Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
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denen, welchen die deutschen Verhältnisse fremd geworden waren, was für einen Ruf Stöcker habe, und dieser fand in London auch nicht den geringsten Nährboden für seine Hetzereien. Nur durch das hohe Ansehen, das Karl Blind in England genießt, war dies freilich möglich. Man betrachtet ihn dort als das, was er wirklich ist: eine internationale Berühmtheit, die dem Orte und dem Lande, indem er sich ansässig macht, zur Zierde gereicht. In voller geistiger und körperlicher Frische, die sich der rüstige Achtziger bewahrt hat, tritt Karl Blind in das neunte Lebensjahrzehnt. Bei diesem Jubelfeste mögen ihm auch nicht die Glückwünsche israelitischer Kreise fehle», für deren Rechte er stets mit Mut und Entschlossenheit eintrat. Krielter, Oropheten und Meile in JlraeL Von Professor Dr. G. Klein-Stockholm. I. Prophetenlehre. ie Uranfänge der Religion Israels sind in Dunkel gehüllt. Was historisch feststeht, ist, daß Mose der erste zielbewußte Lehrer dieses Volkes gewesen. Im Andenken der Nachwelt lebt dieser nicht allein als Befreier seines Volkes aus dem ägyptischen Elend, sondern als Israels Prophet und Gesetzgeber. Moses Gesetz ist der Dekalog: ein universelles Kompendium für Religion und Moral. Die religiöse Leitung des Volkes wird indessen nicht ihm allein überlassen. Neben ihm fungiert, nach der Ueberlieferung, sein älterer, aber ihm subordinierter Bruder, der Priester Aron. So wird dem Gedanken, daß der Priesterstand der ältere war, aus dem allmählich der prophetische hervorgegangen, Ausdruck gegeben. Unbestreitbar liegen der biblischen Darstellung historische Tatsachen zugrunde; denn so weit uns die Geschichte Israels bekannt ist, haben stets Priester und Propheten sein geistiges Erbe bewacht, sind diese stets Bildner, Träger und Bewahrer seiner Lehre gewesen. Freilich hat das innige Bruderverhältnis, das nach dem biblischen Bericht zwischen Mose und Aron geherrscht hat und das vom Verfasser des 137. Psalms so schön besungen wurde, nicht immer zwischen den beiden Ständen existiert. Soweit wir uns darüber aus den prophetischen Schriften ein Urteil bilden können, haben Priester und Propheten im großen und ganzen wohl ein Ziel vor Augen gehabt, aber in den Mitteln und Wegen unterschieden sie sich zuweilen himmelweit voneinander. Im Mittelpunkt der prophetischen Predigt stand die Lehre der Gotteserkenntnis. Für diese Lehre lebte der Prophet, für diese war er bereit, seinen Rücken den Schlägern preiszugeben. Was erunter „Gotteserkenntnis" verstand, war so klar, so einfach, daß ein Kind es fassen konnte. Um diese Kenntnisse und Erkenntnis sich anzueignen, bedurfte es daher keiner tiessinnigen Spekulation und keines kostspieligen Apparats. Die Quelle der Gotteserkenntnis ist die Offenbarung Gottes im Gewissen. Wer auf diese Stimme lauscht und im Einklang mit derselben lebt, hat Gotteserkenntnis, hat Religion. Im Geiste des Propheten Mose läßt der Deuteronomiker diesen sprechen: „Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht fern. Es ist nicht im Himmel, daß du sagest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns, und macht es uns kund, daß wir es tyn. sind es ist nicht jenseits des Meeres, daß du sagest: Wer reist für uns jenseits des Meeres hin und holt es uvS und macht es uns kund, daß wir es tun. Sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Herzen und in deinem Munde es zu tun." (Deut. 30, 11—14.)" In diesem Sinne ist nach Ainos des Menschen höchstes Ziel, daß er das Gute tue, d. i., daß er Recht und Gerechtigkeit übe. Weil Israels Nachbarvölker diese humanen Pflichten verletzt haben, erging das Strafgericht Gottes über dieselben. Das einzige Kennzeichen für eines Menschen Frömmigkeit ist seine Güte. Darum sagt er das eine Mal: „SuchetJahwe, so bleibt ihr am Leben (5,6), und das andere Mal: suchet das Gute und nicht das Böse, damit ihr am Leben bleibt!" (5, 14.) Nur wer dem Guten nachjagt, findet Gott, hat . Gotteserkenntnis. So identifiziert dieser Prophet Religion und Sittlichkeit. Noch deutlicher als Amos stellt Hosea in den Mittelpunkt der sittlichen Forderung die Gotteserkenntnis. Er ist der erste, der sich dieses Ausdrucks bedient. Den Israeliten, so klagt er, fehlt Daath Elohim — Gotteserkenntnis. Denn hätten sie dieselbe, dann müßten sie Liebe gegeneinander üben und einander Treue halten und die Wahrheit sprechen und sich fernhalten vom Schwören, Lügen, Stehlen, Ehebrechen und Blutvergießen. Tief betrübt über des Volkes Sünden ruft der Prophet aus: „Höret das Wort des Ewigen, Kinder Israel! Denn einen Rechtsstreit hat der Ewige mit den Bewohnern des Landes, daß keine Wahrheit ist und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Lande." (4, 1.) „Vertilgt ist mein Volk aus Mangel an Erkenntnis; denn du hast die Erkenntnis verworfen, so verwerfeich dich, daß du mir nicht Priester seiest; und du vergaßest der Lehre deines Gottes, so werde auch ich deiner Söhne vergessen." (4, 6.) Für Hosea ist Anbetung Gottes ohne sittliche Lebensführung etwas Undenkbares. Deutlicher kann man das nicht sagen, als es der Prophet mit den Worten tut: „Und du (Israel) kehre um zu deinem Gott, indem du Liebe und Recht wahrest, und hoffe auf deinen Gott beständig." (12, 7.) „Denn Liebe verlange ich und nicht Opfer, und Gotteserkenntnis mehr denn Ganzopfer." (6, 6.) So decken sich auch bei ihm die beiden Begriffe Gotteserkenntnis und Liebe, Religion und Sittlichkeit. Desgleichen klagt Jesaja darüber, „daß Israel den Ewigen nicht kennt". (1, 3i) Und empört über des Volkes Sünden ruft er aus: „Weh! sündiges Volk, schuldbelastete Nation! Brut der Missetäter, entartete Kinder; verlassen haben sie den Ewigen, verworfen den Heiligen Israels; sie sind zurückgewichen." (1, 4.) Also auch Juda krankt an demselben Gebrechen wie das Brudervolk Israel: es will Gott nicht erkennen, es hat Gott verlassen. Wohl hat es seine kultischen Pflichten zur Genüge erfüllt, es hat gebetet und geopfert. Aber das heißt nicht Gott erkennen, Gott besitzen. Gott verlangt vielmehr sittliche Pflichten. „Waschet euch, säubert euch, schafft fort eure böse Taten aus meinen Augen, lasset ab zu freveln. Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, befriedigt, dem Gewalt geschehen, sprechet Recht der Waise, führet den Streit der Witwe." (1, 16, 17.) „Zion wird durch Recht erlöst, und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit." (1, 27.) Am herrlichsten aber gibt er diesem Gedanken Ausdruck in dem Zukunftsbilde: „Sie tun kein Leid und richten nicht Verderben an auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist die Erde der Erkenntnis des Ewigen, wie Wasser die Meerestiefe bedecken." (11, 9.) Jesajas Zeitgenosse Micha hat einen kurzen Katechismus der prophetischen Lehre uns hinterlassen, der aber an Deutlich-