Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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durchs Fenster zu werfen. Drinnen aber ward man bald auf das auffallende Gebühren des Unbekannten aufmerksam. „Bein, heiligen Jakob," rief einer von ihnen, ein Guapo oder Bandit erster Klaffe in der Gardunja, ein Mann mit athletischen Formen, der vor einiger Zeit erst eine langjährige Galeerenstrafe abgebüßt hatte, „jedenfalls muß ich wiffen, woran ich bin!" Und in Begleitung mehrerer seiner Spießgesellen trat er auf die Straße. Ehe er sich deni jungen Mann näherte, blickte er nach allen Seiten um sich. Er schien Verrat oder die Nähe der Alguazils zu fürchten. „Herr, wen sucht Ihr hier?" fragte er mit einem Tone, aus dem ebensosehr Furcht als Frechheit hervorklang. „Ich suche Mateo," erwiderte ruhig der junge Mann, wie vorher. „Aber warum geht Ihr in so verdächtiger Weise vor dieseiu Hause auf und ab und gebt dadurch ehrlichen Leuten Veranlassung, alles Mögliche zu denken? Ihr tätet viel besser, wenn Ihr cintreten und drinnen bei uns Euren Mann erwarten wolltet." „Ja, er soll eintreten," widerholten mehrere Stimmen. „Danke für die Einladung, meine Herren, aber ich bleibe lieber hier." Wüstes Geschrei und ernstliche Drohungen erhoben sich überall bei diesen Worten des jungen Mannes. „Er soll eintreten!" „Wir müssen wiffen, wer er ist!" „Er muß hereinkommen oder . . ." Ruhe gebot plötzlich eine Stimme, au der man sofort den Mann erkannte, der gewohnt war, zu befehlen. „Er ist ein Spion," fingen die einen wieder an. „Er lauert uns auf," sagten andere. „Mateo . . .," begann der junge Mann, der den Neuangekommenen erkannt hatte. „Ruhe!" rief dieser noch einmal den Leuten zu. „Ihr seht, daß Ihr im Irrtum seid .... Das ist ja Fernando, der Freund von Diego d'Almora, dem Gott sein Leben erhalte . . . und sein Vermögen," setzte er mit eigentümlichem Lachen hinzu . . . „Guten Abend, Fernando, womit kann ich Euch dienen?" „So, das ist der Herr Fernando," nahm der erste Guapo wiederum das Wort, „das ist was anders." „Wahrhaftig, bei Nacht gleicht selbst ein ehrlicher Mann auch einem Alguazil," unterbrach ihn ein anderer. „Warlnn gab er sich auch nicht zu erkennen?" fügte ein dritter hinzu. „Schweig doch," begann Mateo nochmals, „und laßt Euren sauren Wein nicht im Stich. Ihr seht doch wohl, daß Ihr Fernando hindert, mit mir zu sprechen, und Ihr wißt, wenn er kommt, gibt es immer zu verdienen, viel zu verdienen." „Ja, das ist wahr," antworteten die Banditen im Chor, „Herr Fernando lebe hoch!" „So seid doch endlich stille, verdammte Schwätzer," schrie Mateo zornig, „Ihr wollt Euch wohl die ganze heilige Herinandad auf den Hals hetzen, und Ihr wißt wahrhaftig alle gut genug, wie blutwenig Sehnsucht Ihr nach ihr habt. Geht, trinkt, spielt, aber schweigt! Kein Wort mehr!" Die Räuber gingen, ohne zu antworten, in die „rote Herberge" zurück. Der Mann, dem dieses Gesindel mit solcher Unterwürfigkeit gehorchte, nahm in der Brüderschaft der Gardunja oder „des Raubes" eine hohe Stellung ein. Er war Capatoz oder Hauptmann einer Provinz. Diese geheime Verbindung wurde im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts gegründet. Sie war aus Räubern aller Art zusammengesetzt und nach allen Seiten hin regelmäßig organisiert. Ihr Zweck war: auf Bestellung allerlei Verbrechen im Großen zu verüben. Sie prügelte, verwundete, verstümmelte, ertränkte oder ermordete auf die Art, die man gewünscht hatte, und je nach dem Preise, den man zahlen konnte. Ja es ging so weit, daß man eine Rangstufe von Verbrechen aufgestellt und für jedes derselben ein Minimalpreis festgesetzt war. Nach den Statuten stand an der Spitze ein Oberhauptmann, der oft ein bedeutender Mann war und mitunter sogar eine hervorragende Stellung am königlichen Hofe einnahm. Jede Volksklasse war hier vertreten, Leute aller Stände gehörten ihr au. sei es als Helfershelfer oder als Beschützer, oder auch nur, weil sie derselben zu Dank verpflichtet waren. Die Gardunja hatte aber außer dem Preise, niit den, inan die Schandtaten bezahlen mußte, auch noch eine andere Einnahinequelle, nämlich aus denjenigen Summen, die sie dafür erhob, daß sie den Reisenden Schutz und Hilfe versprach. Sie stellte dann Geleitsbriefe aus, oder sie gab Losungsworte, vor denen sich selbst die Dolche und Karabiner der Banditen senkten. Und um einer derartigen Unterhandlung willen hatte der junge Mann den Provinzialhauptmann der Gardunja aufgesucht. Die beiden Männer begegneten einander heute nicht zum erstenmal. Fernando oder eigentlich Diego d'Almora, dessen Schützling er war, hatte schon häufig zu Ähnlichen Zwecken Geleitbriefe von der Gardunja erkauft. Er bezahlte die Dienste der schrecklichen Gesellschaft niehr als reichlich. „Ihr wißt, Mateo," begann Fernando, „daß in den nächsten Tagen große Festlichkeiten in Saragossa vor sich gehen werden. Unser gnädiger König, Seine allerchristlichste Majestät Philipp II. wünscht, daß man in allen Hauptstädten Spaniens seine glorreichen Siege über Portugal feiere." — „Das weiß ich." sagte Mateo zufriedenen Tones, denn er berechnete bereits die zahlreichen Vorteile, die die Gardunja aus diesem Umstande ziehen konnte. „Die ganze Provinz." fuhr Fernando fort, „wird den glänzenden Festen, die man geben wird, beiwohnen wollen; einige Bekannte meines Herrn werden ohne Zweifel auch kommen, und ...." „Nicht das geringste Hindernis soll ihnen in den Weg gelegt werden, sie werden wohlbehalten in Saragossa ankommen. Seid unbesorgt, Fernando." „Natürlich," antwortete dieser. „Wieviel von Euren Freunden dürften wohl kommen?" „Das kann ich nicht bestimmt sagen, fünf oder sechs, denk' ich. Jedenfalls werdet Ihr je nachdem bezahlt bekommen." „Ich verstehe schon," entgegnete Mateo und steckte das Geld, welches ihm Fernando reichte, mit selbstzufriedene», Grinsen ein, „das letzte Losungswort wird für Eure Freunde ausreichen. Wenn noch welche kommen sollten, aus die Ihr nicht zählt..." „Wird man Euch auch dafür bezahlen." „Das ist selbstverständlich, ich wollte nur bemerken, daß sie freien Durchgang haben. Sie sind Freunde von Diego d'Almora, und ich habe nicht vergessen..." „Sprechen wir nicht mehr davon, Mateo!" Der junge Mann machte eine kurze Verbeugung vor dem Capatoz und wandte sich zum Rückweg nach der Stadt, während Mateo in die „rote Herberge" eintrat. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.