Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-416 -- feit nichts zu wünschen übrig läßt. Aus die Frage: womit der Mensch vor Gott treten soll? antwortet der Prophet: „Er hat dir kund getan, v Mensch, was gut ist; und was fordert der Ewige von dir, als: auf Recht halten, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott." <6, 8.) — So fallen auch bei ihm die religiösen und sittlichen Pflichten zusammen. Andere, oder gar höhere Pflichten als die sittlichen, kennt auch Jeremias nicht. Auch er dringt, gleich Hosea, auf Go tteserkenntnis. Den verschwenderischen König Jojakim donnert er mit den Worten an: „Wehe, wer sein Haus bauet unt Unrecht und seine Säle mit Ungebühr; seinen Nächsten arbeiten läßt umsonst und ihm seinen Werklohn nicht gibt. { Der spricht: ich will mir bauen ein großes Haus mit geräumigen | Sälen und bricht sich Fenster durch und täfelt mit Zedern und bestreicht sie mit Farbe. Bist du König, wenn du wetteiferst in Zedern? Dein Vater, der aß und trank ja auch, aber er übte Gebühr und Recht für den Armen und Dürftigen, darum ging es gut. Ist das nichtdie Erkenntnis meiner? ist der Spruch des Ewigen." (22,12,16.) Roch deutlicher ist folgende Definition der Gotteserkenntnis, die wir von diesem Propheten besitzen: „So spricht der Ewige: nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit, und nicht rühme sich der Starke seiner Stärke, nicht rühme sich der Reiche seines ^Reichtums. Sondern des rühme sich, wer sich rühmen mag: einzusehen und mich zu erkennen, daß ich, der Ewige, Liebe, Recht und Gerechtigkeit übe auf Erden; daß ich daran Wohlgefallen habe, ist der Spruch des Ewigen." (9, 22, 23.) Gott erkenn t nur derjenige, der Liebe, Recht und Gerechtigkeit übt. Nur der sittliche Mensch ist religiös. Gleich Amos fordert Deuterojesaja: „Suchet den Ewigen, da er sich finden läßt, rufet ihn an, da er nahe ist." In welcher Weise aber soll dieses Suchen geschehen? Der Prophet fährt fort: „Es verlasse der.Frevler seinen Weg und der Mann der Untat seine Gedanken und kehre zurück zum Ewigen, und er wird sich sein erbarmen, und zu unserm Gotte, denn reich ist er im Vergeben. Denn nicht meine Gedanken sind eure Gedanken und nicht eure Wege meine Wege, ist der Spruch des Ewigen. Denn so viel die Himmel höher sind als die Erde, so sind meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken." (55, 6—9.) Die Wege Gottes und seine Gedanken sind Liebe und Gerechtigkeit. Diese seine Wege hat er offenbart dem Mose, den Kindern Israel seine Werke. „Barmherzig und gnädig ist der Ewige, langmütig und reich an Liebe. Nicht auf immer hadert er, und auf ewig trägt er nach. Nicht nach unseren Sünden tat er uns, und nicht nach unseren Missetaten vergalt er uns- Denn so hoch der Himmel ist über der Erde, ist seine Huld mächtig über denen, so ihn fürchten. So weit der Aufgang ist vom Niedergang, entfernt er unS unsre Vergehen. Wie ein Vater sich erbarmt der Kinder, erbarmt sich der Ewige deren, so ihn fürchten." Aber Gott ist auch gerecht: „Er übt Gerechtigkeit, der Ewige, und Gericht für alle Gedrückte." (Ps. 103, 6—13.) So erklärt der Psalmist die Hinweisung Deuterojesajas auf die Wege und Gedanken Gottes. Beiden aber liegt die klassische Stelle Ex. 34, 6, 7 zugrunde, die wie keine andere dem größten Gedanken Israels, dem ethischen Monotheismus, den erhabensten Ausdruck verleiht. Moses bittet: „Wenn ich Gnade gefunden in deinen Augen, so laß mich wissen deinen Weg, daß ich dich erkenne, damit ich Gnade finde in deinen Augen." (Ex. 13, 13.) „Und der Ewige zog vorüber an seinem Angesicht und rief: E w ig er. Ewiger, Gott, barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Liebe und Treue. Bewahrend die Liebe ins tausendste Geschlecht, vergebend Schuld, Missetat und Fehl; doch straflos hingegen läßt er nicht; er ahndet die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern, am dritten und vierten Geschlecht." (Ex. 34, 6, 7.) Diese beiden Attribute Gottes: seine Gerechtigkeit und Liebe, kurz zusammenfaffend, sagt der Psalmist: Gerecht ist der Ewige in allen seinen Wegen und liebevoll in allen seinen Handlungen. (Ps 145, 17.) Das ist der Jnhaltodr prophetischen Predigt, ihrer Aus- | fassung der Gotteserkenntnis. Ihr Gesetzeskompendium ist der Dekalog. der die Lehre von dem Gott der Liebe und Gerechtigkeit an die Spitze setzt und nur solche Gebote, resp. Verbote aufnimmt, die für den Bestand der Menschheit von Wichtigkeit sind. Bit dreizehn Artikel des Mimomdes und das Glsubenslyltem des modernen Judentums. Von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College M Cincinnati. I. orbemerkung. Im Jahre 1903 verlas Herr Dr. Max Margolis, damals Professor des Semitischen an der Universität von Kalifornien, jetzt Professor der Bibelexegese am Hebrew Union College in Cincinnati, vor der amerikanischen Rabbinerkonferenz in Detroit eine höchst lehrreiche Abhandlung: „Ueber den theologischen Gesichtspunkt des reformierten Judentums," die dann in erweiterter Form, 123 Druckseiten umfassend, int Jahrbuch der Zentral - Rabbinerkonserenz von Amerika erschien und als wertvoller Beitrag zur Geschichte der jüdischen Dogmen aüseitige Würdigung erfuhr. Der Verfasser unterzieht darin die dreizehn Glaubensartikel des. Maimonides vom Standpunkt moderner Forschung, namentlich als Bibelkritiker, einer gründlichen Prüfung und schlägt dann eine Neuformulierung der Glaubenssätze für das von ihm sogenannte reformierte Judentum vor, die er einer Synode zur Annahme, wenigstens der Grundlage nach, unterbreitet zu sehen wünscht. Als Vorsitzender des zur Berichterstattung über diese Vorschläge ernannten Komitees hat nun Schreiber dieses einen Bericht eingereicht, der im Konserenzjahrbuch von 1905 veröffentlicht wurde. Derselbe wird hier im wesentlichen und mit Auslassung des Lokalpersönlichen und Nebensächlichen einem größeren Publikum in deutscher Übertragung zur Kenntnis gebrächt. Ist dieAnnahme eines besonderenGlaubensbekenntnisses für das Reformjudentum ratsam? Bei aller Anerkennung der wertvollen und gediegenen Abhandlung des Herrn Profeffor Margolis bekennen wir uns zu der Ansicht, daß jeder Versuch, für einen Teil der Judenheit, mit Ausschluß der Uebrigen, Glaubensartikel zu formulieren und aufzustellen, ein gefährliches Vorgehen ist, voll dem nur abgeraten werden kann, weil es in Widerspruch mit dem Geist und den Traditionen des Judentums steht und eine Spaltung hervorzurufen droht. Ferner ist, nach der Allsicht des Komitees, das Resormjudentum weit davon entfernt, sich als ein abgeschloffenes System zu betrachten oder betrachtet sein zu wollen, wie die anderswoher entlehnten Ausdrücke „Reformation" und „Resor-