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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-31 · Heft 35 (31.8.1906) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 35 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
Seite 420 (sequence 12)
Language
German
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- 420 - „Ein braver Kerl, dieser Fernando." „Und auch nicht so stolz, wie die übrigen Caballeros," fügte eine braune Gitana mit lebhaften Augen hinzu. „Und erst Diego d'Almora, der ist eine wahre Krone der Menschheit," sagte ein dritter. „Ja, das ist wahr," sagte Mateo, sichtlich erfreut über die neue Wendung des Gespräches. „Vornehm, wohltätig und ein guter Christ." „Erst vorige Woche hat er unserer lieben Frau von Pilar ein goldenes Diadem geschenkt." „Wenn alle Spanier so gute Katholiken wären, wie er, daun brauchen wir bald keine Inquisition mehr." „Chito!" (Ruhe) riefen nun plötzlich mehrere Stimmelt auf einmal: „Chito!" Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen. Der unversöhnliche Gerichtshof flößte einen solchen allgemeinen Schrecken ein, daß die bloße Nennung seines Namens sogar Leute dieses Schlages, die vor keinem Verbrechen zurückbebten, erzittern machte. Und trotzdem hatte nicht ein einziger dieser Männer je auch nur die geringste kirchliche Pflicht vernachlässigt, ans Furcht, als Ketzer angezeigt zu werden und in die Hände der Inquisition zu fallen. Alle waren bleich geworden und sahen sich nrißtrauisch an. Derjenige, welcher die letzten Worte gesprochen hatte, war still geblieben, wie die anderen. War er ein Unvorsichtiger oder ein Verräter? „Ist es wahr," sagte die Gitana, die schon vorhin gesprochen hatte, „daß Diego d'Almora seine Tochter Juänita an Fernando verheiraten wird?" Diese Frage hatte den gewünschten Erfolg. Sie ließden peinlichen Eindruck, den die Worte des letzten Redners gemacht hatten, vergessen. Es war allen ein Stein vom Herzen gefallen und die Unterhaltung belebte sich von neuem. „Das scheint eine ausgemachte Sache zu sein," antwortete ein anderes Weib. „Ich glaube es nicht," sagte ein Guapo, „d'Almora ist reich und Fernando hat nicht einen Pfennig." „Wenn d'Almora reich ist, so reicht das für beide aus, und die ganze Stadt weiß, daß er Fernando liebt." „Man spricht schon solange von der Hochzeit, und doch ist noch immer uichts daraus geworden." „Das ist richtig, aber die junge Juanita hat schon so viele Partien ansgeschlagen." „Man sagt, sogar den Sohn des mächtigen Grafen Franz von Ramira." „Jetzt habt Ihr aber genug geschwatzt," donnerte sie plötzlich Mateo an, „wenn inan Euch so freien Lauf ließe, Ihr möchtet den ganzen Tag fortplappern. Kümmert Euch um Euch selber und laßt andere ehrliche Leute in Ruh." Die Personen, die der Hauptmann für gefährlich gehalten hatte, waren nämlich soeben verschwunden, und dieser unterbrach das Gespräch, um Befehle zu erteilen und das vorhin empfangene Geld unter die ziemlich zahlreiche Rotte, die ihm unumschränkt untergeben war, zu verteilen. Die Stammgäste der „roten Herberge" waren jedoch nicht die Einzigen, die sich über die mehr oder minder nahe bevorstehende Ehe zwischen Fernando und Juanita unterhielten. Man sprach davon in ganz Saragossa. Dieses llnterhaltungsthema war übrigens deswegen um so interessanter, weil es ganz ungefährlich war, und in der Zeit, in welche unsere Erzählung fällt, war man sehr froh, dergleichen Themata zu finden. In der Tat war der Schrecken, den die Inquisition einflößte, ein allgemeiner, niemand, er mochte noch so hoch gestellt sein, war vor ihren Angriffen sicher; ein unvorsichtiger Gedanke, ein unüberlegtes Wort, die Denunziation eines Feindes genügte, einen Unschuldigen der Ketzerei für überführt zu halten und zum Scheiterhaufen zu führen. Alle persönliche Sicherheit hatte aufgehört, es war so weit gekommen, daß die angesehensten, die edelsten und stolzesten Männer es sich zur Ehre anrechneten, als Diener und geheime Agenten der gefürchteten Gewisfensrichter aufgenommeu zu werden; das war das einzige Mittel, sich der fortwährenden Gefahr, die über den Häuptern aller schwebte, zu entziehen. Das heilige Offizium ließ aber diese Diener nur auf einen schrecklichen Eid zu, durch welchen sich die Letzteren verpflichten mußten, auf alle Freundschafts-, auf alle Familienbande zu verzichten, jedes glaubensfeindliche Wort, das ihnen zu Ohren komme, anzugeben, rücksichtslos ihre nächsten Verwandten, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Frau, ja sogar ihre Kinder anzuklagen, da es sich um die Sache Gottes und der heiligen Kirche handle. So hatte im Schoße der Familie selber alles Vertrauen aufgehört, jeder liebevolle Gefühlsansdruck, jede sanfte Herzensregung war geschwunden. Der Freund fürchtete den Freund, der Bruder scheute den Bruder, und der Vater mißtraute den eigenen Kindern. Saragoffa war, 'wie alle Städte Spaniens, öde und traurig geworden; das Leben hatte jeden Reiz, jede Freudigkeit verloren; man nahte einander nur mit Vorsicht, man wog jedes Wort ab, obwohl man sich nur von ganz gleichgültigen Dingen unterhielt. Man sprach also in Saragossa viel von der Verbindung zwischen Juanita und Fernando, trotzdem daß die Glücksgüter so ungleich auf beide verteilt waren. Denn darüber war man einig, daß Diego d'Almora große Reichtümer besitze, während Fernando arm sei. Er war eines Tages in die Stadt gekommen, man wußte nicht woher, augenscheinlich aber in einer sehr traurigen Lage, bis ihn ein Zufall, wie man glaubte, mit Diego d'Almora in Verbindung brachte. Dieser interessierte sich für den jungen Mann und gewährte ihm Schutz und Beistand. Nieinand wunderte sich darüber, (denn Diego war der wohltätigste Marin in Saragossa; niemals hatte sich ein Armer, ein Unglücklicher vergeblich an ihn gewendet. Fernando hatte es verstanden, die ganze Gunst seines Beschützers zu gewinnen. Der letztere hatte ihn in feine Geschäfte eingeweiht, er vertraute ihm sein ganzes Vermögen an, und wie man allgemein glaubte, ging er damit um, ihn zu seinem Schwiegersohn zu machen. Das waren in Wirklichkeit alles nur Gerüchte, denn niemand wußte etwas Bestimmtes über diesen Punkt. Diego d'Almora war ein redlicher und offenherziger Mann; er empfing alle, die in seinem bescheidenen Hause verkehrten, mit der größten Liebenswürdigkeit, aber er war auch andererseits sehr diskret und sprach mit niemandem über seine Familienverhältniffe. Fernando seinerseits hatte den jungen Leuten, die ihm bei ihren Zusammenkünften Schmeicheleien über sein Glück sagten, stets ausweichend geantwortet. Soviel stand fest, daß Juanita schon glänzende Partien ausgeschlagen hatte, und die Stammgäste der „roten Herberge" waren gut unterrichtet, wenn sie unter den letzteren den Sohr» des Grafen von Ramira, des Abgeordneten für Arragonien, nannten, der aus einer der ältesten Familien des Landes stammte. «Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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