Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
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-.406 das Werk Bismarcks über den Haufen werfen wollen? „Wir machen bei allen großen geistigen Bewegungen, die durch eine geistesmächtige Persönlichkeit in Gang gebracht worden, die Beobachtung, daß sie sich auf die Dauer nicht auf der reinen Höhe halten können, die sie anfänglich inne hatten. Sobald die führende Persönlichkeit vom Schauplatz abgetreten ist, fangen die hohen Gedanken an sich zu vergröbern oder zu verflachen; sie verlieren oft ihre eigentümliche Pointe, werden ins Triviale umgesetzt oder gar durch ursprünglich nebensächliche Gedanken, die zu dem Hauptgedanken gewissermassen nur die Untertöne bilden, nun aber zur Hauptsache gemacht werden, in den Hintergrund gedrängt." (Baentsch, S. 95.) Das unvergängliche Verdienst der Propheten ist, daß sie die geistige und sittlich-religiöse Brücke geschlagen haben, die Israel wieder zu Moses zurückgeführt hat, „daß der höhere Gottesgedanke, wie er bereits dem Moses klar vor Augen gestanden hatte, sich nun auch wirklich durchsetzte und voll entfaltete." (Baentsch, S. 94.) Es ist eine ewige, unerschütterliche Wahrheit: Der israelitische Monotheismus ist eine Schöpfung Mosis. Was bedeutet nun dieser Monotheismus für die Menschheit, was ist sein ewiger Wert? Er hat vor allem die wahre, tiefe, echte Herzensfrömmigkeit, die Religiosität zum Gemeingute der Menschheit gemacht. Daß selbst bei niedrigstem Fetischismus eine seelische; Innigkeit sein kann, ist zweifellos. Das religiöse Bedürfnis ist vom dogmatischen Glauben ganz unabhängig. Ob ich zu ' einein unsichtbaren Gott oder zu einem Bilde ans Holz und! Steile bete, der religiösen Innigkeit, der Tiefe des Gebetes tut ' das keinen Abbruch. „Es darf daher nicht wundernehmen, wenn Nur in den religiösen Gesängen der alten Babylonier! eine relativ hohe Religiosität finden; Persönlichkeiten, denen 1 die Religion die Befriedigung eines tiefen Herzensbedürfnisses uhu-, hat es sicherlich auch im alten Babylon gegeben." (Baentsch, S. 12.) Der, Unterschied zwischen der Religiosität des israelitischen Monotheismus und dem Polytheismus liegt nur in folgendem: Im Augenblicke des tiefsten religiösen Affekts ist jeder Mensch, ohne Ausnahme, unbewußter Monotheist. Kein Mensch betet, vorausgesetzt, daß er innerlichst betet, zu mehreren Göttern, er betet nur zu einem Gott. Er kann der derbste, sinnlichste Polytheist sein, in dem Momente, da sein Gemüt aufgelöst zum Gebete gleichsam hinsinkt, verdichtet sich sein Fühlen, sein Bitten dem Einen zu. „Echte Religiosität, die einem tiefen Herzensbedürfnisse entspringt, drängt ganz von selbst auf eine monotheistische Religionsform hin." (Baentsch, S. 17.) Vielheit, bunte Mannigfaltigkeit lenkt ab, duldet keine seelische Konzentration, vereint nicht die Herzensfibern nach einem Mittelpunkt. Echte, tiefe Religiosität kann aber ohne diese scharfe Fixierung gar nicht sein; Religiosität ist die Bereinigung aller Gefühle in einen Brennpunkt. In tiefer religiöser Stiinmung versinkt die ganze Welt über und imtet mir in nichts, da existieren nur ich — mein Seelenich — und mein Idol, weiter nichts. Während also im Polytheismus der Herzensfromme ahnend zum Monotheismus sich aufschwingt, die Herzensfrömmigkeit infolgedessen nur ab und zu in besonders religiösen Seelen anftaucht, hat der israelitische Monotheismus die Religiosität jedem erschlossen. Sie war von da ab nicht mehr eine Gabe tief erinnerlicher Naturen, sondern Gemeingut. Jetzt brauchte sich der Gläubige nicht mehr aus dem Wüste der Gottheiten zur Einheit zu erheben, sie war immer da, immer vorhanden, reale Wirklichkeit; seine Seele brauchte nur danach zu langen. Religiosität ist im Polytheismus die Ahnung weniger, im Monotheismus der Besitz aller. Religiosität ist transzendente, übersinnliche, seelische Liebe. Lieben, ganz und gar lieben, kann der Mensch nur das Eine: das eine Vaterland, die eine Menschheit, die eine Familie, den einen Freund, das eine Weib. Die Einheitspotenzen des menschlichen Daseins hat die Liebe geschaffen. Der israelitische Monotheismus ist sonach eine Schöpfung der Liebe, des liebebedürftigen Herzens, der nach Liebe dürstenden menschlichen Seele. Da aber der eine Gott, der Herr alles Lebens und aller Wesen, in sich alles vereinigt, was ist, umfaßt die Liebe zu ihm zugleich die Liebe zur ganzen Kreatur, zu allein, was Himmel und Erde in sich bergen, das heißt: Monotheismus und Ethik sind unzertrennliche Begriffe. So hat der Monotheismus der Israeliten nicht nur die Religiosität, sondern auch die Ethik der gesamten Menschheit gebracht, und wenn es wahr ist, daß es eigentlich nur eine religiöse Ethik geben kann, muß hinzugefügt werden, nur eine monotheistisch-religiöse. Wie der Polytheismus Spuren von Religiosität überall aufweist, so auch Spuren der Ethik, aber zum Menschheitseigentmn hat beide der israelitische Monotheismus erhoben. Wie widersinnig ist daher die Phrase Renans und seiner Nachbeter: der israelitische Monotheismus sei nur das Produkt eines gemüt- und lieblosen, kahlen, rationalistischen Volkes ohne Poesie und Phantasie. Das Gegenteil ist wahr. Nur eine tief im Transzendenten lebende Seele, die keine größere Sehnsucht kennt als die Liebe, die heilige, große Liebe, konnte den Monotheismus geschaffen haben: die israelitische Volksseele in ihrem Genius Moses. Ethik und Religiosität zum Gemeingute der Menschheit erhoben zu haben, ist das Werl desisraelitischen Monotheismus. Ihn preisgeben, hieße diese kostbaren Güter der Seele, wenn nicht vollends verlieren, so doch jedenfalls unendlich schwächen. Vor solchem Verlust bewahre der Himmel die Menschheit! Der Sabbr von Sachsrach. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. VH. ie künstlerische Gestaltungskraft Heines offenbart sich am schönsten irr dem Auftritt am Gittertor der Frankfurter Judengasse. Hier ist wirkliche epische Schöpferkraft, nicht bloß lyrische Subjektivität! Hier beginnt auch eigentlich zuerst der Dialog, während bis dahin die Eeschichtserzählung vorherrschte; hier fallen die romantischen Kuliffen, und die Darstellungsgabe des Dichters tritt in voller Deutlichkeit hervor.') Der schwere, dicke Trommelhans, der mit seinem rauhen Bierbaß die Melodie des alten Liedes gurgelt, das einst „die Geißler bei der Judenschlacht" gesungen,^) und der das Tor von außen bewacht, der ängstliche Nasenstern, dessen Lebensmotto das Wort ist: „Ich bin nur ein einzelner Mensch," und der mit Beitel Rindskops das Tor von innen bewacht, endlich Jäckel, der Narr, mit seinem lachend vollroten Gesicht und der unmenschlich großen Fleischhand, das sind plastisch hervortretende Gestalten, die in einer ergötzlich dramatischen Szene uns vorgeführt werden, und aus deren Eigentümlichkeiten sich wie von selbst die Wahrheit des Wortes ergibt, daß der „Rabbi" seiner Gattin seufzend zuruft: „Sieh', ') ib. 242 ff. 2; Dies Geitzlerlied hat Heine wahrscheinlich dem Buche von E. Förstemann, „Die christlichen Geißlergescllschasten" (Halle 1828), S. 263, entlehnt, wo der Text allerdings etwas verändert ist.