Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 wenn nicht neben der als nobel gezüchteten Mode — moral insanity — der leidige Trieb, es dem Geburts- und Militäradel in Spiel und Wetten und vielen anderen Dingen gleich zu tun, ihnen allen heute so verderblich wäre. So sehr wir des Prinzips wegen auch in Deutschland auf unserer vollen verfassungsgemäßen Gleichstellung bestehen müssen, so wenig können uns eigentlich die vielen aus Oesterreich kommenden Nachrichten, wonach Angehörige der jüdischen Finanzaristokratie ihre soziale „Besserstellung" schließlich mit dem Selbstmord bezahlten, verlocken, uns eine bloß jüdisch prunkende Jungadel- und Militärkaste heranzuzüchten. Da wäre es schon besser, obwohl auch äußerst tüchtige jüdische Militärs in Oesterreich und Italien ihrem Vaterlande mit Auszeichnung dienen, Israel bliebe ruhig einstweilen in seinem Zelte bei den ererbten Tugenden seiner Väter, statt daß die Söhne uns nur die glänzenden Laster ihrer neuen verschwenderischen Umgebung in die Burg Zions, die reine und hehre, hineinschleppten und ganze Geschlechter moralisch vernichten. Noch ist es Zeit zur Mahnung seitens der Väter und zur Umkehr für die Söhne! Gar manches, was wir auch in unseren Modebädern an Arroganz und Unsittlichkeit, an gespreiztem Gebühren und Mangel an Einfachheit gelegentlich heute wahrnehmen, sollte uns jetzt, wo der Monat Ellul mit seinen Tagen der sittlichen Einkehr gekommen ist, aufsordern, in der Erziehung unserer Kinder wieder zur alten Einfachheit der Väter zurückzukehren. Die Zeiten sind ernst; jede kleine Schwäche der Eitelkeit oder krankhaft aufgeblähter Nerven, die sich ein Jude und eine Jüdin hier und da zuschulden kommen lassen, wird ins Hundertfache ausgebauscht; ja, wären wir Lämmchen, weiß wie Schnee, wir könnten unsere Neider und Hasser nicht zur Ruhe bringen. Darum also weniger, mehr aber wohl um Euerer selbst und Euerer Zukunst willen beherzigt die Mahnung, die der große russische Dichter als ein echter Prophet in seine damals noch stumpfe Umgebung schleuderte, als er, ein Wort zur rechten Zeit, sein großes Werk schrieb „Väter und Söhne", in dem er allerdings auch mit Recht verlangt, daß da, wo die Väter stumpfsinnig hinter der Zeit zurückgeblieben sind, auch ihrerseits die Söhne zur Besserung hilfreich die Hand bieten und vorwärtsstreben im echten Geiste der Ahnen. Ein deutscher Dichter hat in „Haus Fragstein" treffend geschildert, wie schnell ein junges Geschlecht die Millionen des alten vergeudet und verschleudert; beherzigen wir also das Wort des Propheten, das in Israel zu allen Zeiten Geltung hatte: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern den Geist," spricht der Ewige. Bit Mträft* Berlin 28. August, ie Kolonialskandale absorbieren jetzt das gesamte Interesse für die innere Politik. Jeder wirklich patriotisch Denkende empfindet darüber aufrichtigen Schmerz und keiner hat noch gewagt, auch in diese Sphäre den erbärmlichen Rassenhaß hineinzutragen. Dies war der „Deutschen Tageszeitung" und dem „Deutschen Volksblatt" beschieden. Da es auch bei peinlichstem Suchen nicht gelungen ist, irgendeinen Juden hier hineinzubringen, den man als Sündenbock hätte benutzen können, muß das gesamte Judentum herhalten. Offen gestanden, wir wunderten uns bereits, daß dieses Verleumdungs- Klischee nicht schon längst zur Anwendung gekommen ist. Die „Deutsche Tageszeitung" findet also in diesen Vorgängen „wieder die Wirkungen jener mammonistischen Weltanschauung, die heute die Weltherrschaft führt" und das „Deutsche Volksblatt" erachtet es für höchst gefährlich, „wenn die Reichsverwaltung sich durch den Lärm der jüdischen Presse einschüchtern ließe und die Lieferungen für die Kolonialtruppen dem jüdischen Syndikate übertragen würde, das bie ganze Kampagne inszeniert hat, um eben diese Lieferungen an sich zu reißen. Wäre die Firma Tippelskirch jüdisch, dann könnte man sicher sein, daß die jüdische Presse auch nicht ein Wort der Entrüstung finden würde, selbst wenn alles das. was heute über die Geschästsgebahrung dieser Firma gesagt wird, wahr wäre; auch Major Fischer fände dann wohl Gnade vor den Augen der jüdischen Journalistik. Allein Herr Tippelskirch ist nicht Jude und darum ist an ihm unmoralisch und verwerflich, was die jüdische Presse an einem ihrer Stammesgenossen bewundernswert finden und jedenfalls verteidigen und decken würde. Wir wollen damit keinesfalls die Unregelmäßigkeiten in der deutschen Kolonialabteilung, soweit solche wirklich vorliegen, beschönigen, sondern nur darauf Hinweisen, daß wiederum die jüdische Presse nicht das mindeste Recht hat, sich in dem Falle Tippelskirch-Fischer auf das hohe Roß zu setzen und den Moralitätsprotzen zu spielen, denn das Motiv ihrer Entrüstung ist kein anderes als der Neid aus den Unternehmergewinn. Das sollte aber für den weiteren Verlauf der Angelegenheit unbedingt festgehalten werden; verdienen will und wird jede Firma, die die Lieferungen für die deutsche Kolonialverwaltung übernimmt; es wäre aber sehr bedauerlich, wenn da die jüdische Presse recht behielte, die jeden erfolgreichen nichtjüdischen Unternehmer als eine Art Einbrecher in ihre Domäne betrachtet und Staatsanwalt, Polizei und öffentliche Moral' gegen ihn zu Hilfe ruft." Was sagt der Zentrums-Abgeordnete Erzberger dazu, was die fromme „Germania", die sonst das Wiener Antisemitenblatt wie ein Orakel belauscht und seine Ansichten bewundert? Für uns sind derartige Aeußerungen wertvolle Dokumente für die antisemitische Kampfesweise. Es wird verdreht, entstellt, totgeschwiegen, erdichtet, und dies alles nur zu dem Zwecke, den Juden etwas aufs Kerbholz schreiben zu können. Daß sich aber noch leichtgläubige Leser finden, das ist das einzig Traurige bei der ganzen Sache. Wir konstatieren im Gegensatz hierzu mit Genugtuung, daß auf dem Katholikentag in Essen wiederholt und energisch gegen jeden Raffen- und Religionshaß protestiert wurde. Der Abg. de Witt-Cöln sagte: „Wir verwerfen den Staat des 17. und 18. Jahrhunderts mit seinem staatlichen Absolutismus und seinem Gewissenszwang. Wir verwerfen den mittelalterlichen Grundsatz: „Cujus regio, ejus religio.“ Wir verlangen den paritätischen Rechtsstaat und dessen volle Konsequenzen. (Stürmischer Beifall.) Wir verlangen den Rechtsstaat, wir verlangen, daß der religiösen Betätigung keine gesetzlichen Schranken gezogen werden. Wir verwerfen den konfessionellen Kampf. Wir wollen mit allen Andersgläubigen in Frieden leben. Wir huldigen dem Grundsatz: Jeder kann nach seiner Fasson selig werden." Der Jesuitenpater Professor Dr. Seiler-Feldkirch aber erklärte: „Die katholische Kirche verwerfe den Klassen- und Rassenkampf. Wir verwerfen den Kampf der Nationalitäten, sowie der Raffen und Klassen. Es kann nur dann besser werden, wenn Gott der Herr zwei Engel auf die Erde schickt: die Justitia und die Charitas. Wenn alle Stände von Gerechtigkeit und wahrer Nächstenliebe durchdrungen und nicht bloß im Auge haben, was uns trennt, sondern was uns eint, dann wird mit Gottes Hilfe die soziale Frage eine friedliche und für alle glückliche Lösung erfahren." Professor Dr. Einig Trier fügte hinzu: Der heilige Basilius sagt: Wenn Gott in Gefahr ist, dann müssen Protestanten, Juden und Katholiken wie ein Mann zusammenstehen. Und der Kardinal Erzbischof Dr. Fischer-Köln forderte darauf eben-