Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
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- 401 - sicht auf tägliche Kündigung. Ist dem so, entsteht die Berechtigung, die „Frauenfrage im Judentum" nicht von der Tagesordnung abzusetzen, die geschilderte Krankheit nicht nur zu diagnostizieren, sondern eifrig nach ihrer Heilung zu suchen, nicht nur den Schaden bloßzulegen, sondern mit allen Mitteln ihn gut zu machen bestrebt zu sein; denn „das Judentum kann keinen von uns entbehren, so wenig auch der einzelne von uns zu tun imstande ist. Es bedarf unserer aller und des Zusammenarbeitens mit ganzem Herzen und voll heiligen Feuers" (Montefiore, Liberales Judentum, S. 217). Was soll also geschehen, um die jüdische Frau vollwertig zu machen, um sie der Religion wieder näher zu bringen, sie mit ihr sester zu verbinden, ihr eine größere Rolle im religiösen Leben anzuweisen, um jüdisches Bewußtsein in ihr zu wecken und zu vertiefen, um sie für das Judentum zu begeistern und zu durchglühen? Das ist der Kernpunkt der Frage. Ich bin mir der Unzulänglichkeit, diese Frage mit einem Schlage zu lösen, bewußt, wie auch dessen, daß es tatkräftiger, zielbewußter, jahrelanger Arbeit bedarf, um da Wandlung zu schaffen; endlich auch dessen, daß Ansätze dazu manchen Ortes schon gemacht wurden; trotzdem halte ich es für die Pflicht jedes einzelnen, sein Scherflein dazu beizutragen, in Anbetracht des für das gesamte Judentum und seine Zukunft hochwichtigen Zieles, zu dessen Erreichung jedes Mitarbeiters Hilfe wertvoll ist. Das Wiedergewinnen der jüdischen Frau unserer Religion soll durch die Schule, durch das Gotteshaus und im sozialen Leben herbeigeführt werden. Der aufmerksame Beobachter mannigfaltiger Erscheinungen innerhalb des Judentums wird mit mir übereinstimmen, daß in allerletzter Zeit zwei Sitten irr unserem religiösen Leben eine Neubelebung und Stärkung erfahren haben, nämlich die Chanukka- und die Sederfeier. Ich habe die Gewohnheit, nach Pesach und nach Chanukka die Schulkinder zu befragen, ob sie an diesen Sitten teilgenommen haben, und alljährlich wächst die Zahl der diese Frage Bejahenden. Andererseits erzählen mir oft die Eltern, wie sie von den Kindern bewogen wurden, diese Sitten in ihrenr Hause wieder einzuführen. Ist diese Tatsache richtig — und ich glaube, die Mehrzahl der Rabbiner und-Religionslehrer wird sie bestätigen —, so dürfte unstreitig die Ursache dieser Wandlung in der Schule, in dem in letzter Zeit gegen früher gewaltig entwickelten Religionsunterricht zu finden sein. Bei der Chanukkafeier kommt noch als Anregungsquelle hinzu der in den meisten Gemeinden übliche Jugend-Gottesdienst am ersten Festabend und die Makkabäerfeier oder die Chanukkavorträge in den literarischen Vereinen, die den Sinn für diesen Feiertag und seine symbolische Sitte gehoben und gesteigert haben. Hier haben sich schon Schule, Gotteshaus und soziales Leben zu gemeinsamer Arbeit und Wirksamkeit, und zwar nicht ohne Erfolg vereinigt. Doch bleiben wir vorerst bei der Schule. Sie vermag nicht alles, aber vieles. Die Keime und Eindrücke, die in das jugendliche Herz und Gemüt gepflanzt werden, wirken Jahrzehnte fort, beeinflussen die Entwicklung und Entfaltung, bleiben frisch und lebendig bis in das graue Alter. Darum genügt es keineswegs, ein gewisses Quantum Wissens, geschöpft aus biblischer und jüdischer Geschichte, eine gewisse Kenntnis der Grlmdlehren und Riten der jüdischen Religion dem Kinde beizubringen, es mit trockenem Wissen zu nähren, sondern es gilt in erster Reihe, Liebe und Begeisterung zum Judentum an der Hand seiner mehrtausendjährigen, von unbegrenzter Anhänglichkeit, edler Aufopferung und freiwilligem Märtyrertum zeugenden Geschichte zu wecken und zu vertiefen, durch die richtige Beleuchtung seiner Gelehrten, Dichter und Denker, durch das wahre Verständnis seiner Kulturtätigkeit, seiner Wertschätzung Bahn zu brechen, ferner durch die Darlegung des ewig wahren, religiösen, moralischen und ethischen Gehaltes des Judentums, die Erkenntnis seiner Bedeutung sowohl für den einzelnen Juden wie für die Geschichte der Menschheit dem Verstände und Gefühle tief einzuprägen. Das ist das Ziel der Schule, des jüdischen Religionsunterrichts im allgemeinen. Beim weiblichen Geschlecht sollte die Belehrung des Rituellen auf das Minimum beschränkt werden, nicht dasjenige Maß überschreiten, das im alltäglichen Leberr eingehalten wird, um den Gegensatz zwischen Schule und Haus, zwischen Theorie und Praxis nicht noch mehr zu verschärfen. Hingegen wäre es billig und ratsam, überall» wo sich nur die Gelegenheit darbietet, hinzuweisen auf die Abhängigkeit, besonders des Christentums vom Judentums, das es in ethischmoralischer Hinsicht nicht überflügelt hat, in religiöser Hinsicht sogar zumindest für uns Juden hinter diesem zurückgeblieben ist. Es ist nicht einzusehen, warum wir Juden uns, ohne agressiv zu werden, ohne in den Ton der Geringschätzung zu fallen, scheuen sollten, den höheren Wert, den tieferen Gehalt unserer Religion gegenüber dem Christentum zu betonen, wie auch auf das dem Judentume Entlehnte und Uebernommene stolz zu sein, während das Christentum rücksichtslos sich selber als Vervollkommnung, als ideale und einzig wahre Weiterbildung des Judentums seinen Anhängern vorstellt. Wie sind ja dadurch gewissermaßen die Angegriffenen, und sollten die Waffen der Verteidigung nicht benutzen dürfen? Das Judentum besitzt nicht solche religiöse Machtmittel über seine Anhänger, wie sie das Christentuin in der Taufe, Beichte, den Sakramenten usw. sich geschaffen hat, es entbehrt jedes Zwangsmittels — worin wieder seine Ueberlegenheit in moralischer Hinsicht zum Ausdrucke gelangt —, es kann nur, den Propheten gleich, mit der Macht des gesprochenen Wortes, mit flammender Begeisterung der Rede wirken. Der erste Schauplatz dieser Wirksamkeit ist die Schule. Im engen Rahmen eines Artikels können nur die Umrisie dieser Wirksamkeit der Schule gezeichnet werden. Eine ausführliche, in die Details gehende Behandlung dieses Themas gehört vor eine Versammlung von Fachmännern. Die Lösung der jüdischen Frauensrage muß auch im Gotteshause versucht werden. Da gibt es Schwierigkeiten und Hindernisse, denn da stehen wir altem, durch Jahrhunderte eingebürgertem Herkommen gegenüber, „über das man leichtfertig nicht hinweggehen darf". Vor etwa zehn Jahren fragte mich anläßlich eines Besuches ein italienischer Rabbiner : „Was machen bei Ihnen die Frauen während der Thoravorlesung? Bei uns nämlich herrscht eine stete Unruhe; die Damen — verzeihen Sie das harte Wort — plaudern halb- und ganz laut." ll'oul comme elie/. nous — war meine prompte Antwort. Wo ist es nicht so? Wenn ein Mussafgottesdienst eine Stunde währt, entfällt eine halbe Stunde auf die Thora- und Haftoraverlesung. Diese Zeit ist für die Frauen meistens — ich konzediere seltene Ausnahmen — verloren, eine lange Pause, die das Gotteshaus sit venia verbo zum Konversationssalon umgestaltet. An Feiertagen ist es nicht besser, nur ist dann die Unterbrechung im Verhältnis zum übrigen Gottesdienst kleiner. Würde ich behaupten, daß die Thoraverlesung das Krebsübel unseres Gottesdienstes ist, so würde ich zugleich dem Verdachte verfallen, eine Krebsoperation vornehmen zu wollen, d. h. die Thoraverlesung aus dem Gottesdienste herauszuschneiden. Doch dieser Operation würden sich nicht nur die Gemeinde- Vorstände im Hinblick auf die Budgetdeckung, sondern auch J|;.! i, i n . i