Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
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Der ilrselitilche flonotheismus. Von Tr. I. Ziegler-Karlsbad. eit einigen Jahrzehnten hat in der Stellungnahme der protestantischen Theologie gegenüber dem neutestamentlichen Judentume eine Umwälzung stch vollzogen, der anfangs von unserer Seite, nurgeringe Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Erst als sehr angesehene evangelische Theologen mit den neuen Anschauungen aus der Gelehrtenstube in die breitere Oeffentlichkeit traten und sogar auf gewisse Kreise der Judenheit nicht ohne Einfluß blieben, verließen auch die jüdischen Gelehrten ihre Reserve, um zur Gegenwehr zu schreiten, die allerdings den Jahrzehnte hindurch geschulten und geübten, auch an Zahl der Arbeiter weit überlegenen Angriffen vorläufig nicht gewachsen ist. Ich glaube, daß es nur von Nutzen sein kann, wenn auch unsere Oeffentlichkeit über die Sachlage klare Begriffe erhält. Solange die christliche Theologie bibelgläubig war, verharrte sie auf den: Standpunkte der neutestamentlichen Schriften und der Kirchenväter, daß das Christentum die Erfüllung des Judentums sei, indem all das eingetroffen wäre, was die Bibel von dem Messias und dem neuen Bunde vorausverkündet hatte. In dem festen Besitze dieser Ueberzeugung begnügte sich die christliche Theologie, die Juden im Zeitalter Jesu als das denkbar verkommenste Geschlecht darzustellen, kümmerte sich jeooch wenig um das damalige Judentum, um seine Lehren, Ideale und Hoffnungen. Die Wandlung kam in dem Augenblick, in welchen: einerseits der Bibelglaube der Theologen erschüttert war, anderseits das Judentum selbst seine Zukunftsideale als Ersatz für das absterbende Gesetz stärker und offener zu betonen begann. Statt der Erfüllung des Judentums mußte der kritischen Zeit etwas anderes geboten werden, das sie mehr ansprach und sie nicht nur nach der religiösen Seite hin befriedigen konnte, und das war die Ueberwindung des Judentums. Es wurde der Gedanke ausgesprochen, daß Jesus nicht nur über das Gesetz hinweg den großen Propheten die brüderliche Hand gereicht habe, daß er nicht nur die Weltgedanken der Prophetie und ihre sittlichen Ideale aus dem Schutt der Gesetze herausgerettet, sondern auch diese Ideen auf eine Stufe gebracht hätte, von der das damalige Judentum, selbst in seinen besten Männern, keine Ahnung besaß. Das Christentum bedeute den höchsten Gipfel der Religion an sich, und dem Judentume sei fortan jede religiöse Existenzberechtigung abzusprechen. Die protestantische Theologie darf sich des vollen Erfolges rühmen, sie hat diesen Gedanken den christlichen Gemeinden tief einzupflanzen verstanden. Es gibt wohl heilte keinen gebildeten Christen, der nicht von der Inferiorität des neutestamentlichen Judentums, daher auch unseres eigenen, vollständig überzeugt wäre. Unsere oberste Pflicht ist nunmehr, wenigstens unserer Gemeinde die Unrichtigkeit dieser selbstherrlichen Ideen unwiderleglich darzutun. Es fei mir gestattet, auch an dieser Stelle die Hoffnung auszusprechen, mich in einigen Jahren jenen Männern anschließen zu dürfen, die beherzt und mutig die Ueberwindung des Judentums zu überwinden sich bemühen. Während die protestantischen Erforscher des neutestamentlichen Zeitalters auf diese Weise trachteten, bas Judentuu: als gaautitS negligeabie der religiösen Bestrebungen ihren Lesern vor Augen zu führen, erstand dem Judentume in der modernen, ebenfalls von protestantischen Theologen geführten Bibelkritik ein neuer Feind, der mit blanken Waffen auf die Wahlstatt zog, um unsere religiöse Bedeutung bald vollends zu vernichten. War die bald offen, bald versteckt ausgesprochene Tendenz der neutestamentlichen Forschung, dem Judentume l die Zuknnftshoffnnng zu unterbinden, so will die Bibelkritik den Stolz auf nnsereVergangenheit in Trümmer schlagen: nichts soll uns übrig bleiben, als resigniert den Tod zu erwarten. Daß unsere Religion eine der gewaltigsten Neuschöpsungen des Menschengeistes war, daß sie Moses als Genius der religiösen Volksseele Israels in gigantischer Schaffellskraft erstehen ließ, daß der israelitische Monotheismus, derSabbat, die biblischen Sittengesetze Bildungen der israelitisch-religiösen Intuition seien, hat kein Theologe und kein Laie früher bezweifelt, und in bewundernder Anerkennung beugte sich alles vor dem Geiste des israelitischen Volkes, der das Ideal des einzigen, bildlosen Gottes der Menschheit gegeben hat. — Nun sollen wir und die Welt eines anderen, eines besseren belehrt werden. Irre ich nicht, war Renan der erste, der den israelitischen Monotheismus als die dürftigste Religion, ja als den Mangel jeder tiefen Religiosität bezeichnet hatte. Trotzdem daß dieser unverläßliche geniale Mensch alles, was er in einer Schrift felsenfest behailptete, schon in der nächsten in sein Gegenteil umzuwandeln Pflegte, hat er doch langsam Schule gemacht: es gibt heute nicht wenige, die den israelitischen Monotheismus verächtlich Monolatrie und die Israeliten die. schlimmsten Götzendiener nennen. Das genügt jedoch den stürmischen Bibelkritikern nicht. Sie haben es mit göttlicher Hilfe fertig gebracht, nachgewiesen zu haben, daß Moses und die Urväter überhaupt nur imaginäre Gestalten seien, daß erst mit den Propheten der Läuterungsprozeß der israelitisch-heidnischen Religion beginne und die vorprophetische Geistesgeschichte Israels erst inr Exil den damaligen Zuständen entsprechend rekonstruiert wurde. Diesen Theorien kommt jetzt die Assyriologie mit Schaufel lmd Grabscheit zu Hilfe. Die Ausgrabungen in Babylon, die tatsächlich eine neue, nicht nur politische und wirtschaftliche, sondern auch geistige und religiöse Welt zutage förderten, werden in den Dienst dieser Theorien gestellt. Nicht allein, daß die vorprophetische Zeit einfach gestrichen werden soll, selbst der prophetischen wird die Krone entrissen, die man ihr früher aufs Haupt gesetzt hatte. Monotheismus von deil Babyloniern abgeguckt, Sittengesetze von den Sumeriern abgeschrieben, Sabbat entlehnt. Hieb aus Hieb fällt auf die israelitische Geschichte, lim den erschütternden Nachweis zu bringen für die These, daß unsere Religion keine gestiftete, keine durch ein religiöses Genie gewordene, sondern eine von Babel her geliehene, in langsamer Entwicklung hervorgegangene sei. Bestätigt sich dies, dann hat das israelitische Volk kein Recht mehr, von seiner besonderen religiösen Auserwählung zu sprechen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, was die Frage für uns bedeutet, ob diese Thesen Wahrheit sind oder, tendenziöse Uebertreibungen. Man sollte wohl meinen, daß die jüdischen Gelehrten mit einer Glut der Begeisterung auf das Schlachtfeld zuni Schutze Israels sich begeben hätten. Es geschah nicht. Aus verschiedenen Gründen. Der praktische Seelsorger kann nicht gut Bibelkritiker sein: in den kleinen Städten fehlen ihm die notwendigen Hilfsmittel, in den großen die Zeit. Die Universitäten haben keinen Lehrstuhl für jüdische Theologie, und ein Appell all unsere reichen Glaubensbrüder zur Gründung solcher Lehrstühle hat bis jetzt nur taube Ohren gefunden. Blieb uns nur ab und zu ein Seminarlehrer oder der eine oder andere Rabbiner einer kleinen Universitätsstadt, die dies dornige Gebiet betraten. Dornig besonders darum, weil es gemeiniglich von der Zunft der protestantischen Theologie nicht anerkannt wurde, die mitleidsvoll die Achseln zuckten, wagte ein Jude mitzusprechen. Ist es doch noch immer Mode bei einer Reihe von protestantischen Theologen, die Werke der