Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
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iÜÄii die meisten Männer aus religiöser Ueberzeugung, aus heiliger Scheu vor einer alten, geheiligten Sitte mit aller Kraft widersetzen. Beim gemeinsamen Gottesdienst, wie der unselige ist, kann man bei aller Anerkennung derPostulate des weiblichen Geschlechtes die Wünsche und das Verlangen der Männer nicht außer acht lassen, insbesondere nicht, wo diese durch das Herkommen oder Religionsgesetz fest gestützt werden. Vielleicht ließe sich jedoch das Uebel verringern, die Thoraverlesung reduzieren. Das ist wohl kein neuer Vorschlag, aber seine Durchführung wird immer dringender verlangt, denn auch den Männern dauert die Vorlesung zu lange und wird infolge zunehmender Unkenntnis der hebräischen Sprache immer langweiliger. Seien wir gerecht. Hat selbst für den Hebräischkundigen die Liste der Volkszählungen, der zweimaligen detaillierten Schilderung des Aufbaus der Stiftshütte, die schier endlose Wiederholung der Opfer, die Aufzählung der Krankheiten und manche andere ähnliche Stelle der Thora Interesse, etwa noch religiöses Interesse? Sollte das, in Uebersetzung geboten, etwa die Frau interessieren? Die Form der Thoraverlesung kann gewahrt werden, aber die Zeit sollte unbedingt verkürzt werden. Eine allgemeine Norm läßt sich da schwer feststellen, da die religiösen Verhältnisse in jeder Gemeinde anders liegen. Ich kann mir z. B. ganz gut folgende Reform vorstellen, ohne das Religionsgesetz zu verletzen. Man liest beim Morgengottesdienste am Sonnabend den ganzen Wochenabschnitt, beim Mussaf hingegen nur je drei Verse jedem Vorgerufenen, also insgesamt 24 gewählte Verse. Diese können vom Rabbiner noch ins Deutsche übertragen werden, die Hastora kann ebenso hebräisch und deutsch oder nur deutsch rezitiert werden. Die Form wäre nicht verletzt, und doch würde der ganze Akt kaum eine Viertelstunde dauern, allgemeine Teilnahme Hervorrufen und sowohl den Männern, noch mehr aber den Frauen die Gelegenheit zum Plaudern entziehen. Die Klagen über Länge und Unverständlichkeit würden verstummen, die Langeweile gebannt sein,und damit würdenRuheundAndacht wieder ins Gotteshaus einkehren. Allenthalben wird bei unserem Gottesdieriste geklagt über Mangel an Gesang, nämlich Gemeindegesang; denn Kantor und Chor sind eher zu viel als zu wenig angestrengt. Da wirkt noch die Sehnsucht nach früherer Generationen schönem Gesang mit, die ehedem größtenteils im Tempel befriedigt wurde, während diese Sehnsucht heute anderswo gestillt und im Tempel mehr Anregung zur Andacht als großartige Gesangs- und Stimmleistung gesucht wird. Die Gemeinde sollte am Gesang mehr teilnehmen. Dazu eignen sich jedoch die kurzen Sätze, mit denen der Chor die Gemeinde vertritt, z. B. in der „Keduscha" nicht, sondern es müßten größere Gesangspiecen dem Gottesdienste beigegeben werden, so besonders am Anfänge und Schlusie des Gottesdienstes zum Beispiel je ein Psalm. Die Psalmen sind wohl ein integrierender Bestandteil unserer Liturgie, aber trotz des aus ihnen frisch quillenden, innigen tiefen religiösen Gefühls, trotz des in ihnen sich offenbarenden heißen Sehnens nach Gott, trotz des aus ihnen hervorbrechenden unerschütterlichen Vertrauens in Gottes Güte und Gnade, können sie beim jetzigen Gottesdienst den Betenden weder erbauen noch andächtig stimmen, überhaupt nicht auf sein Gemüt wirken. Sie werden, wie z. B. beim Schachrith-Gebet, en masse als bestimmtes Pensum heruntergeleiert, kommen beim bestbesuchten Gottesdienst, beim Mussaf, gar nicht vor. Mit dem veralteten, unserem Denken schnurstracks zuwiderlaufenden „Chukkoth haggoj“ (Sitte Andersgläubiger) sollte endlich aufgeräumt werden, insbesondere wo es sich um unseren Besitzstand, um unser Gut handelt. Das Christentum hat unseren Gottesdienst aus dem jerusaleinischen Tempel kopiert, und wir sollten nicht unsere Psalmen unserem Muffas beigeben dürfen, weil die Protestanten ein Hauptgewicht auf den Psalmengesang der Gemeinde legen? Eine kuriose Schlußfolgerung. So hatte man ja einst gegen die Predigt gewettert; Gott sei Dank, ohne Erfolg. Mehr Gemeindegesang mit Ausnutzung der Psalmen, und zwar in deutscher Sprache, täte unserm Gottesdienste wohl. Rabbiner und Kantor sollten keine Mühe scheuen, die Frauen für den Gemeindegesang zu gewinnen, was ja bei der Gesangstüchtigkeit, die im Kreise des weiblichen Geschlechtes unserer Intelligenz herrscht und oft zum Ausdrucke zu gelangen ringt, nicht schwer fallen könnte. Es müsien ja anfangs nicht alle Frauen mittun, sie werden in Kürze wetteifernd Nachfolgen. Man erhöhe ihre aktive Teilnahme am Gottesdienste, man mache sie zu einem Faktor und sie werden bewußt ihres Wertes diese Ehre mit heller Freude begrüßen und schließlich gern das Gotteshaus aufsuchen. Dem Geiste und Gesetze des Judentums widerspricht diese „Reform", wenn man sie so nennen will, keineswegs. Die Trennung der Geschlechter in unseren Gotteshäusern ist auch nicht fördernd für die Andacht. Die Frauen sind dem Gottesdienst zu sehr entrückt, zu viel sich selber überlassen und ziehen daraus die sattsam bekannten Konsequenzen. Sollte man nicht, wie manchenorts dieser Versuch von Erfolg gekrönt war, bei Aufrechterhaltung der Trennung die Frauen aus der Höhe in die Niederung versetzen, sie dadurch dem Mittelpunkte des Gottesdienstes näher bringen und ihre Aufmerksamkeit fesseln? Unbedingt trete ich weiterhin für eine feierliche Mädchenkonfirmation ein, ohne Rücksicht auf „chukkoth haggoj“, um dem Tadel der Minderwertigkeit die Spitze abzubrechen, und um den jüdischen Mädchen die öffentlich und feierlich übernommene Verpflichtung der Treue zur angestannnten Religion tief ins Herz einzugraben. Endlich könnte man sich auch mit dein Gedanken besonderer Frauengottesdienste vertraut machen. Das ist — ich gebe es ohne weiteres zu — eine Nachahmung. Das sollte jedoch kein Hindernis bilden, wenn wir damit unserem Ziele, die Frauenfrage im Judentume zu lösen, näher rücken. Ist denn der Jugendgottesdienst eine unjüdische Institution, und hat er sich nicht schön und wirksam bewährt? Heute gibt es nur wenige Gemeinden ohne Jugendgottesdienst. Warum sollte kein Frauengottesdienst möglich sein? Der Anfang wäre mit großen Schwierigkeiten verbunden, die aber klein zu nennen sind gegen die Größe des Ziels. Drittens kann das jüdische Bewußtsein der Frau im sozialen Leben genährt und gekräftigt werden. Außer den überall bestehenden jüdischen Wohltätigkeitsanstalten sind die in neuester Zeit üppig aufgeschoffenen Literaturvereine berufen, das Judentum unserer Frauen zu heben, sie zur Mitarbeit an der Befestigung unserer Religionsgemeinschaft anzufeuern, aus ihnen wackere Kämpferinnen und begeisterte Verteidigerinnen Israels heranzubilden. Besondere Mädchen-und Frauenliteraturvereine könnten für diese Bestrebungen noch heilsam sein. Was könnte man gegen diese „Reformen" einwenden? Sie wollen das Bestehende nicht niederreißen, sie schlagen dem Herkommen nicht ins Gesicht, sondern könnten bei voller Schonung des Althergebrachten neues schaffen, die Frau dem Judentume im religiösen Leben zurückerobern und als Schatz zu seiner Kräftigung erhalten. Sie soll durch den dreifachen Faden, der Schule, des Gotteshauses und des sozialen Lebens, an unsere Religion gebunden werden, um ihre Kinder als jüdische Mutter erziehen zu können nach der Jdealgestalt Channas, der Mutter Samuels.