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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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- - ^‘-•v ■« - u-y, t’Vfäg*!: 404 Juden, wie mit dem alten Judenfleck, mit einem besonderen Merkzeichen zu versehen, oder beim Versaffernamen in Klammer, gleichsam jur Vorsicht mahnend, dqs Wort „Jude" zu sehen. Unter solchen Umständen müssen wir es dankbarst begrüßen, wenn endlich aus der Zünst einer Töne anschlägt, die uns ans Herz greifen, die uns nach so viel Verbitterung einmal eine kleine Genugtuung schaffen; wenn endlich ein Professor der protestantischen Theologie über Ursprung und Wert des israelitischen Monotheismus Gedanken veröffentlicht, die jeder Jude, der der Kritik und der Tradition gleichmäßig Rechnung trägt, freudig unterschreiben kann. Ein kleines Büchlein ist's, ohne allzu großen Gelehrtenapparat, das uns Profesior B aentsch geschenkt hat'), aber kein intelligenter Jude sollte verfehlen, es eingehend zu lesen. Es ist so schlicht, so herzlich und gewinnend geschrieben, so ohne jede Animosität, so natürlich und ohne jede Effekthascherei, so Vorurteils- und voraussetzungslos, daß es einem ordentlich wohltut. Es schielt weder nach rechts noch nach links, kümmert sich nicht um Judentum und Christentum, teilt keine geistreichen Hiebe und Nadelstiche aus, unterschlägt und übertreibt nicht, will nichts als die siinple Wahrheit. Und weil es nicht tüftelt und sucht, wirkt es wie erfrischender Regenschauer in schwüler Sonunerglut. Der Inhalt des Buches kann in einem kurzen Satze zusammengefaßt werden. Baentsch erklärt den israelitischen Monotheismus als eine Schöpfung Mosis, zugleich als den Schöpfer bewußter, tiefster Religiosität und höchster, reinster Ethik. Wie waren denn Kritiker und Asiyriologen eigentlich dazu gekommen, dein israelitischen Monotheismus mosaischen Ursprung und die Hervorbringung bewußter Religiosität und Ethik abzusprechen? Um ihren Gedankengang folgen zu können, müssen wir uns die allgemeinen religiösen Zustände in der Zeit Mosis, also im 13. vorchristlichen Jahrhundert, vergegenwärtigen. Drei Länder kommen hier in Betracht: Babylon, Aegypten und Kanaan. Fassen wir erst die Babylonier ins Auge. Sehen wir von der niedrigen Volksreligion, das heißt von der Religion der Menge ab, so dürfen wir in Babylon von einer Nationalreligion und einer Priesterreligion sprechen. „Das älteste Babylon zerfiel in eine Reihe von Stadtkönigreichen. Jedes dieser Stadtkönigreiche hatte seinen eigenen Gott, genauer gesagt, seine Götter. Ein solches Pantheon hat nun aber immer — und das ist in der Tat ein beachtenswerter Punkt — seine monarchische Zuspitzung. Der gegebene summus deus ist immer der eigentliche Schutzgott des Stadtgebietes, zu dem die übrigen Götter im Verhältnis von untergeordneten Familiengliedern oder einer Art Hofstaat stehen. Ist die betreffende Stadt zugleich die Metropole eines Staates, so ist der betreffende Stadtgott zugleich Landesgott. Der Gott der Stadt Babel war z. B. von Urzeiten her der Gott Marduk. Als Babel unter der Herrschaft der sogenannten Hammurabi-Dynastie in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. die Hauptstadt eines babylonischen Einheitsstaates wurde, wurde Marduk natürlich zugleich der summus dsus dieses Staates, der babylonische Landesgott und damit zugleich der König über alle babylonischen Götter. Es ist nun nicht zu leugnen, daß diese summi dd der einzelnen Stadtkönigreiche oder Stadtgebiete und vor allem der oberste Gott Marduk in den Hymnen, die in ihren ersten Kulten gesungen wurden, oft in einer Weise gefeiert wurden, y Altorientalischer und israelitischer Monotheismus. Ein Wort zur Revision der entwicklungsgeschichtlichen Auffassung der israelitischen Religionsgeschichte. Tübingen 1906. I. C. Mohr. die für unser Gefühl an das Monotheistische streift. Angesichts solcher Stellen wird man nicht leugnen dürfen, daß eine „monotheistische Stimmung durch diese Gotteshymneu weht". (Baentsch, S. 6, 7, 9.) Noch bemerkbarer ist diese monotheistische Strömung in den priesterlicheu Lehrsystemen der Babylonier als Hüter des ältesten Sternenkults. „Die babylonische Spekulation der babylonischen Priester und Gelehrten knüpst in: wesentlichen an den Sonnenlauf und die Planeten an, deren Bewegungen so regelmäßig sind, immer und immer wieder in denselben Formen wiederkehren, so nackt und sicher ineinander greifen, daß man ja eigentlich ganz von selbst auf den Gedanken kommen muß, daß es hier nicht um isolierte, voneinander unabhängige, zufällige Vorgänge am Sternenhimmel, sondern nur um einen in sich zusammenhängenden Komplex von Erscheinungen, um ein Shstein handeln kann, in dem sich das Walten einer einheitlichen göttlichen Macht offenbart. Die verschiedenen Götter sind im Grunde keine selbstständigen Mächte, sondern nur Teilerscheinungen der einen im Weltganzen sich offenbarenden göttlichen Macht." (Baentsch S. 28, 33.) Genau dieselben Vorgänge spielten sich überall ab, wohin der babylonische Kultureinfluß nur reichte, sonach auch in Aegypten. „Auch die ägyptische Religion war im wesentlichen eine Astralreligion, und der Gott, der in dieser Religion die Hauptrolle spielte, war der Sonnengott. Die übrigen Götter wurden als Teilgestalten, als Erscheinungsformen dieses Gottes aufgefaßt. So drängt auch hier das System auf eine monotheistische Betrachtungsweise hin, und die monotheistische Konsequenz ist dann in Aegypten auch mit einer gewissen Folgerichtigkeit gezogen worden. Der bekannte König Amenophis IV. machte den Versuch, eine auf die Einführung eines solaren Monotheismus hinauslaufende Reform durchzuführen." (Baentsch, S. 35, 36.) Syrien und Kanaan liegen aber zwischen den zwei großen Kulturgebieten Babylon und Aegypten. Ist es denkbar, daß ein so abhängiges Zwischengebiet religiös unbeeinflußt geblieben wäre? Mit vollem Rechte behauptet Baentsch, daß diesen Einfluß anzuerkennen, .wenn uns auch momentan nicht allzuviel Beweise noch zu Gebote stehen, nicht als müßige Spekulation abzuweisen sei (S. 39). Es ist mm begreiflich, daß Gelehrte, die bei ihren Forschungen von einer bestimmten Tendenz nicht loskommen können, angesichts dieser Erscheinungen einen Luftsprung taten und phantastisch Strömungen sür klare Lehren ansahen. Weil Babylon, Aegypten, das alte Kanaan Spuren monotheistischer Gedanken zeigen, wurde ihnen der volle, reine Monotheismus zugeschrieben, den dann die Israeliten in Kanaan übernommen und weiter entwickelt hätten. Das war der verhängnisvollste Irrtum, der unverantwortlichste Trugschluß. Denn „so nahe es liegen mag, aus den angeführten Stellen auf eine monotheistische Unterströinung in der Nationalreligion zu schließen, so sind dieselben Götterhymnen, auf die wir uns bezogen haben, doch beredte Zeugen dafür, daß der Polytheismus der. Nationalreligion eine ungebrochene Größe war. Nicht die leiseste bewußte Reaktion dagegen läßt sich spüren. Marduk ist wie Lin und. die sonst in Betracht kommenden Götter doch schließlich nur deshalb der höchste Gott, weil er andere Götter unter sich hat.Man hat bei der Lektüre dieser Götterhymnen mehr als einmal die lebhafte Empfindung, als wolle hier eine höhere, reinere Gotteserkenntnis zum Durchbruch kommen, als wolle das Menschenherz in seinem dunklen Drange die von Ferne ge-

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