Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · p. Seite 407

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228725--62862-3290044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schöne Sarah, wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Tore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Der Humor der Judengasse ist niemals drastischer und zugleich doch auch wahrer geschildert worden, als in den nun folgenden Szenen vor, in nnd nach der Synagoge?) Da ist zunächst der Vorsänger, dann der Bassist, der natürlich „ein größerer Narr ist, als man von einem Baß zu verlangen braucht", und endlich der fein und süß trällernde Diskant- Sänger. Dann die „Weiberschul"! Das ist nämlich die besondere Abteilung sür Frauen in den alten Synagogen. Eine ganze Galerie von Frauengestalten aus dem Ghetto wird uns hier mit erfrischendem Humor vorgeführt. Ost zeichnet der Dichter diese Gestalten nur mit wenigen Strichen, gleichwohl atmen sie alle volles Leben, und man wird niemals die Empfindung los, daß diese Gestalten auf wirkliche Modelle zurückzuführen sind, die ihm zu seinen Bildern geseffen oder auch nicht geseffen haben. Ein sonniger Humor liegt vor allem über der Gestalt der Schnapper-Elle. Mit wahrem Behagen verweilt der Dichter bei dieser Schilderung: hier hört die Schnurre und die Anekdote ans, und die echt humoristische, die volle künstlerische Wirkung nimmt uns alle gefangen' Schnapper-Elle und Nasenstern, Tronrmelhans und der Narr Jäckel sind neben Hirsch Hyacinth und dem Marchese Gumpelino lebendige und wahrhaftig sehr drastische Zeugen einer Gestaltungskraft, die der Rahmen des lyrischen Empfindungslebens wohl zn sprengen und „Menschen zu formen" vermocht hat nach seinem Bilde: ein Geschlecht, das, ihm gleich, zu leiden, zu weinen, zu genießen und sich zu freuen und keiner Schranke zu achten, wie er, der Schöpfer selbst. Ein Reichtum von charakteristischen Zügen, von denen jeder einzelne genügen würde, die Gestalt lebenskräftig vor uns aufsteigen zu lassen, ist über die Bildergalerie der „Weiberschul" ausgebreitet. Da ist zunächst die „Dorklatscherin" Hündchen Reiß, eine glatte, grünliche Frau, die jedes Unglück witterte und immer eine skandalöse Geschichte auf der Zunge trug. Dann folgt Vögele Ochs, „eine runde, etwas täppische Frau", ferner Süschen Flörsheün und Frau Fläsch, die sich so freundlich die Hand drücken und sich doch hassen, wie „Midian und Moab"?> Die Krone aller Frauen in der Weiberschul ist aber unstreitig die Schnapper-Elle. Die Schilderung dieser Frau reiht sich den besten Charakterzeichnungen von Fritz Reuter an. Wir hören schon von ihr, bevor sie auftritt, und unsere Neugier wird rege gemacht aus „die breite, putzbeladene Frau von mittlerem Alter und gar gespreizt wohlwollendem Wesen", die wohl keine große Schriftgelehrte war, da sie viele Worte allzü sehr nach Gutdünken aussprach und manche gute Zeile ganz „überschlupperte". Nun wird uns die Frau selbst vorgeführt. Schon ihr Anzug ist überaus charakteristisch: „Ein weit aufgebauschter Rock von weißem Atlas, worin alle Tierarten der Arche Noah, grellfarbig geflickt, ein Wams von Wollstoff wie Küraß, die Aermel von rotem Sammt, gelb geschlitzt, auf dem Haupte eine unmenschlich hohe Mütze, um den Hals eine allmächtige Krause von weißem Steiflinnen sowie auch eine silberne Kette, woran allerlei Schaupfennige, Cameen und Raritäten, unter anderm ein Bild der großen Stadt Amsterdam, bis über den Busen herabhängend." h ib. 249 ff. 2) Ein altjüdisches Sprichwort, das Midian und Moab, zwei arabische Völkerstämme, die, obgleich Nachbarn, sich doch stets feindlich gegenüberstanden, zum Symbol des Haffes unter Bekannten macht. Nun erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Sie ist in Holland wegen ihrer Schönheit gar vielen Nachstellungen ausgesetzt gewesen, jetzt ist sie Witwe und Vorsteherin einer Garküche. Gleichwohl hält sie noch immer auf eine schöne Hand, und Hündchen Reiß kopiert zum Ergötzen der ganzen Weiberschul ihre, „erzwungen vornehmen Geberden und den schmachtenden Anstand, mit dem sie die schalkhaften Huldigungen der Jugend entgegennimmt". Als Vögele Ochs sie verteidigt und dabei die Bemerkung fallen läßt, die Schnapper-Elle tue sehr viel Gutes an Leute, die es nötig hätten, da zischt Hündchen Reiß dazwischen: „Besonders an dem Nasenstern." Und alle, die das zarte Verhältnis kannten, lachten um so lauter. Und wir lachen mit ihnen, denn wir erinnern uns der Worte, welche Jäckel der Narr schon am Eingänge zum Judentore an Frau Sarah gerichtet hat: „Fürchtet Euch nicht, schöne Frau, der Nasenstern tut Euch nichts zu Leide. Nur für die alte Schnapper-Elle ist er gefährlich. Sie hat sich in seine Nase verliebt, aber die verdient es auch. Sie ist schön wie der Turm, der gen Damasklls schaut, und erhaben wie die Zedern des Libanons. Auswendig glänzt sie wie Glimmgold und Sirup, und inwendig ist lauter Musik und Lieblichkeit. Jur Sommer blüht sie, im Winter ist sie zrigefroren, und Sommer und Winter wird sie gehätschelt von Schnapper-Elles weißen Händen. Ja, die Schnapper-Elle ist verliebt in ihn, ganz vernarrt. Sie Pflegt ihn, sie füttert ihn, und sobald er fett genug ist, wird sie ihn heiraten, und für ihr Alter ist sic noch jung genug, und wer mal nach dreihundert Jahren hierher nach Frankfurt kommt, wird den Himmel nicht sehen können vor lauter Nasensternen." 0. K. Aus trüber Leit. Eine historische Erzählung. I. ^^^ie letzten Sonnenstrahlen vergoldeten die Türme und Zinnen von Saragossa und begannen bereits dem tiefen Schatten der Nacht zu weichen; das Geräusch des Tages legte sich nach und nach, und nur selten sah man einen verspäteten Wanderer die stillen Gassen durchschreiten. Die größte Einsamkeit umgab jenen jungen Mann, welcher die Stadt eben verlassen hatte und vor der „roten Herberge", die außerhalb der Mauern an der Landstraße nach Frankreich zu lag, seine Schritte anhielt. Die Türen und Fenster des Hauses waren weit geöffnet, so daß das Auge mit Leichtigkeit das geräumige Vorderzimmer übersehen und die sonderbaren Gestalten, die sich in demselben befanden, einer genauen Prüfung unterwerfen konnte. Es war ein Gemisch von Gitanos und Schmugglern, von Dienern der Inquisition, heimatlosen Landstreichern und Räubern, die zu den schrecklichen Banden der Gardunja gehörten. Sie saßen in Gruppen um die Tische, spielend und trinkend, und scherzend und plaudernd. Der junge Mann blickte einige Sekunden in das Zimmer der „roten Herberge" und ein Zeichen der Ungeduld verriet, daß er offenbar nicht gefunden, wen er gesucht. Er tat einen Schritt nach dem Hause zu, als habe er die Absicht hineinzugehen, schien jedoch diesen Gedanken bald aufzugeben, denn er begann langsam vor der Herberge bald auf und ab zu gehen, wobei er sich bannt begnügte, von Zeit zu Zeit einen Blick

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.