Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesek. 37, 3: .Meinst Du, daß diese Beine wieder lebendig werden?" Ob ein Emdener Semitenbein die Kirche betreten, weiß man nicht, geschweige denn: ob es „wieder lebendig" geworden. Doch hatte dieser Kreuzzug den Aerger des lutherischen Geistlichen der guten Stadt Emden erregt, besonders, weil der eifrige Judenbekehrer auch seine Kanzel zu einer Bastion gegen Israel zu machen gedachte. Und er verschaffte seinem Groll in einer Ankündigung an seine Gläubigen Luft, indem er ihnen das folgende versicherte: „Am Abend 5 Uhr wird hier ein gewisser Pastor Wagner aus Köln über Judenmission predigen. Jetzt predigt er in der reformierten Kirche. Ich hätte ihm die Kanzel nicht gegeben. Man sagt zwar, die Mission sei nicht konfessionell; aber sie ist es doch. Und wer nicht lutherisch predigt, der predigt nicht die Wahrheit." — Durch diese fromme Versicherung sollen nun die Emdener Juden so kopsscheu geworden sein, daß sie, aus Sorge den richtigen Weg für ihre „lebendigen Beine" zu verfehlen, vorläufig gänzlich im Unglauben verharren. Frrl-a, 4. August. Auf Anordnung der Hanauer Staatsanwaltschaft wurde aus dem hiesigen israelitischen Friedhof die Leiche des russischen Juden Moses Boguschen exhumiert und seziert. Dieser alte Mann übernachtete am 10. Juli d. I. auf dem Heuboden über dem Viehstall des Jakob Goldschmidt hier und wurde am anderen Morgen mit einem Schädelbruch tot im Viehstall aufgefunden. Er soll durch die Bodenluke aufs Pflaster gestürzt sein, doch fiel es auf. daß seine drei Begleiter spurlos verschwunden waren. e. Karlsruhe, 8. August. Im gegenwärtigen Moment, wovon vielen Seiten gegen die Zentralisation der Juden gearbeitet wird, dürsten einige Zahlen aus dem Geschäftsbericht des Oberrats anderseits dartun, wieviel Nützliches aus der gemeinschaftlichen Arbeit geleistet werden kann. Die israelitische Zentralkasse verausgabte im Jahre 1905 für Gehaltsaufbesserungen an Religionslehrer ca. 19 000 Mark, für außerordentliche Unterstützungen für Rabbiuer- und Lehrerwitwen 1500 Mark, für Unterstützungen an Gemeinden zur Bestreitung der Ausgaben für den Religionsunterricht 5145 Mark, für den Fortbildungskursus der Kantoren 720 Mark usw. Der Religionsschul- und Pensionsfonds hatte Ende 1905 ein Vermögen von 178 163 Mark und wurden in diesem Jahr an Pensionäre bezahlt 5685 Mark. Der Landesfonds für soziale Zwecke hat ein Vermögen von 22,745 Mark, und wird aus diesem das israelitische Lehrlingsheim unterhalten. Die Dukas-Stiftung hat ein Kapital von 26,773 Mark und werden von den Zinsen derselben bekanntlich die Kurse in Gartenbau abgehalten. --- Neuenahr, 7. August. Die „Deutsche Hoch wacht" ist eines der verlogensten antisemitischen Blätter. Unterm 14. Juli brachte sie folgende Notiz: „Bad Neuenahr (Rheinland). Hier haben die zahlreichen jüdischen Kurgäste die Frechheit gehabt, von der Badedirektion zu verlangen, sie solle den Choral, mit dem die Kurkapelle morgens das Konzert beginnt (Ein' feste Burg) fortfallen lassen. Die Direktion hat aber geantwortet, die „Herrschaften" könnten ja während des Chorals den Kurort verlassen. In jener erzkatholischen Gegend, wo man so viele dicke Schwarzröcke sieht, die dünner werden wollen, hätten diese doch noch eher Anlaß, das Lutherlied zu beanstanden; sie tun es aber nicht. Der Jud' bringt eben alles fertig; und mit Juden ist Bad Neuenahr gesegnet, sogar mit zahlreichen russischen Juden — also ganz modern." So weit das antisemitische Blatt. Auf spezielle Anfrage stellt sich nun heraus, daß die ganze Geschichte ein echt antisemitisches Wahrheitsstückchen ist. Die Auskunft ans Neuenahr lautet nämlich: „Die Mitteilung der „Deutschen Hochwacht" ist srei erfunden. Ich legte dieselbe dem Herrn Kurdirektor Rütten vor. Derselbe erklärte mir, daß niemals, weder jetzt, noch jemals früher — der Herr ist seit 1893 hier — ein derartiges Ansinnen an ihn gestellt worden sei, noch daß man sich mit etwas Aehnlichem jemals an die Direktion gewandt habe." — Daß die „Deutsche Hochwacht" nunmehr der Wahrheit die Ehre geben wird, .ist kaum anzunehmen. m. Weinheim, 4. August. Hier fand vorgestern die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt. Bezirksrabbiner Dr. Pinkus Heidelberg hielt die Festpredigt, die alle Herzen tief bewegte. Der Nachmittag brachte zunächst ein Festdiner im „Pfälzer Hof", das einen glänzenden Verlauf nahm. — Vor Beginn desselben begrüßte der Vorsitzende des Shnagogenrates Herr Hirsch im Namen der israelitischen Gemeinde die Anwesenden, ganz besonders die Herren Vertreter der Behörden und die Delegierten der Nachbargemeinden. Der Großherzogliche Oberrat Stockheim übermittelte die Glückwünsche des Ministeriums des Kultus und des Unterrichts, sowie der Synagogengemeinde Mannheim. Er wünschte der hiesigen israelitischen Gemeinde Wachsen, Blühen und Gedeihen. Herr Berthold Kaufmann verlas das Hnldigungstelegramm an den Großherzog, das folgenden Wortlaut hat: „Die zur Einweihung ihrer neuen Synagoge festlich versammelte jüdische Gemeinde Weinheim bringt ihrem hochverehrten und geliebten Landesfürsten ihre ehrfurchtsvollste Huldigung mit dem Gelöbnis unwandelbarer Treue dar." Später gab derselbe ein Bild der Geschichte der israelitischen Gemeinde Weinheims. das höchst aufmerksame Zuhörer fand. Herr Ernst Karlebach-Heidelberg überbrachte die Glückwünsche der Bezirkssynagoge und der israetischen Gemeinde Heidelberg und toastete auf die Gemeinde Weinheim und dessen Shnagogenräte. Bürgermeister Ehret sprach den Dank der Ehrengäste und die Glückwünsche des Gemeinderates aus. Er betonte, daß die jüdische Gemeinde jederzeit beigetragen habe, den religiösen Frieden zu wahren. Der Hoffnung, daß es so bleiben möge, galt sein Glas. Lehrer Maier als letzter Redner widmete anerkennende Worte und Dank den drei Synagogenräten, den Herren Sigmund Hirsch, Berthold Kaufmann und Wolf Lehmann. Während des Balles traf die Antwort des Großherzogs ans St. Moritz ein. die folgendermaßen lautet: „Ich danke der festlich versammelten jüdischen Gemeinde Weinheim für die mir kundgegebene treue Gesinnung." Mit brausenden Hochrufen wurde der' Inhalt des Telegramms begrüßt und aus frohem Herzen stieg im gemeinsamen Chor das Lied: „Heil, unserm Fürsten Heil!" Die neue Synagoge befindet sich inmitten der Stadt, deren Schmuck sie jetzt bildet, und zwar in der vornehmsten Straße. e. Nürnberg, 16. August. Von einem Reisenden aus Warschau ist au den Bahnhofsvorstand in Nürnberg folgende Beschwerd e gerichtet worden: „Ich bitte Sie höfl. recherchieren lassen zn wollen, welcher Beamte es ist, der am vorigen Montag, 30. Juli a. c. zwischen iVi, bis 11,45 morgens, am Schalter Bamberg-Probstzella, folgende Antwort auf eine Frage meiner Gemahlin gegeben hat: Frage: „Bitte, könnten Sie mir vielleicht sagen, welches ist ungefähr der Fahrpreis von Nürnberg bis Warschau?" — Antwort: „Das kann Ihnen hier niemand sagen, gehen Sie zur jüdischen Gemeinde." Ich kann nicht annehmen, daß die bayerische Bahnverwaltung eine derartig unpassende und unsreundliche Antwort gestatten kann, und bitte Sie daher, mir Mitteilen zu wollen, welche Strafe diesem groben Beamten auferlegt worden ist, damit ich urteilen kann, ob ich von weiteren Reklamationen absehen soll. Ich bemerke nebenbei, daß ich Franzose bin, und daß weder meine Frau noch ich jüdischer Konfession sind, und wenn es auch der Fall wäre, glaube ich nicht, daß sie die Handlungsweise des betreffenden Beamten billigen können." — Hierzu bemerkt der „Frank.Kurier": „Es erscheint doch kaum glaublich, daß ein Beamter aus eine höfliche Anfrage diese Antwort erteilt haben sollte. Aus jeden Fall ist es aber angebracht, zur Erhaltung des guten Rufes der bayerischen Eisenbahnbeamten, festzustellen, ob wirklich eine derartige Aeußerung von einem hiesigen Beamten gemacht iporden ist, und wenn das geschehen sein sollte, einzuschreiten. Die Erhebungen können ja bei den ins einzelne gehenden Angaben des Beschwerdeführers nicht schwer sein." Lr. Wunstedel, 10. August. Im Jabre 1901 ließ sich dahier der Kaufmann Leo Basch nieder, indem er in dem Küspertschen Hause bei der Stadtkirche in schönster Lage der Stadt ein Kaufhaus errichtete. Herr Basch ist jüdischer Religion und die hiesigen Antisemiten waren ganz aus dem Häuschen, daß nun ein Jude seinen Einzug in die lichte Stadt Wunstedel gehalten hatte. Sie wurden sofort zu Propheten und erklärten: „Ist nun einmal ein Jude da, so werden bald mehr kommen, und in absehbarer Zeit wird unsere Stadt verjudet sein!" Aber auch hier hatten die Antisemiten wieder einmal daneben prophezeit; denn während der 5 Jahre ließ sich kein weiterer Jude hier nieder, ja sogar Herr Basch kehrte dieser Tage der Stadt Wunstedel den Rücken! Wie ist das gekommen? Was wohl niemand fertig gebracht hätte, das ist dem verstorbenen Bankiers Gemeindebevollmächtigten, Arlnenrat, Waisenrat, Feuerwehradjutanten und Kassierer verschiedener Vereine Georg S. Merz dahier gelungen. Basch hatte 15 000 Mark in bar als Depot bei dem ungetreuen