Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
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verhindert, daß jeder Mucker oder einfache Antisemit einen am Sonntag arbeitenden Juden sofort bestrafen lassen könnte. Eine zweite Bestimmung der Bill überläßt der gesetzgebenden Körperschaft einer Provinz das Recht, für sich selber Erleichterungen der Sonntagsruhe zu votieren, und man hofft bestimmt, daß wenigstens die Provinzen Ouebeck und Britisch- Columbien von dieser Bestimmung ausgedehnten Gebrauch machen werden. Dir Frsurnkragr int Judentum. Von Professor Dr. G. Schwarz. as Judentum hat auch seine „Frauenstage", wenngleich sie selten aufgerollt wird. Auf welchen» Gebiete des menschlichen Lebens ist das Verlangen der Frau, des weiblichen Geschlechtes, dem Manne gleichgestellt zu sein, berechtigter als im religiösen Leben, in dem sich das Verhältnis des Menschen, also ebenso des Mannes wie der Frau, zu Gott und zum Mitmenschen kristallisiert! Da dürfte — so sollte man meinen — kein Unterschied zwischen Mann und Frau bestehen, keiner sich mehr Rechte oder Pflichten herausnehmen als der andere. Und doch ist dem nicht so. Die Frau ist im Judentum minderwertig, sie ist im religiösen Leben kein dem Manne ebenbürtiger Teilnehmer. Wie, wird man mir einwenden, wendet sich denn die Bibel nicht oft ausdrücklich an „Mann und Frau", spricht sie denn nicht an vielen Stellen vom „Menschen", von der „Seele", umfaßt also beide Geschlechter, und das Religionsgesetz, schließt es denn die Frau auS? Bezeugen nicht die Schilderungen der Heiligen Schrift aus dem Leben der idealen Frauengestalten, der Patriarchenfrauen, der Prophetinnen und anderer, beweisen nicht unzählige Angaben in der Traditionsliteratur, daß die Frau im Judentume von aller Anfang her keine untergeordnete Stellung inne hatte, noch weniger ein rechtloses Wesen war, wie bei andern Völkern in dieser Zeit? Gewiß ist das alles wahr, aber trotzdem war die Frau im religiösen Leben minderwertig, wie es ausdrücklich betont der am Anfang des Morgengebetes von den Männern gesagte Segensspruch: „Gelobt seiest Du Gott, der Du mich nicht als Iran erschufst," womit darauf hingewiesen wird, daß die Frau weniger religiöse Gebote und Vorschriften zu erfüllen hat als der Manu. Das ist ein fester Grundsatz im Talmud, aus dem er inS praktische Leben übergegangen ist. Mit einem einzigen, wohlbekannten Beispiele sei er erhärtet. Beim Gottesdienste wiegt ein Mann, der die nötige Zehnzahl Vollmacht, mehr als hundert Frauen, und dabei kann man die hundert ad infinitum dehnen. Die Frau ist also im religiösen Leben bei einem wesentlichen Bestandteile der Religion, beim Gottesdienste, nicht vollwertig. Demgegenüber könnte man als Ersatz, anführen die bedeutende Rolle, die ausschließlich der Frau in der religiösen Hausführung zufällt. In ihrem Hauswesen ist doch die Frau gewissermaßen die Priesterin der Religion. Nun, wo das noch der Fall ist — und er ist es Gott sei Dank in vielen jüdischen Häusern —, dort fühlt sich die Frau in vollem Bewußtsein der ihr von der Religion auferlegten schönen uralten Satzungen keineswegs minderwertig, vielmehr gehoben und durch deren Beobachtung befriedigt und glückselig, dort existiert.keine Frauenfrage. Wo jedoch die jüdische Frau dieser priesterlichen Würde und Tätigkeit entsagt, gleichwohl ob aus Gründen der Bequemlichkeit, der Unkenntnis, der Indolenz, der Nachahmungssucht oder gar aus Ueberzeugung, wie manche sagen, wo sich im Hauswesen jüdisches religiöses Leben nicht widerspiegelt, wo ist dann der Ersatz für die Minderwertigkeit der Frau, zugegeben, was jedoch nicht der Wahrheit entspricht —, daß die jüdische Hausführung der Religion gemäß nur der Frau obliegt? Da entsteht eine Lücke, eine Leere, eine Verringerung des religiösen Lebens der jüdischen Frau, folglich auch eine Abschwächung des religiösen Bewußtseins, eine zunehmende Entfremdung dem Judentume, das keineswegs so mächtig ist, um der wahrscheinlichen Folge dieser Erscheinungen, den» Abfälle vieler, vieler Frauen, die ihre Männer und Kinder mit sich ziehen, nicht steuern zu müssen, das keines seiner Anhänger entraten kann, keines verlieren darf. Das ist die Frauenfrage im Judentume. An der Wiege des Christentums standen Frauen als Mitbegründer und sind bis aus den heutigen Tag seine mächtigsten Stützen und eifrigsten Förderer geblieben. Derjenige Teil des heutigen Judentums, der sich fortschrittlich oder, um den AusdruckClaude G. Montefiores (vgl. „A. Z.d.J." Nr. 26) zu benutzen, „liberal" nennt, kann das von seinen Frauen nicht sagen. Sie stehen abseits von der Religion; in ihrem Hauswesen sind kaum noch Spuren des religiösen Lebens vorhanden, beim Gottesdienste werden sie vermißt, während sie im Christentum dazu wieder das größte Kontingent der Besucher stellen. An diesen zwei wichtigsten Institutionen der Religion nehmen sie gar keinen oder nur sehr schwachen Anteil, und wie stark ihr religiöses Bewußtsein, ihr Glaube ist, läßt sich daran ermessen. Wenn davon noch etwas in ihren Herzen vorhanden ist, ein Dämmerschein, ein schwaches Flimmern des religiösen Bewußtseins, das muß notgedrungen, da es nicht genährt wird, bald ganz verlöschen und verschwinden. Diese Diagnose paßt nicht auf alle jüdischen sreidenkenden Frauen, doch sicherlich auf ansehnliche Schichten derselben. Und wenn auch vor Gott alle Menschen gleich sind, keiner höher und keiner geringer als sein Nachbar, ist es für das Judentum nicht irrelevant, wenn ganze Schichten, ob sie der Intelligenz oder der Finanz angehören, mit ihm nur durch ein loses Band Zusammenhängen, und nur ein kleiner Schritt sie von der endgültigen „offiziellen" Lossagung trennt. Diese Schichten sind in den großen Gemeinden größer, in den kleinen kleiner, überall jedoch nehmen sie an Umfang zu. Der Bazillus der religiösen Indolenz greift immer weiter um sich, der Abbröckelungsprozeß nimmt an Ausdehnung zu, die Bresche in unserer alten Festung wird täglich gewaltiger, der Riß breiter. Wer da die Meinung und feste Ueberzeugung hegt, daß eine Wandlung zum Besseren ohne menschliches Hinzutun, von sich selber, eintreten und diese dem Judentum halb entfremdeten Frauen plötzlich die Sehnsucht zur Umkehr erfassen wird, so daß sie ihr Hauswesen nach dem Jahrhunderte alten Muster wieder umgestalten und darin wieder als Priesterinnen der Religion schalten und walten, daß sie ferner als reuige Büßerinnen dem wohltätigen Eindrücke des Gottesdienstes sich mit ganzer Seele hin geben werden — der kann ruhig diese nach seiner Meinung ephemere und vorübergehende Erscheinung betrachten, ohne über die Zukunft des Judentums zu verzweifeln. Solcher Optimisten wird es wenige geben. Es überwiegen die Pessimisten, die an eine solche Reaktion im guten Sinne nicht zu glauben vermögen, weil selten einer auch nur mit einem Beispiele aus seiner Erfahrung diesen Glauben belegen könnte. Hätte denn auch ein Fall Beweiskraft genug gegen tausend andere das Gegenteil lehrende? Die Erfahrung eines jeden einzelnen ist wohl auf einen engen Kreis beschränkt, statistische Zählen können da zur Bekräftigung nicht aufmarschieren; aber die Erfahrungen einzelner zusammengenommen ergeben das Gesamtbild der jüdischen Frau, die sich von unserer Religion immer mehr entfernt und zu ihr in schwachen Beziehungen steht. Fast ein Verhältnis mit Aus-