Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
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--405 ahnte Wahrheit ergreifen und aussprechen, aber immer wieder senkt sich im entscheidenden Augenblicke der polytheistische Schleier über die aufdämmernde Erkenntnis und erstickt das Licht, das, wie es scheint, eben ausleuchten wollte." (Baentsch, S. 10, 11 ff.) Wie anders der israelitische Monotheismus. Schon im Moment seiner Geburt ist er keine dunkle Ahnung nur, kein Tasten, kein.Aufdämmern, sondern klar und rein, gewaltig, übermächtig. Man merkt es ihm sofort an, das; er sich nicht aus der Zeiten Schoß mühsam herausgewunden hat, sondern durch unvergleichliche religiöse Intuition mit einen; Male Israel offenbart wurde in seiner ganzen Größe und Erhabenheit. Schon daß er nicht langsam, nach und nach von den „Wissenden", von den Priestern auf das Volk überging, sondern von allem Anfänge der ganzen Nation verkündet ward, und zwar im vollsten Bewußtsein seines Gegensatzes zu dem Polytheismus der andern Völker, ist ein Beweis dafür, daß wir es nicht mit einer gewordenen, sondern geschaffenen Religion zu tun haben. „In Israel wird der monotheistische Gedanke dem Volke in allen seinen Schichten verkündet; er wird von Männern, die von ihm erfüllt sind, und . die es nicht lassen können, von ihm zu reden, als die wichtigste, grundlegende religiöse Wahrheit in die Menge hineingetragen. Er soll das Eigentum des ganzen Volkes und jedes einzelnen in ihm werden." (Baentsch, S. 43 ff.) Der Monotheismus des Astralglaubens bleibt immer embryonisch, latent, unausgereift, unfähig, befruchtend fortzuwirken und Großes zu schaffen, das ists. Monotheismus war vom Beginne an darauf angelegt, die Welt zu erobern. Warum weiß keine Astral- oder Nationalreligion von einem Stifter zu erzählen, warum nur eine geschichtliche, ethische Religion? Weil diese nicht aus Wissen und Kenntnissen herauswächst, weil zu einer solchen ein „inneres Erlebnis" gehört, „ein intensives Ergriffenwerden von der Gottheit, eine heilige Stunde innerster Berührung mit einer transzendenten Welt, in der das Göttliche einem Menschen persönlich nahe tritt, und in der er sich der Berufung bewußt wird, den Gott zu verkünden, den er innerlich erlebt. . . . Weil es immer nur eine Persönlichkeit sein kann, die ein geschichtliches Ereignis in einem Sinne deutet, der es zur Grundlage und zum Ausgangspunkte für eine religiöse Bewegung erst geeignet macht, und ebenso kann es immer nur eine Persönlichkeit, und zwar nur eine geistesmächtige Persönlichkeit sein, die einer Religion ein bestimmtes ethisches Gepräge gibt." (Baentsch, S. 82, 66.) Wie das Christentum, der Buddhismus, der Islam prophetische Männer zu ihren Stiftern hatten, haben mußten, so ist auch der israelitische Monotheismus nicht anders als geschaffen denkbar. Wäre die protestantische Theologie objektiv genug gewesen, hätte sie von vornherein den Gedanken, daß die israelitische Religion keine gestiftete war, weit von sich gewiesen; ihre Befangenheit und tendenziöse Voreingenommenheit, ihr Hang, den Purpurmantel Israels herunterzureißen, es zu degradieren, hat sie zu Hypothesen verleitet, die ihr das Gespötte kommender Geschlechter einbringen werden. Ist aber der israelitische Monotheismus eine Schöpfung, dann ist nicht einzusehen, warum nicht Moses ihr Schöpfer gewesen sein soll. War vielleicht seine Zeit unfähig, eine Persönlichkeit hervorzubringen, wie sie uns in Mose geschildert wird? Das behaupten, hieße jener ganzen Kulturepoche unrecht ' tun. Ebenso unzulässig ist die Annahme, das israelitische Volk hätte dazumal ein solches Genie in seiner Mitte nicht erstehen lassen können. Gewiß, der Boden, dem die Größen der Weltgeschichte entspringen, muß aufgeackert und vorbereitet sein. War er das - nicht in Israel? Daß dieses Volk, mitten drin in ägyptischer und babylonischer Kultur, von dieser unberührt geblieben wäre, ist unglaublich; abgesehen davon, daß von Moses berichtet wird, er wäre am Hose des Pharao in allen ägyptischen Wissenschaften erzogen worden. Daß die mosaische Gottesschöpfung zugleich ein Kind ihrer Zeit war, wer wollte das leugnen? Daß wir an allen Ecken und Enden an die Tage erinnert werden, da Israel seinem nationalen Astralgott Opfer dargebracht hat, ist irnvernreidlich. Man nrllß nur Exodus, Kapitel 2, Verse 14 und 15 mit Verständnis lesen, um zu erfassen, daß selbst Moses ans den Vätergott zurückgreifen mußte, um verstanden zu werden. Das ist eben das Milien, aus dessen Umarmungen sich das Genie nicht befreien kann, wenn es sich Gehör verschaffen will, das dein Werke des Religionsstifters anhaftet, so lange sein Werk besteht; das sind die Spuren der ältesten, ersten Fesseln, die nie verwischen, aber doch nur Akzidentien, unwesentliche Nebenzüge, Begleiterscheinungen. Wird .dadurch das Werk des Genius kleiner, geringer? In ihrem Wesen bedeutet die GotterkenntnisMosis zweifellos etwas grundsätzlich Neues, denn sie bedeutete die prinzipielle Ueberwindung des Polytheismus, zu der es die sonstigen monotheistischen Ansätze in den altorientalischen Religionen nicht haben bringen können und . . . auch nicht haben bringen wollen. „Der Jahve, den Moses innerlich erlebt hatte, war eine lebendige, mächtige, sittliche Persönlichkeit, die über das Naturgeschehen innerlich hinausgehoben war, kein Sterngott mehr, sondern ein Gott über den Sternen, keine personifizierte Naturkraft mehr, sondern ein Gott, der über der Natur und den Elementen als ihr Herr und Meister stand." (Baentsch, S. 88, 87.) „Nur so erklärt sich die grundsätzliche Bildlosigkeit des Jahvedienstes . . ., der vollkommene Mangel einer doppelgeschlechtigen Auffassung Jahves, die Abwesenheit aller Mythologie, ohne die eine Astral- oder Naturreligion nicht gut denkbar ist.. ., die prinzipielle Jnt oleranz Jahves, die sich in geradezu explosiver Weise geltend macht, wenn ihm ein anderer Gott zur Seite gesetzt wird. .., die kräftig-ethische Auffassung Jahves, die für die Religion dieses Gottes so überaus charakteristisch gewesen ist, und durch die sie sich über alle anderen Religionen des semitischen Altertums so weit hinausgehoben hat." (Baentsch, S. 88 ff.) Daß dieser mosaische Gott, obwohl er zeitgemäß ein Nationalgott auch war, unbedingt von vornherein von Moses universalistisch gedacht und gegeben wurde, ist meines Erachtens selbstverständlich. Ein Gott des Universums, „der über der Natur und den Elementen als ihr Herr und Meister stand," nmß auch Herr und Gebieter aller Menschen sein, der einen Teil der Menschheit nur zu seinem besondern Dienst und ein Land für dieses Geschlecht ausersehen und auserkoren hat. Diese nationale Seite war eine unbedingt notwendige Konzession an das damalige Israel, eine Konzession, von der selbst die Propheten sich nicht loszusagen vermochten und der vielleicht eine wirklich tief in einem Volkstum wurzelnde Religion nie vollständig wird entrateu können. Daß die nachmosaische Zeit einen so krassen religiösen Rückschritt zeigt, als hätte es nie einen Moses, einen Sinai gegeben, das darf doch wahrlich niemanden folgern lassen, es habe tatsächlich keiner existiert. Wie vernünftige Menschen zu solcher Verkehrtheit nur kommen können! Das Genie schafft aus den wirren, krausen Ahnungen, aus den unklaren Ideen seiner Zeit das Große und Klare, und schafft es in einer Vollkommenheit, zu der sich nicht nur die eigene Zeit, sondern noch viel spätere Generationen nur in ihren Großen mit Mühe heraufarbeiten können, die vielleicht der Durchschnittsmensch niemals erfaßt. Hat die deutsche Gesamtheit etwa das Genie Kants oder Goethes bis heute erreicht, und gibt es nicht auch heute noch Partikularisten genug, die