Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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418 Börne, wo er seine „delikate Posiziaun" ergötzlich schildert; denn er ist mit Börne ebenso wie mit Rothschild verwandt. Gleichwohl würde er die Ehre, mit den: Baron James in den Gemächern seines Kontors en famille zu Mittag zu speisen, selbst mit der Hälfte seiner Nase erkaufen. Heine bemerkt aber dabei, „daß die Nase des Herrn *, selbst wenn er die Hälfte einbüßte, dennoch eine hinlängliche Länge behalten würde". Mit dem Nasenstern gelangen wir wieder in das Foyer des Angriffswitzes und der Selbstironisierung. In beiden Reichen war Heine Herrscher. Kein Zweifel, daß er dem Don Isaak Abarbanel, dem Neffen des berühmten Schriftgelehrten gleichen Namens, Züge seines eigenen Wesens verliehen hat. Er hat sich aus „Luxusübermut" (das Wort ist von Heine treffend erfunden) taufen lassen; er ist ein Dichter und ein Verehrer des schönen Geschlechts dazu; er kann die Juden nicht leiden, kann aber doch nicht von ihnen loskommen. Ein heimliches Sehnen führt ihn überall, in Toledo sowohl wie in Frankfurt a. M., in die Nähe ihrer Synagogen und Garküchen, zu der Schönheit ihrer Frauen und dem Duft ihres Schalet. Isaak Abarbanel ist Heine selbst. Seine Schlagworte und Witze, seine Galanterien für Frau Sarah und seine satirischen Komplimente für Frau Schnapper-Elle kehren oft bis auf den Wortlaut in Heines Briefen, vertraulichen Mitteilungen und privaten Unterredungen wieder. Es ist, als ob wir Heine selbst reden hörten, wenn Don Isaak ausruftH: „Der Verkehr mit dem Volke Gottes ist sonst nicht meine Liebhaberei. Und wahrlich nicht um hier zu beten, sondern um hier zu essen, besuche ich die Judengasse . . . ja, ich liebe Eure Küche weit mehr als Euren Glauben; es fehlt ihm die rechte Sauce." Und am besten erkennen wir Heine in Isaak Abarbanel wieder, wenn dieser sich als Heide bekennt, dem die „dürren, freudlosen Hebräer" ebenso zuwider sind, „wie die trüben, gualsüchtigen Nazarener", und der nur „der^lieben Frau von Sidon, der heiligen Astarte", seine'Huldigungen darbringt, die da thront in Babylon, wo die Lebenslust schäumt im Tempel der Götter! Aber aus den Tempeln der Lust kehren beide doch immer zu den wohlschmeckenden Jugenderinnerungen wieder. Sie sehen im Geiste Karpfen mit brauner Rosinensauce, das gedämpfte Hammelfleisch mit Knoblauch und Meerettig. womit man die Toten erwecken kann, und die Suppe mit dm schwärmerisch schwimmenden Klößchen . . . und beider Seelen schmelzen wie die Töne einer verliebten Nachtigall. Die Versuchung, durch Episoden zu wirken, swelche jedem Humoristen gefährlich wird, bringt auch Heine hier ltub i. a aus dem Zusammenhang der Handlung, aber wir folgen dennoch den kecken Sprüngen seines Humors gar zu gern Die Episode, mit der er seinen Torso abschließt, ist von großer künstlerischer Wirkung, und nicht zum geringsten beruht diese Wirkung darauf, daß das Fragment an dieser Stelle scheinbar plötzlich abbricht. Ich sage scheinbar, weil ich überzeugt bin, daß diese Wirkung vom Dichter ausdrücklich beabsichtigt ist?) Man vergegenwärtige sich die Situation. Mit übertriebener Grandezza hat Don Isaak der Sennora Schnapper-Elle eben eine feurige Liebeserklärung dargebracht, die den Nasenstern, wie es scheint, eifersüchtig gemacht lind selbst die verehrte Dame einigermaßen in Verlegenheit versetzt hat. Diese Verlegenheit wächst, je mehr sie erkennt, daß der fremde Ritter seinen Spott mit ihr treibe. Da erscheint zum Glück die schöne Sarah mit ihrem Gatten auf der Bildfläche der Garküche. Und nun stürzt sich Schnapper-Elle in ein lebhaftes Gespräch, „ivorin sie alle ihre falsche Vornehmtuerei und echte Herzensgute entwickelt und mit mehr Weitläufigkeit als Klugheit die fatale Geschichte erzählt", welche ihr, ihrer Schönheit wegen, in dem.verfänglichen Hause zu Amsterdam passiert sei. Schon ist Don Isaak im Begriff, die Einzelheiten dieser gefährlichen Geschichte zu beleuchten, da tritt zum Schluffe eine neue I. Persönlichkeit in die Erscheinung: der scheele Aron Hirschkuh vonlHomburg an der Lahn kommt mit der weißen Serviette im Maul aus dem Hause hervor und klagt ärgerlich, daß schon längst die Suppe aufgetragen sei und die Gäste zu Tische säßen und nur noch die Wirtin fehle .... Mit dieser Szene von unnachahmlicher derbkomischer Wirkung, die nach dem Pinsel eines niederländischen Malers förmlich schreit, schließt das Fragment wirkungsvoll ab. Wir haben gesehen, daß sich alle Vorzüge und Fehler der Eigenart Heines schon in diesem Jugendwerk zusammenfinden. Eins der wichtigsten dieser Elemente in feinem Seelenleben ist seine Stellung zum Judentum. Während seines ganzen Lebens schwankt er zwischen Bewunderung und Verachtung, zwischen Liebe und Haß, Aber der wäre ein schlechter Seelenkenner, der nicht aus all diesen wechselnden Stimmungen den Grundton der Liebe heraushörte, die trotz alledem und alledem doch tief in seiner Brust lebte und die vielleicht niemals stärker war als in den Momenten, wo er dllrch ein abschätziges Wort oder einen schnöden Witz sich auch innerlich von seinen ehemaligen Glaubensgenossen zu befreien suchte. Ich habe den „Rabbi von Bacharach" ein Denkmal dieser Liebe genannt. Und in der Tat feiert dieselbe in diesem Werke ihre seltsamsten Triumphe. Immer und überall kehrt sie wieder. Schon im Eingang bricht sie in der Schilderung des Seder-Abends am Passahfeste mit elementarer Kraft hervor?) „Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist' der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen." 6. K. (Fortsetzung folgt.) Aus den Hugendrrmnrrungen. Von Berthold Auerbach. II. s war gegen Ostern in der Karwoche. Ich saß bei Mutter und Schwester in unserem Vorgarten. Die Mutter wünschte, daß ich ihr aus einem heiligen Buche vorlese. Babi wünschte dagegen die Fortsetzung von Carl von Carlsburg. Die Mutter aber sagte: Laß mich in Ruhe mit der Geschichte vom menschlichen Elend. Ich sehe im Leben genug davon und brauche keine Bücher dazu. Ich fragte nun, ob mich die Mutter in Horb Salz holen lasse wolle. Das wäre mir recht. Sie fragte mich, ob vier Pfund für mich nicht eine zu schwere Last sei. Ich lachte und erzählte meine Hauptheldentat, daß ich das Leserle von Mansche Hersch, mit mir ein ganz gleichaltenger Bursch, mit dem kleinen Finger zu Boden geworfen habe, ja mit dem kleinen Finger wiederholte ich. Ob das Leserle, dessen Eltern und Großeltern doch eigentlich h ib 261 ff. i) ib. 227 I. 63. u. n. a. O.