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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-31 · Heft 35 (31.8.1906) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 35 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 85. B®rIin’31, Angnst 1906' Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". Lorrelponvrn?m und Kschrichten. Deutschland. 88 Berlin, 28. August. Am 15. d. M., abends, sind von Hamburg aus 30 russische Waisenktnder nach Amerika, 19 nach England eingeschifft worden. Fräulein Perlmann, die der russischen Sprache mächtig ist. geleitete die nach Amerika, Fräulein Pappenheim, die nach London bestimmten Kinder, die sämtlich in gutem Gesundheitszustand waren. Fräulein Klausner brachte am 17.d.M.acht Kinder, sechs Mädchen und zwei Knaben, in das Ahlemer Erziehungsinstitut bei Hannover. Diese acht Kinder gehören zwei Familien an, sechs sind Geschwister Mordche Lewin, zwei Geschwister Makiel. Man hatte sie für Ahlem ausgesucht, um dem Wunsch der Verwandten zu genügen, daß sie ungetrennt blieben. Der Verpflichtung zu jüdisch-religiöser Erziehung wird in Ahlem vollkommen Genüge getan. Ein neunjähriger Knabe, Daniel Lewin, war masernverdächtig gewesen. Aus diesem Grunde hatte die Reise nach Ahlem verzögert werden müssen, bis der Verdacht sich als ungerechtfertigt erwiesen hatte. In Hamburg waren die Mädchen von dem dortigen Hilfskomitee mit neuen Kleidern ausgestattet worden. Es verdient besondere Erwähnung, daß alle Beamten der Hamburger Auswandererhallen der Hapag wetteiferten, den Hinterbliebenen der russischen Pogromopfer jede erdenkliche Aufmerksamkeit zu erweisen. Am Freitag reisten die acht Kinder mit Fräulein Klausner nach Hannover, wo sie von Herrn Inspektor Silberberg empfangen wurden. Um 5 Uhr nachmittags trafen die Kinder in Ahlem ein, wo herzliche Aufnahme sie bald zutraulich machte. Am Montag (20. August) beginnt der Unterricht, den sie mit fünf anderen, vor kurzem in Ahlem aufgenommenen russischen Kindern gemeinsam erhalten, bis sie des Hochdeutschen mächtig geworden sind. Fünf von den neu eingetroffenen Kindern, die fünf jüngeren Geschwister Lewin, sind Schützlinge der Alliance Israelite Universelle, die drei anderen unterstehen der Fürsorge des Hilssvereins der Deutschen Juden, der bereits aus Amerika die telegraphische Nachricht erhielt, daß die 30 russischen Waisenkinder am 27. August wohlbehalten drüben angekommen sind. Das „National Committee för Relief of Sufferers by Russian Massacres“ hat die Kinder, welche die Seereise sehr gut bestanden haben, in Empfang genommen und wird für deren Unterbringung in zweckentsprechender Weise Sorge tragen. Auch von den Kindern, die nach England gingen und die vom dortigen Rnsso Jewish Committee versorgt werden, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden gute Nachrichten erhalten. Die durch die Großloge für Deutschland in Deutschland versorgten Kinder beginnen bereits in ihren Pflegestellen heimisch zu werden. s. Berlin, 26. August. Die seit 100 Jahren in Berlin bestehende Marcnfesche Synagoge, die in der City Berlins öfter ihren Wohnsitz wechseln mußte, hat jetzt einen großen Tempel bezogen. Es ist die frühere Andachtsstütte der Aclass Usroel-Gemeinde, Gipsstraße 12 a, die, vollständig erneut, würdig dem gottesdienstlichen Zwecke entspricht. s. Berlin, 27. August. Wir erhalten von angesehener Seite die nachfolgende Mitteilung, die wir namentlich vor den Festtagen unseren Lesern zur Beachtung empfehlen: „Es werden in letzter Zeit von Jerusalem aus an Privatpersonen in Deutschland und der Schweiz sogenannte „Blumenkarten" versandt, denen nach einiger Zeit ein Zirkular folgt. In dem letzteren wird der Empfänger unter Berufung auf seinen Wohltätigkeitsfinn gebeten, zur Unterstützung einer in großer Armut befindlichen Familie nach freiem Ermessen einen Gegenwert für die Blumenkarten einzusenden. Erkundigungen haben ergeben, daß es sich hierbei um eine in großem Stil betriebene Bettelindustrie handelt, die das Interesse für Jerusalem und die unter einem Teil der dortigen jüdischen Bevölkerung vorhandene Armut gewerbsmäßig ausnützt. Die Namen der angeblich oder wirklich bedürftigen Personen werden öfters von den eigentlichen Geschäftsleuten nur vorgeschoben, dafür erhalten jene einen Anteil am Geschäftsgewinn. Häufig arbeitet ein Unternehmergleichzeitig unter mehreren Namen." o. Cttlm a. W. (Weftpr.), 22. August. Am 8. d. M. beging der Kantor und Religionslehrer a. D. Baruch Samuel hier seinen 80. Geburtstag. Welche Liebe die Gemeinde dem Beamten, der seit sieben Jahren im Ruhestande ist, bewahrt hat, kam dabei zu rührendem Ausdruck. Vom frühen Morgen an liefen Glückwünsche und Spenden aller Art ein. Am Mittag erschienen Deputationen des Vorstandes, der Repräsentantenversammlung und der Chewra, geführt von Rabbiner Dr. Guttmann, der das schlichte, fromme und pflichttreue Wesen in dem Jubilar feierte. Gleicherweise hielten Ansprachen der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Louis Jtzigsohn und Herr- Moritz Simon, beide unter Ueberreichung eines Ehrengeschenks. Am Abend fand ein von Rechtsanwalt Blumenthal geleiteter Kommers statt, an dem sich fast die ganze Gemeinde beteiligte. Besondere Beachtung fand die Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Guttmann, der auf die Bedingungen, unter denen allein ein jüdischer Kultusbeamter sich Liebe und Anerkennung erwerben könne, in trefflichen Worten hinwies und den Idealismus pries, den der Dienst in einer kleineren jüdischen Gemeinde erfordere. Ein feierlicher Moment war es sodann, als Herr Moritz Simon dem Jubilar mit einer Ansprache seine Ernennung zum Ehrenmitglied der Chewra Kadischa m-fitnbele; eine Auszeichnung, welche der Verein seit seiner Gründung (im Jahre 1862) noch niemals verliehen. Der jüdischen Frau, insbesondere der Gattin des Jubilars, galt ein humorvoller Toast von Referendar Benjamin; Herr Rechtsanwalt Blumenthal gab Spenden jüdischen Humors zum Besten. Namens der Söhne des Gefeierten antworteten in längerer Ansprache Rabbiner Dr. Samuel aus Essen, in kürzerer Dr. Ernst Samuel, der unter dem Namen Dr. Anselm Ruest literarisch tätig Ist. Ein Kränzchen beschloß den wohlgelungenen Abend, der ein selten patriarchalisches Verhältnis zwischen Gemeinde und Kultusbeamten zum Ausdruck gebracht hatte. Kantor Samuel, aus Pasewalk gebürtig, hatte sich an Mustern wie Aron Lichtenstein und anderen gebildet und in dev Culmer Gemeinde, in der er über 40 Jahre wirkte, neben der Pflege des traditionellen Gesanges die Werke Sulzers und Lewandowskis eingeführt und sich durch seinen Eifer für jüdischen Sang und jüdisches Gebet wahrhaft verdient gemacht. Noch heute, wo ein Augenleiden ihm größte Schonung auferlegt, eytbehrt die Gemeinde, die leider durch Fortzug der begüterten Familien viel von ihrem alten Glanze eingebüßt, an den hohen Festen nur ungern ihren alten Kantor am Vorbeterpult. Möge ihm ein langer, friedlicher Lebensabend beschieden sein. ff. Posen, im August. Am 15. Oktober d. I. werden es 70 Jahre, seitdem die auf der Teichstraße befindliche israelitische Waisen knaben-Anstalt besteht. Die Gründung dieser Anstalt knüpft sich an eine Tat seltenen Seelenadels. Ein Edelmann, im schönsten Sinne des Wortes, evangelischer Konfession, der Freiherr Ernst von Kottwitz auf Fachorz (Kreis Bomst), ein Mann, welcher sein ganzes Dasein in den Dienst der werktätigen Menschenliebe gestellt, hatte im Jahre 1835 einem Gemeindemitglied David Frankel den Entschluß zu erkennen gegeben, eine namhafte Summe zugunsten einer wohltätigen Anstalt der israelitischen Gemeinde Posens zuzuwenden, wenn er zunächst Auskunft erhielte, welche dieser Anstalten am zweckdienlichsten eingerichtet und der Gemeinde am ersprießlichsten wäre. Einige der angesehensten und durch ihren Wohltätigkeitssinn bekannten Mitglieder der jüdischen Gemeinde faßten den Beschluß, die Errichtung einer Waisenanstalt für die jüdische Gemeinde der Stadt Posen dem Herrn von Kottwitz vorzuschlagen. Es wurde daraufhin ein Verein begründet, dessen Mitglieder sich zu jährlichen Beiträge!: für die Unterhaltung des zu gründenden Waisenhauses bereit erklärten. Mit diesem Plan war Baron von Kottwitz einverstanden, als erster zeichnete er den Betrag von 5000 Talern. So erfolgte aur 15. Oktober 1836, dem Geburtstag des Kronprinzen und nachmaligem

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