Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 31. Augnst 1900. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 7t). Jahrgang. No. 35 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phikippson. VsrlsZs-Lxpkäitioll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse : Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf wosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-freist durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Verkriebsstsllen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Väter und Söhne. Berlin, 28. August, in der Sommerfrische wird durch mancherlei gelegentliche Begegnungen mit Menschen anderer Milieus ost unser Nachdenken angeregt, mitunter allerdings auch nur unser Kopfschüttelu erregt. So lernten wir neulich einen ehemaligen Bonner Korpsstudenten kennen und mit ihm einen alten Herrn von Adel, der in derselben Universitätsstadt studiert, dort auch kürzlich einem Universitätsjubiläum beigewohnt hatte. Solche Jubelfeste der alma mater pflegen sonst auf einige Tage gemeinhin alle sozialen Dissonanzen in scheinbare Harmonien aufzulösen. Bei unserm adeligen Herrn, der von der Rechtswissenschaft hatte zur kaufmännischen Laufbahn übergehen müssen und sich auch in dieser als flotter Lebemann nicht sonderlich wohl fühlte, war es leider nicht der Fall. Er hatte beiin Univerfitätsfeste ehemalige jüdische Kommilitonen in wohlerworbenen, guten Stellungen wiedergesehen. So begann er denn, „obwohl er kein Antisemit sei", gegen den Erwerbssinn der Juden und die Konzentration des jüdischen Kapitals arg zu wettern. ... In dein schönen Waldeswinkel, in dem wir uns in größerer Gesellschaft befanden, wollten wir uns die Stimmung nicht verderben lassen, aber da es sich um einen Angehörigen gerade unserer alten Universität handelte, sagten wir ihm: In der dritten Generation spätestens bringen auch bei uns die Jungen zumeist wieder durch, was die Alten sauer erworben haben. Der Zenith des sogenannten jüdischen Großkapitals ist überschritten, da heute die andern alle dieselben Hilfsmittel, schnelle Nachrichten, Telephon usw. besitzen, welche den Erfolg auf dem Weltmarkt sichern. Zudem ist gerade bei unfern Finanzaristokraten die Erziehung der Jugend, wie der goldenen Jugend überhaupt, nicht derart, daß ihre moralische und geistige Ueberlegenheit später irgendwie sichtbar wird. Wir erinnerten ihn an einige kürzlich besonders bekannt gewordene Fälle, wo die Söhne alter nichtjüdischer Berliner Patrizier ganz ebenso wie die Sprößlinge hervorragend tüchtiger jüdischer Großindustrieller den Namen ihrer Väter durch Verübung von allerhand argen Schwindeleien in den Staub gezogen hatten. Um den guten Ruf ihrer Firmen zu sichern, hatten damals die Väter die Söhne in Nervenheilanstalten kurze Zeit untergebracht und dann entmündigen lassen. Da das Gesetz hier durch gerichtliche Gutachter strenge Kautelen vorschreibt, lag in der Tat bei den Jungen unzweifelhaft moralische und geistige Entartung vor. — Wir verwiesen den adeligen Juristen noch auf Amerika, wo die Söhne der Milliardäre oft die albernsten Trottel sind, da sie von Eltern stammen, die keine Zeit und keinen Beruf in sich fühlten, sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern. Dann brachen wir das Gespräch ab, das sich ebensogut noch ans die heutige Dekadenz des alten Geburtsadels, ans das Gigerltum und die Erschlaffung in den oberen Ständen überhaupt hätte erstrecken können. Doch wir fühlten keine Lust, andern die Leviten zu lesen, wo wir doch ganz gut wissen, wie es auch bei uns mitunter leider im Punkte Väter und Söhne aussieht. ' Moralische Kraft und Keuschheit des Jünglings! Kein Geringerer als unser unvergeßlicher Steinthal hat an dieser Stelle kundgegeben, wie es darin leider auch bei unserer jüdischen jeuoesse äor6e bereits zu fehlen beginnt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat in diesen Tagen auf Schloß Wilhelmshöhe in Kassel seinen jüdischen Schulkameraden, den jetzigen Oberlandesgerichtsrat Sommer, mit einigen von ihm verehrten Lehrern des Kaffeler Gymnasiums zur Frühstückstafel eingeladen, gewiß eine hohe Ehre für den Sohn eines armen und noch dazu jüdischen Viehhändlers in dem antisemitenreichen Hessenlande. Wieder bewährt sich hier das alte Wort unserer Weisen: „Sorget für die Kinder der Armut, denn von ihnen geht die Lehre aus!" Oder, welche großen und reinen Freuden haben uns Juden, oder der Menschheit überhaupt, mit wenigen Ausnahmen, denn bisher die Söhne unserer Finanzaristokratie bereitet? Wir müssen schon froh sein, wenn sie in harmlosem Sport die väterlichen Millionen mit Anstand rasch durchbringen und dem Jude:,tum, mit dem sie unsere Gegner ja doch immer wieder zusammenbringen, nicht direkt noch Schimpf und Schande bereiten, wie es jetzt bei einigen Prozessen in Oesterreich der Fall war. Dort haben die Zeitungen von dem furchtbaren, unrühmlichen Ende berichtet, welches kürzlich der Sohn von Moritz Wahrmann, dem ersten Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Budapest, und der Sohn von Baron Moritz Königswarter, dem Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde, erstklassigen Männern von hoher geistiger Begabung, genommen haben. Beide Väter waren ausgezeichnete Juden und edle Menschen. Und die jetzt in die Kriminalrubrik der Presse gelangten Söhne? Fürwahr, es wäre schlimm um uns bestellt, wenn die einfache Schlichtheit des Wesens, die Tugenden des Geistes und Gemütes unserer Väter sich, wie leider in obigen Fällen geschehen, nicht mehr auch auf die Kinder der Großen in Israel weiter vererbten! Am schlimmsten natürlich um die Betroffenen selbst. Denn ganz Israel erneuert sich doch immer wieder ans dem frischen Urgründe seiner Kraft, solange es die Mahnung unserer Weisen befolgt: „Sorget für die Kinder der Arinnt, denn von ihnen geht die Lehre aus." Bei unserer jeunesse äoree aber wäre noch manches an alten Tugenden trotz alledem auch vom Sumpfe des Großstadtlebens her zu retten,