Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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419 Bettler waren, sich besonders geehrt fühlte, daß ich ihn meines besonderen Umgangeswürdigte und mir deshalb diese Heldentat gewährte oder ich in der Tat so stark war, ich weiß es nicht. Ich holte mir also das Salzsäckchen, und Babi sagte, ich solle acht geben, damit der Kaufmann mir das Salz nicht von unten gebe, da es ausgewässert sei und schwerer wiege. Ich versprach, alles gut zu machen. Ich betrog niemand und ließ mich auch von nieniand betrügen. Ich besaß mir eigentümlich eigenes Geld nahezu zwei Gulden, und die Schnur meines Geldbeutels war zu aller Vorsicht doppelt in das Knopfloch der Hosentasche eingenäht. Ich kaufte mein Salz in der oberen Stadt im Eckladen am Marktplatz. Ich ging die Stadt hinab über die Brücke und trug mein Bündelchen in der Hand. Es schien mir doch viel Wasser darin. Mit dem einzigen, wo man nicht sollte betrogen werden, wo der Preis festgestellt ist, wird man noch besonders betrogen und kann sich an niemand anders wenden. Ich begann die Nordstetter Steige hinanzugehen. Ich war an der Ziegelhütte vorüber, da sah ich auf den Bauhölzern drei Knaben, trotzig dreinschauend und verschmitzt lachend. „Warum sagst du nicht guten Abend?" Ich ging weiter. Ich hatte ein gewisses banges Gefühl, es könnte mir etwas passieren, obgleich noch heller Tag war; ich wollte aber doch auf der Landstraße bleiben, wo man Bekannten begegnet, und nicht den kurzen Fußweg gehen, der zwischen den Dächern der Bierkeller in.wenigen Minuten nach Nordstetten führt. Plötzlich höre ich etwas hinter mir. Ich drücke mein Salzsäckchen ans den Kopf. Es ist nicht sehr angenehm und naß. Plötzlich stolpert einer der Knaben an mich heran, mein Salzsäckchen fällt auf den Boden, ich will es aufheben, aber ich werde nochmals überrannt bis zu der Schlucht, wo die Gipsmühle ist. Jetzt richte ich mich auf und schreie: „Drei über einen. Kommt her! Mit dem einzelnen nehm ickffs auf." Ich packe sofort den (einen), ich glaube, es war der Sohn des Messerschmieds, und warf ihn nieder. „Wir wollen nicht mit dir raufen, du Judenbüb. Wir wollen, du sollst niederknien und du sollst die gefalteten Hände emporheben und sagen: „Christ ist erstanden." Es muß ein spöttischer Zug über meinen Mund gezogen sein, denn die drei Knaben sagten: „So, du verhöhnst heute noch unseren Heiland, den deine Borfahren gekreuzigt und gemartert haben?" „Ich verhöhne ihn nicht." „Schau, wir martern dich, wir binden dich, wenn du jetzt nicht gleich (sagst): Christus ist erstanden, in die Hölle gefahren und nach drei Tagen wieder erstanden." „Das kann ich nicht sagen." „Warum nicht?" „Weil ickffs nicht glaube." „Warum glaubst dws nicht?" „Weil ich's eben nicht glaube." „Jetzt ist es genug," rief der Messerschmied. „So, da sind Schnüre genug, bindet ihm die Füße übereinander. Helft ihn regelrecht als Gekreuzigten binden." „Was habe ich euch getan?" „Du bist verflucht von Ewigkeit!" Ich raffte mich auf, strampelte mit den Beinen, schlug die oben Haltenden und biß und kratzte, schrie laut, man muß ja auf der Straße hören, was hier einem unschuldigen Menschen geschieht. Aber das Wasser rauschte so mächtig und die Mühle zerstampfte den Gips. Ich hörte nur noch, wie einer sagte, „sein Salz zerstreuen wollen wir da". Sie gingen fort und ich lag gebunden, gefesselt, gekreuzigt. Es wird Nacht. O was wird meine Mutter denken und meine Schwester Babi; vielleicht sind sie oben auf der Straße, sie hören mich nicht, ich höre sie nicht. Wenn ich nur einen Strick von meinen Schnüren zerbeißen könnte, aber der Schelm, der Messerschmied, hat mir noch die Stirn an ein Brett gebunden, so daß ich die Stirn nicht bewegen konnte. Da höre ich plötzlich eine Stimme. Was ist das? Des Großvaters Türkle. Jude! ruft: „Zurück, Türkle. Die Laterne daher." Der Türkle aber, der gescheiteste, folgsamste und gutmütigste aller Hunde, gehorcht nicht, und kommt Onkel Jubel und sieht, was da vorgefallen ist. Er sagt, das hat gewiß der Gipsmüller getan. Er hat dich nicht losgemacht. „Gipsmüller, komm einmal daher. Hast du den Knaben da schreien hören?" „Ich weiß nicht recht." „Ich will dir's zu wissen tun," sagt Jubel, packt den Gipsmüller und zerbläut ihn, daß er kaum mehr aufstehen, kann. Dann sagt er: „Und weißt du. was dich gerettet hat? Dein Salz. Ich habe vier Hämmel, die ich für den Großvater schlachte, die waren nicht mehr zu halten, wie sie dein Salz gerochen haben, und des Türkles Ungehorsam war Gescheitheit." Der Türkle leckte mir die geschwollenen Halsadern und die geschwollenen Fußknöchel. Ich (konnte) nicht die wenigen Schritte auf der Straße gehen. Glücklicherweise wurde Bier geholt und ich wurde auf eineu Bierwageu gelegt. Onkel Jude! tat noch seinen Rock aus, damit ich weich und warm liege. Ich rief Onkel Judel zu mir und bat ihn, die ganze Sache vor meiner Mutter zu verschweigen. Ueberhaupt sollte niemand etwas davon wissen und es verschärfte nur den Haß zwischen Juden und Christen, den freilich nur die eingebildeten Horber hätten. Judel willfahrte mir nicht. Mein Bruder Abraham, die Nordstetter Kameraden, des Kronenwirt (Sohn), des Schakerles Jakob, Konstantin und voran der Prachtkerl, der Sohn des Schloßbauern, führten nun eineu förmlichen Krieg mit den Knaben von Horb und mir wurde berichtet, daß der Messerschmied-Junge, der eingestanden habe, kaum mehr auf einem Bein stehen könne. Die Sache geriet indes bald in Vergessenheit. Da mein Vater für mich in der Synagoge aufgerufen wurde, für mich Gvmel zu benschen (das Dankgebet zu sprechen für meine Rettung aus-Todesgefahr), damit war die Sache aus der Privatsache heraus, sie gehörte der Gemeinde. Ich meine, von damals an wurde ich erst vertraut mit allen Bauern und Bäuerinnen im Dorfe. Die Nordstetter halfen einander ohne Unterschied der Religion und ich glaube, daß aus jener Zeit die Keimung meiner großen Liebe zum Bauernstand stammte. pus trüber Leit. Eine historische Erzählung. II. *^1 llgemeines Freudengeschrei der Guapos begrüßte den Hauptmann bei seiner Ankunft. Die Räuber hatten wirklich schon die Erfahrung gemacht, daß ein Geschäft mit Diego d'Almora immer einen außergewöhnlichen Gewinn abwarf. „Nun Meister!" begann der große Guapo, der vorhin auch zuerst mit Fernando angebunden hatte, „was hat er gesagt?" Der Hauptmann antwortete nur mit einem wütenden Blick. Mit Recht, denn es befanden sich allerlei Menschen, Spione und Diener der Inquisition, im Zimmer, und das ausgedehnte Angeberei-System, mit welchem das heilige Officium Spanien beglückt hatte, hatte sogar bei wirklich ehrlichen Leuten Mißtrauen zur Gewohnheit gemacht, wieviel mehr also bei den Söhnen der Eardunja. Der Guapo sah ebenfalls sein Vergehen ein und war bemüht, sein Unrecht wieder gut zu machen; so suchte er also dem einmal berührten Thema eine andere Wendung zu geben und fuhr fort: