Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Am 4. September 1826 erblickte er zu Mannheim das Licht der Welt. Dort besuchte er das Lyzeum, kam dann auf das Gymnasium nach Karlsruhe und bezog hierauf die Universitäten Heidelberg und Bonn. Diese Entwicklungsperiode Blinds war die politisch bewegteste Zeit des vorigen Jahrhunderts, und bereits als Gymnasiast in Karlsruhe vermochte er nicht der Lockung zu widerstehen, als Rufer im Streite der Meinungen aufzutreten. Er hielt Vorträge vor Arbeitern, schrieb für die radikale „Mannheimer Abendzeitung" und für die „Triersche Zeitung", so daß er schließlich auf Antrag der Regierung zu Karlsruhe ein Konsilium abeundi erhielt. Im Jahre 1846, also als zwanzigjähriger Jüngling, schrieb er bereits mehrere Artikel für die Judenemanzipation, und einer derselben war besonders^wirkungsvoll durch die Stelle, an welcher er erschien, im „Lahrer hinkenden Boten", jenem bekannten, noch Heute existierenden Bolkskalender, der damals, als die Presse in Deutschland noch nicht die heutige Entwicklung hatte, für weiteste Volkskreise die einzige Quelle der Belehrung bot. Auch für eine in Mainz erschienene Zeitschrift „Die Reform" lieferte er Artikel über die Judensrage. Auch in praktischer Weise hatte er in dieser Frühzeit seiner Entwicklung einmal Gelegenheit, sich als Philosemit zu betätigen. Er erzählt darüber in seinen Erinnerungen „Aus stürmischen und bewegten Tagen". Mitten in jener Zeit der Aufregung hatte die reaktionäre Partei eine Judenhetze in Karlsruhe organisiert, um das Volk von anderen politischen Interessen abzulenken. Ein Hofskandal, in den ein jüdischer Fabrikant (Haber) verwickelt war, bot dazu eine willkommene Gelegenheit. Ein nächtlicher Angriff wurde auf das Haus des Fabrikanten unternommen, Fenster wurden eingeschlagen, Steine gegen das Portal geworfen, und jeder« Augenblick konnte es dazu kommen, daß der Pöbel in das Haus des Bedrohten eindringe. Da karn Karl Blind, aufgeschreckt vom Tumult, der sich durch die ganze Stadt schnell verbreitete, im rechten Augenblick dazu. Er drängte sich durch die schreiende Menge, kam bis zur Tür und rief den Tumultanten zu,. sie sollten gegen ihn ihre Wurfgeschosse richten. Er selbst aber war in Arbeiterkreisen zu bekannt und beliebt, als daß man dies gewagt haben ivürde. Dann aber forderte er die Menge auf, ihre Kräfte zu besseren Zwecken auszusparen, als zur feigen Verfolgung eines einzelnen. So gelang es ihm schließlich, die Leute von ihrem ebenso verwerflichen wie törichten Tun abzuhalten. Sie zerstreuten sich langsam und gingen nach Haus. Der gefährdete jüdische Fabrikant aber schrieb ihm am andern Tage einen rührenden Dankbrief und forderte ihn auf, ihn zu besuchen, da er selbst nicht wagte, das Haus zu verlassen. Indessen ward der jugendliche Politiker bald vom Sturm der Revolutionszeit umtobt. Ein Preßprozeß brachte ihn vor das Mannheimer Oberhofgericht. Hecker verteidigte ihn und er wurde freigesprochen. Im Herbst 1847 erlitt er nebst seiner späteren Gattin wegen Verbreitung der berühmten Heinzenschen Flugschrift „Deutscher Hunger und deutsche Fürsten" eine mehrmonatliche Untersuchungshaft, da er sich dadurch einer Majestätsbeleidigung gegen König Ludwig I. schuldig gemacht haben sollte. Indessen kam es zu keiner Verurteilung. Dann kam die Zeit des. Frankfurter Vorparlamentes. Karl Blind trat in verschiedenen Orten als Redner auf, um zur Bildung eines Vollzugs-Ausschusses und eines Parlamentsheeres aufzufordern. Als in Frankfurt am Main bei solcher Gelegenheit nach seinem Vortrage aus der Straße ein tumultuarischer Auflauf entstand, wurde Blind verwundet. Nun trat er persönlich in die Reihen der Revolutionskämpfer. In den Heckerschen Freischarerr kämpfte er in mutiger Weise für die Ideale der Jugend, urrd seine Kühnheit und Tapferkeit bewährte er, als er als der letzte beim Zurückweichen der Schar nach dem Elsaß das deutsche Ufer bei Hüningen verließ. Als er dann in Straßburg an der Spitze des Flüchtlingsansschuffes stand, wurde er infolge der Pariser Juni-Revolutivn verhaftet, in Ketten gelegt urrd so über die Grenze rrach der Schweiz geschleppt, wo man ihn freiließ. Hierauf stellte er sich mit Gustav von Struve an die Spitze des zweiten Freischarenzuges vom September 1848. Man kennt den unglücklichen Ausgang dieser Unternehmung; trotz großer Tapferkeit der schlechtbewaffneten republikanischen Mannschaften fiel Blind durch Verräterei in die Hände der Regierungstruppen, und wie durch ein Wunder entging er der Füsilierung durch die Standrechtskugel: von den Zivilaffessoren wurde vor dem Kriegsgericht, vor welchem er sich zu verantworten hatte, ein Formfehler geltend gemacht, das rettete ihm das Leben, aber nicht die Freiheit. In den Rastatter Kasematten lag er bis zum Mai in Gefangenschaft. Man kann sich in unserer Zeit von der arisgesucht grausamen Härte, mit welcher damals politische Gefangene behandelt wurden, kaum einen Begriff machen. Während nahezu acht Monaten kain Blind keinen Augenblick an die freie Luft. Das war aber nur die Untersuchungshaft. Elf Tage dauerte der Staatsprozeß in Freiburg, wo er sich vor den Geschworenen zu verantworten hatte. Er wurde zu fünfjähriger Einzelhaft verurteilt. Doch kaum hatte er diese Strafe angetreten, als ihr schon durch eine neue revolutionäre Erhebung in Baden ein Ende gemacht wurde. Kurze Zeit hielt sich Blind dann in Karlsruhe auf, ging später als diplomatischer Bevollmächtigter des regierenden Landesausschusses nach Paris, wo er wegen angeblicher Teilnahme an Ledru-Rollins Erhebung am 13. Juni 1849 völkerrechtwidrig verhaftet und mehr als zwei Monate lang in La Force gefangen gehalten wurde. Nur mit Mühe entging er der Auslieserung nach Baden, doch wurde er von Louis Napoleon für immer arrs Frankreich ausgewiesen. Nachdem er endlich freigelassen, begab sich Blind zuerst nach London und dann nach Brüssel, wo er sich mit seiner Familie vereinigen konnte. Bald aber wurde er auch dort verfolgt, und 1852 übersiedelte er nach London. Seitdem, also über ein halbes Jahrhundert, lebt Karl Blirrd in England. Sein ganzes Leben lang hat er zu den Freiheitskämpfern aller Nationen in freundschaftlichen Beziehungen gestanden. Aber in England, wo er nicht englischer Staatsangehöriger wurde, und von dieser seiner zweiten Heimat aus hat Blind für Deutschlands Einheit in Wort und Schrift gekämpft. Daneben wirkte er auf wissenschaftlichem Gebiet für das Deutschtum, indem er in deutschen, englischen, amerikanischen und italienischen Zeitschriften eine zahllose Menge Aufsätze veröffentlichte über germanisches Altertum, deutsche Literatur und Sprachkunde, Gebiete, in die er mit.^tiefgründigem Forschergeist eindrarig und in denen er sich ein reiches Wissen erwarb. Auch gegen den Antisemitismus ist Blind in England erfolgreich zu Felde gezogen. Als Stöcker mit der Absicht nach London kam, den Pöbel gegen die jüdischen Einwohner Englands aufzuregen, wurde diese Absicht nur durch das schnelle und energische Eingreifen Blinds vereitelt. Blind erließ sofort in der „Times" einen Aufruf an die Deutschen in London, daß sie Stöckers Absichten zunichtemachen sollten. Er erklärte