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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-31 · Heft 35 (31.8.1906) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 35 (31.8.1906)
Date
1906-08-31
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
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411 falls zum konfessionellen Frieden auf. In der Zeit des Unglaubens und Umsturzes müßten alle, die an Gott glauben, ohne Unterschied des Bekenntnisses, fest und einmütig zusammenstehen. Wollte Gott, daß diese wahrhaft edlen Anschauungen auch von dem niedern Klerus aller Länder beherzigt würden! £ Der Vorsitzende des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. PaulNathan, hatte eine abermalige längere Unterredung mit dem russischen Premierminister Stolypin. Die Bedeutung dieser und der ersten Unterredung ist um so höher anzuschlagen, als gerade jetzt die Judenfrage und ihre Lösung im Ministerrat eingehenden Beratungen unterliegen. Aus der letzten Unterredung ergab sich, daß im Rahmen der großen, russischen Probleme Stolypin der Frage der künftigen rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der sechs Millionen Juden sehr ernste Bedeutung beimißt. Es besteht die Tendenz, vor dem Zusammentritt der Duma den Juden gewisse Erleichterungen zu verschaffen; der neuen Duma soll alsdann, wie es verfassungsmäßig vorgesehen ist, die prinzipielle Entscheidung überlassen werden. Auf Grund anderweitiger Informationen bleibt es sehr zweifelhaft, ob selbst' nur diese Absichten sich werden vom jetzigen Ministerium verwirklichen lassen; inoffizielle Kräfte und die Hofkamarilla erscheinen stark genug, um jede liberalere Auffassung zu ersticken, so daß auch die Hervorrufung neuer Pogrome möglich ist. Nach dem entsetzlichen Attentat auf Stolypin vom 26. d. ist allerdings kaum noch etwas Gutes zu erhoffen, dagegen das Schlimmste zu befürchten. * Von dem deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle geht uns folgende Mitteilung zu: Das Hilfswerk in Bialystock ist zwar noch nicht beendet, aber zu einem gewissen vorläufigen Abschluß gebrecht worden. Insgesamt sind dem Komitee, das die Verteilung der Unterstützungs- und Entschädigungssummen in Bialystock übernommen hatte. 246 000 Rubel zur Verfügung gestellt worden. Davon waren über 20000 Rubel aus Warschau, über 12O00 Rubel aus Kiew, etwa 10000 Rubel aus Moskau gekommen, rund 8000 Rubel hat die jüdische Bewohnerschaft von Bialystock selbst aufgebracht; 77500 Rubel waren von Petersburg aus den Mitteln der vereinigten Hilfsorganisationen (Alliance Israelite Universelle, Anglo Jewish Association und Busso Jewish Association) zur Verfügung gestellt worden; 200O0 Mark hat die Alliance Israelite Universelle bei der ersten Nachricht von dem Pogrom nach Bialystock geschickt. Für sofortige Hilfe an die Verunglückten und deren Familien, für Lebensmittel, Kleidung usw. wurden 8500 Rubel aufgewendet. Aerztliche Hilfe beanspruchte Ausgabe von 1000 Rubel, wobei zu erwähnen ist, daß das Komitee an einzelne Spitaler noch Zahlungen zu leisten hat, z. B. an Warschauer Hospitäler. An die Verwundeten wurden 17000 Rubel verteilt. Den Witwen und Waisen sowie den sonstigen Angehörigen der Getöteten wurden 66 000 Rubel überwiesen oder sichergestellt. So hat man für jedes Waisenkind 200—300 Rubel beiseite gelegt. Die Zinsen dieses Geldes fallen der Mutter zu. Wird das Kind mündig, so bekommt es den betreffenden Betrag, stirbt es vor der Mündigkeit, so wird der Betrag der Mutter ausgehändigt. Es ist im Werke, die Waisenkinder, die der Pogrom geschaffen hat, zwischen 60 und 70, die noch nicht anderweit versorgt sind, durch einmalige Zahlungen zu versichern, so daß sie bei Erlangung der Mündigkeit je 1000 Rubel bekommen. Die Verhandlungen mit den Versicherungsgesellschaften sind hierüber noch im Gange. Der Plan, der jede Billigung verdient, wird etwa 15000 Rubel in Anspruch nehmen. Für die 35 Kinder, die in das Ausland geschickt worden sind, waren zur Equipierung, und zum Reisegeld bis Lemberg 1000 Rubel nötig. An Schadenersatz wurden etwa 115000 Rubel, ausgegeben.' Es bleibt somit noch ein verfügbarer Rest von 35 000 Rubeln, wovon allerdings die zurückzustellenden 15000 Rubel für die Kinderversicherungen abzuziehen sind. Die noch etwa freien 20O00 Rubel sind teilweise zur Verwendung für die Opfer des vorjährigen Pogroms in Bialystock, für die nur in sehr knapper Weise gesorgt werden konnte, in Aussicht genommen. Die danach noch zur Verfügung stehenden Gelder dürften für alle Anforderungen, die berechtigter Weise kommen werden, kaum ausreichen. Noch heute erfährt man neu von Opfern des Pogroms, von Leuten, die erschossen sind und deren Leichen man erst später gefunden, von Verwundeten, die sich geflüchtet hatten, von Geflüchteten, die um ihre Habe gekommen sind. Infolge des Pogroms sind 20000 Personen aus Bialystock fortgezogen. Noch mag erwähnt werden, daß die vereinigten Hilfsorganisationen, die oben genannt sind, 9000 Rubel unter Bezeichnung besonderer Verwendungsbestimmungen gegeben haben, darunter 3000 Rubel für Arbeitslose. Herr A. Wolkowyski, der an der Spitze des Bialystocker Hilfskomitees steht, hat sich den obliegenden Mühewaltungen mit ebenso viel Ausdauer wie Klugheit unterzogen. Es war viel Energie nötig, das Hilfswerk in den Grenzen zu halten, die die Helfenden vorgeschrieben hatten, und manche Forderungen abzuweisen, die das ganze Werk auf eine andere Basis zu stellen drohten. Herrn Wolkowyskis Tätigkeit ist es in erster Reihe zuznschreiben. daß beispielsweise für die durch den Pogrom arbeitslos Gewordenen ein besonderes Komitee eingesetzt wurde, dem auch Gelder nicht aus dem allgemeinen Hilfsfond, sondern mit der entsprechenden ausdrücklichen Zweckbestimmung von Wohltätern zugewiesen waren. Die Verdienste, die sich der „Hilfsverein der Deutschen Juden" auch um Bialystock erworben hat, sind von uns bereits wiederholt hervorgehoben und gewürdigt worden. * Die „Sundah Times" vom 29. Juli veröffentlicht einen interessanten Artikel über die Juden in den verschiedenen Heeren, dem wir Nachstehendes entnehmen wollen. Die größte Zahl jüdischer Soldaten sind im russischen Heere zu finden, was daraus zu ersehen ist, daß, im Kriege gegen Japan nicht weniger als 15 000 Inden aktiv in der Front gefochten haben. Auf Rußland folgt Oesterreich, wo im Gegensatz zum benachbarten Deutschland die Juden als Offiziere zugelassen werden. Hier soll es nach den Angaben des Verfassers nicht weniger als 2 000 jüdische Offiziere geben, wobei die Reserveoffiziere und die Militärärzte vermutlich mitgerechnet wurden, In den letzten 10Jahren wiesdieösterreichischeArmeesogardrei jüdische aktive Generäle auf, nämlich den Schiffsingenieur General Popper, den Brigadegeneral Eduard Ritter von Schweizer und den General von Eis, der fünf Feldzüge mitgemacht hat und mit Kaiser Franz Josef persönlich befreundet war. Auch in Deutschland gibt es trotz aller hermetischen Abschließung gegen die Juden noch eine beträchtliche Anzahl jüdischer Offiziere. Abgesehen von Bayern, welches Juden immer noch als aktive Offiziere zuläßt, gibt es selbst in Preußen noch gegen 100 jüdische Reserveoffiziere, über 450 Militärärzte in der Reserve und gegen 200 aktive Militärärzte. In Frankreich befanden sich schon zur Zeit der Degradation Dreyfus nicht weniger als 300 jüdische Offiziere, deren Zahl inzwischen noch weiter erheblich gestiegen sein dürfte. Auch zwei jüdische Generäle, und zwar die Generäle Valabregue und Naquet Laroque, hat das französische Heer zu verzeichnen. Ueber die jüdischen Soldaten im englischen Heere ist nicht viel bekannt, man weiß jedoch, daß im Burenkrieg allein auf Seiten Englands gegen 2000 Juden gefochten haben. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die nur ein kleines Söldnerheer besitzen, sind auch verschiedene jüdische Offiziere anzutreffen. Hervorzuheben sei hier Kapitän Marix, ein brillanter Marineoffizier, der sich schon mehrfach ausgezeichnet hat und die besten Chancen

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