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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Bankier hinterlegt, und als Merz plötzlich gestorben war, wollte Basch sein Geld abheben, es war aber ans Heller und Pfennig verschwunden. Basch war nun ein ruinierter Mann, und wären nicht wohlhabende Verwandle für ihn eingesprungen, so hätte Basch den Konkurs anmelden müssen. Der Geprellte veranstaltete einen Ausverkauf und zog jetzt nach Laudshut, um sich dort eine neue Existenz zu gründen. Hätte Basch den Bankier Merz so hineingelegt, wie umgekehrt geschehender wäre gesteinigt worden, so aber — ja Bauer, das ist was ganz anderes! Wir entnehmen diese Mitteilung wörtlich dem „Fränkischen Courier". 6. Warschau, 1l. August. Hier ist am 6. d. M. der bekannte Advokat Josef Kirschrot-Prawnicki, einer der hervorragendsten polnischen Nationalökonomen und Rechtsgelehrten der Gegenwart, 64 Jahre alt, gxstorben. Er hatte in Breslau und Leipzig studiert und war persönlich mit Schulze-Delitzsch, dem Pionier des deutschen Genossenschaftswesens, in Berührung getreten. Seit 1870 war er in seinem Heimatlande der eifrigste, lange Zeit hindurch der einzige Vorkämpfer der Genossenschaftsidee und der Selbsthilfe. Seinen Bemühungen verdanken die Sparnnd Vorschubvereine, die Produktiv- und Einkaufsgenossenschaften in Russisch-Polen ihre Entstehung. Seine erfolgreichste Schöpfung war die Warschauer Spar- und Darlehenskasse, deren Syndikus er bis zu seinem Lebensende blieb. Kirschrot- Prawnicki, gleichzeitig ein vielbeschäftigter Advokat, hat auch eine Reihe volkswirtschaftlicher Schriften veröffentlicht, so „Vom Zinsfuß", „Die Stellung der,Genossenschaften in der Oekonomie", „Der Agrarkredit", „Die Kreditvereine in Frankreich" usw. K. war ein guter Jude; er nahm regen Anteil an allen jüdischen Angelegenheiten und ist in Wort und Schrift für die Interessen seiner unglücklichen Glaubensbrüder mit Eifer eingetreten. Ehre seinem Andenken! Gesterreich-Nngsrn. A Wien, 20. August. Die „Gerichtshalle" teilt die folgende oberstgerichtliche Entscheidung mit: Karl H., mosaisch, und Hermine K., römisch-katholisch, standen in Wien durch etwa neun Jahre bis zum Herbst 1902 zueinander in intimen Beziehungen, welchen im Jahre 1897 ein Knabe entsproßen, für welchen vorläufig die Gemeinde Wien sorgt. Das Verhältnis wurde im Jahre 1902 gelöst und im März 1903 wieder ausgenommen. In diesem Monat flüchtete die K. nach Amerika, weil sie fürchtete, in Wien in eine strafgerichtliche Untersuchung verwickelt zu werden. H. folgte ihr kurze Zeit später, und in Newhork gingen sodann die beiden am 22. April 1903 miteinander die Ehe ein. Beide waren damals und sind auch heute noch österreichische Staatsbürger; ein Religionswechsel wurde von keinem der beiden vollzogen. Da H: sich in Amerika keine Existenz verschaffen konnte, kehrten die Ehegatten im Jahre 1904 wieder nach Wien zurück, wo sie auch gegenwärtig im gemeinschaftlichen Haushalte leben. Von seiten der Unterinstanzen wurde nun die Ehe der Genannten für das Gebiet der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder wegen des Ehehindernisses der Religionsverschiedenheit (8 64 A. B. G. B.) als ungültig erklärt. Der Oberste Gerichtshof hat in teilweiser Stattgebung der Revision des Ehebandverteidigers das Berufungsurteil ausgehoben und die Sache zur neuerlichen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückgewiesen. Dieser Fall — bemerkt hierzu die „Gerichtshalle" — ist in zweifacher Beziehung höchst wichtig und interessant; erstlich, daß der Oberste Gerichtshof in dieser Frage eine neue Auffassung bekundet, zweitens aber, und das ist noch viel interessanter, daß die unteren Instanzen die Gültigkeit einer zwischen Christen und Juden geschlossenen Ehe deshalb bestreiten, weil eine solche Verbindung unsittlich sei. Ohne uns mit der politischen Seite dieser Frage befassen zu können, möchten wir doch auf die wichtige Tatsache Hinweisen, daß im Deutschen Reiche, welches auf derselben sittlichen Stufe stehen dürfte wie Oesterreich, unzählige solcher Ehen existieren, welche gewiß das Prädikat unsittlich mit Entrüstung, und zwar mit Recht, zurückweisen würden. Dieser Fall zeigt wieder einmal deutlich, wie rückständig und unzulänglich unsere Ehegesetze sind. — Der ungarische Kultus- und Unterrichtsminister Graf Albert Apponyi hat anläßlich eines konkreten Falles verfügt, daß jene Mitglieder einer israelitischen Kultusgemeinde, die im selben Orte in den Verband eineranderen israelitischen Kultusgemeinde eintreten, die auf sie ansgeworfene Steuer noch fünf Jahre nach ihrem Austritte zu bezahlen haben. Vim Wh und fern. — Zwei Habilationen von Privatdozenten fanden an der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität statt. Dr. F. Ehrlich, Abteilungsvorstand am Institut für Zuckerindustrie, behandelte in seiner Antrittsvorlesung die „chemische Forschung in ihrem Einfluß aus die Entwicklung der landwirtschaftlichen Industrien", Dr. Ernst Cassierer „die Vernunftkritik in ihrem Verhältnis zu den Wissenschaften des 18. Jahrhunderts". — Der Arzt Dr. med. Richard Bier, der Hoflieferant Albert Katzen stein, Inhaber der Firma A. Liebmann, haben den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Am 5. d. M. ist hier Hexr Mayer Aron Simon gestorben, der seit mehreren Jahren im Ehrendienst der Gemeinde eifrig tätig war. Ehre seinem Andenken! — In Lauenburg i. P. wurde Dr. Leop. Neuhaus zum Rabbiner gewählt. — Der frühere langjährige bayerische Finanzminister Freiherr von Riedel, der am 1. d. M. gestorben, war ein intimer Freund des Geh. Hofrats Josephthal in Nürnberg, bei dem er, so oft er dahin kam, stets gewohnt hat. — In Mannheim ist am 15. d. M. der Chef der Mannheimer Vereinsdruckerei und des Verlages der „N. Bad. Landesztg." I. Bensheimer gestorben. — Herr Alexander Fuchs, Oberkantor der israelitischen Gemeinde zu Luxemburg, wurde vom Kultusminister Dr. von Studt durch Uebersendung seines Bildes nebst liebenswürdigem Begleitschreiben ausgezeichnet. — Durch eine neue Ministerialverfügung ist — wie uns aus Thorn gemeldet wird— eine Erschwerung der russischen Einwanderung eingetreten. Alle russischen Einwanderer, die die preußische Grenze überschreiten, müssen jetzt außer den vorgeschriebenen Legitimationspapieren den revidierenden Gendarmen eine bestimmte Summe baren Geldes, für Erwachsene 400, für Kinder 300 Mark vorweisen. — In Warschau haben in der Nacht zum 16. d. M. Soldaten in jüdischen Stadtvierteln die Passanten massakriert. Mehrere Personen sind tot, viele verwundet. Viele Straßen wurden abgespexA die Häuser durchsucht. — Bei den letzten Unruhen in Warschau sollen 240 Juden getötet oder verwundet worden sein. — Die Meldung der russischen Korrespondenz, der russische Minister des Innern hätte ein Rundschreiben erlassen, welches die Zulassung von Juden zu Gemeindeämtern verbiete, ist vollständig unbegründet. Ein derartiges Rundschreiben ist nicht erlassen worden und konnte nicht erlassen werden. So lautet ein kategorisches Dementi der Petersburger Telegraphen-Agentur! — Wie man aus Petersburg mitteilt, werden jetzt Juden am Polytechnikum nach günstigem Ausfall des Examens ohne Rücksicht auf den Prozentsatz ausgenommen. — Der Stadthauptmann von Odessa hat vertraulich die Stadtverwaltung ausgefordert, künftig keine Juden in den städischen Dienst aufzunehmen. Von dieser Ausschließung sind unteranderem auch Aerzte, Juriskonsulten. Ingenieure und Techniker betroffen. Die Aufforderung ist auf eine ministerielle Zirknlarverfügung aus Petersburg zurückzuführen. Dagegen hat der Rat der Universität beschlossen,, bei dem Ministerium die Zulassung sämtlicher jüdischer Studenten zu beantragen, die zu Beginn des neuen Semesters um Zulassung zum Universitätsstudium bitten. — Infolge des Ablebens des Chefs der Staatsdomänen, .Geheimrats Somow, wurden in sämtlichen Synagogen der jüdischen Kolonien Südrußlands Trauerkundgebungen für den Verewigten veranstaltet, der in den Kolonien allgemeine Hochachtung genoß. Die Kolonisten sind durch den Tod ihres menschenfreundlichen Vorgesetzten in tiefe Trauer versetzt worden. — In der alten Zaren- und Krönungsstadt Ti rnova sind bei den Erdarbeiten für den Bau eines neuen Bahnhofes die Ueberreste eines uralten jüdischen Friedhofes bloßgelegt worden, wobei man nicht nur auf menschliche Skelette gestoßen ist, sondern auch goldene und silberne Schmucksachen in bedeutender Anzahl zutage gefördert hat; die Auffindung von Grabsteinen mit jüdischen Namen in hebräischen Schriftzügen läßt keinen Zweifel darüber zu, daß man es hier tatsächlich mit den Ueberresten jener bedeutendsten der jüdischen Kolonien aus der Zeit der selbständigen Zare zu tun hat, deren Bestehen bulgarische Chroniken erwähnen, über deren genauere Lage man aber bisher keinen Nachweis besaß. — Georges de Porto Ri che,- der bekannte dramatische Autor, ist zum Bibliothekar an der Bibliotheque Magarine in Paris ernannt worden.

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