt ausgebildet werden, sind zum 1. Oktober noch einige Plätze srei. Bewerbungen sind zu richten an Frau Landgerichtsrat Loewe in Berlin^., Uhlandstr.30.— Deram lö.Maid.J. verstorbene Landgerichtsrat Viktor Lion hat der Stadt Berlin 10000 Mark und den größten Teil seiner aus rund 1000 Bänden meist schönwissenschaftlichen und juristischen Büchern bestehenden Bibliothek vermacht. Das Kapital soll zur Begründung einer „Gebrüder Maximilian und Landgerichtsrat Viktor Lionschen Stiftung" dienen, deren Zinsen sür die Lesehallen verwendet werden sollen. Die Bibliothek soll den städtischen Bibliotheken überwiesen werden. Der Magistrat hat die Annahme des Vermächtnisses beschlossen. — Zur Begründung einer Moritz Strauß-Stiftung sind dem Magistrat von Frau Hermine Strauß geborene Maßenbach 20 000 Mark überwiesen worden. — Professor Dr. Hermann Oppenheim ist zum Ehrenmitglied der Neurologischen Gesellschaft in Tokio ernannt worden. — Der Geheime Sanitätsrat Dr. Ludwig Wolfs feierte am 21. d. M., fern von Berlin, sein 50jähriges Doktorjubiläum. Die medizinische Fakultät dkr Universität Greifswald übersandte ihm die Erneuerung seines Doktordiploms. — Im vergangenen Jahre erfolgten in Sachsen 1303 Uebertritte zur evangelischlutherischen Landeskirche und 1137 Austritte Uebertritte vömJudentume kamen 22, Austritte zu demselben fünf vor. — Durch Vermittelung des Vereins für Arbeitsnachweis wurden im Monat Juli d. I. 172 Personen in Stellung gebracht und 26 Personen haben