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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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Stellen verschnupft. Sie sind aber doch richtig gewesen, denn die angeblichen freisinnigen Vertrauensmänner im Wahlkreise erklären jetzt selbst, daß sie der Kandidatur Hasse zugestimmt Habens es sind wahrscheinlich Anhänger des früheren sächsischen sogenannten Kammerfortschrstts, mit dem jedoch der entschiedene Liberalismus nie das mindeste zu schaffen gehabt hat. Wenn die übrigen bürgerlichen Parteien und insbesondere die Nationalliberalen den Sozialdemokraten die Erhaltung des Wahlkreises nicht geradezu garantieren wollen, sollten sie schleunigst die Kandidatur Hasse zurückziehen: denn selbst wenn er in die Stichwahl käme, wäre seine Wahl damit noch nicht verbürgt. Das erklärt die jeglicher Begünstigung der Sozialdemokratie gewiß unverdächtige „Weserztg." den Nationalliberalen mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, indem sie schreibt: „Dieser .... Mann ist geradezu eine gemeinschädliche Persönlichkeit. Er hat durch seine herausfordernde Haltung gegen andere große Mächte, namentlich England und Amerika, unermeßlichen Schaden angerichtet. Ein großer Teil der Erbitterung gegen uns ist auf die bramarsierenden Hetzreden und Hetzartikel dieses Mannes zurückzuführen. Ein Sozialdemokrat kann entfernt nicht so schädlich im Reichstage wirken." * Die Annahme der Fremdenbill in England hat auch auf Frankreich eine merkliche Rückwirkung gehabt. Früher betrachteten die nach Paris wandernden Juden diesen Platz nur als Durchgangsstation, wo sie sich das Geld zur Weiterreise nach England resp. Amerika zu ersparen hofften. Mit der Erschwerung der Einwanderung in England wird die Erfüllung dieser Hoffnung in die weite Ferne hinausgerückt und Hunderte von heimatlosen Juden sehen sich nunmehr gezwungen, sich dauernd in Frankreich einzurichten. Leider sind aber die Aussichten, ohne genügende Sprachkenntnisse sich in Frankreich eine dauernde Existellz zu schaffen, ziemlich gering, und die aufregenden Szenen, welche in jüngster Zeit sich in den Räumen des Comite de Bienfaisance und dem Bureau der I. C. A. abgespielt haben, bewiesen, welche Dimensionen die Not unter unseren arbeits- und obdachlosen Brüdern in Paris erreicht hat. Aus diesem Grunde hat der junge Baron James de Rothschild, ältester Sohn des bekannten Protektors der jüdischen Kolonien in Palästina, sich entschlossen, in Paris einen jüdischen Arbeitsnachweis, verbunden mit einem Atelier und einem Asyl, zu eröffnen. Das Atelier ist ein geräumiger, gut erleuchteter und vorzüglich ventilierter Saal, in welchem mehrere Hundert Personen bequem arbeiten können. Die unter sachkundiger Leitung stehenden Werkstätten enthalten einstweilen eine Album- und Kartonnagenfabrik, dem bald weitere Branchen hinzugefügt werden sollen. Das Atelier beschäftigt zahlreiche Agenten, welche stets auf der Suche nach Arbeit resp. nach neuem Absatz für die im Atelier hergestellten Fabrikate find. Der Arbeitslohn beginnt mit 2 Francs pro Tag nebst freiem Mittageffen und steigt mit der Zeit weiter. Das Mittagessen wird im ersten Stock des Ateliers eingenommen. Jeder arbeitsuchende Jude darf 3 Monate lang im Atelier verbleiben. * Die politische Wetterfahne zeigt in Rußland auf Sturm, will sagen, auf untrügliche und unverblümte Reaktion. „Ist eine reaktionäreRegierung in Rußland wahrscheinlich?" fragt die „Nowoje Wremja". an leitender Stelle. Und sie beantwortet die Frage mit einem vorbehaltlosen Ja. Man wird sich diese Frage und Antwort recht wohl merken müffen, denn darin liegt ein viel klareres Kabinettsprogramm, als es Herr Stolhpin je hätte niederlegen können. Reaktion, lesen wir im genannten Programmaussatz weiter, sei mehr Herzenssache denn Verstandesarbeit, sei der Aussiuß eines in seinem Vertrauen getäuschten, in seinen idealen Absichten beleidigten Herzens, und die jetzige Regierung habe allen Grund, diesem ihrem gepreßten Herzen in einer Reaktion Lust zu machen. Es handelt sich aber nicht um die in ihren besten Freiheitsgefühlen getäuschten Goldherzen der Herren Plehwe, Witte, Goremykin und Stolhpin, sondern um die nunmehr offenherzig zugegebene Tatsache, daß man von nun ab die Politik der noch schärferen Tonart als Volkserziehungsmittel anzuwenden gedenkt. Um dies zu beweisen, bedurfte es allerdings nicht einmal der Sturmwarnung der „Nowoje Wremja". Leute, die mit offenen Augen die jetzigen Vorgänge in Rußland verfolgen und ihre Informationen nicht etwa von feilen Ministerialschreibern und überzähligen Gesandtschaftsattaches einholen, wissen recht gut, daß tatsächlich und trotz allen schönen, ganz westeuropäisch klingenden Ministerworten die schwärzeste Reaktion dem Zarenlande nicht etwa erst bevorsteht, sondern schon seit geraumer Zeit beschieden ist. Wenn man im Laufe von knapp zwei Jahren beinahe 10 000 Menschenleben durch Henker und Strafexpeditionen ausgelöscht, rund 18 000 Menschen zu Krüppeln geprügelt und geschossen, fast 60 000 nach den Bergwerken und Wüsteneien des arktischen Sibiriens transportiert hat und überdies weitere zahllose Tausende in den Gefängnissen und Kasematten des europäischen Rußlands für Schaffst und Arrestantenwaggons bereit hält, so läßt sich beim besten Willen Nicht einsehen, was einer angeblich erst bevorstehenden Reaktion zu tun noch übrig bliebe. Als Vertreter des Hilfsvereins deutscher Juden ist trotz alledem Dr. Paul Nathan vom russischen Ministerpräsidenten Stolhpin empfangen worden. Ein Privattelegramm berichtet darüber aus Petersburg: Hier fand heute eine Sitzung des russischen Komitees zur Unterstützung der durch Pogrome Heimgesuchten statt, an der Dr. Nathan- Berlin als Vertreter des Hilssvereins deutscher Inden teilnahni. Ministerpräsident Stolhpin, der von der Anwesenheit Tr. Nathans erfahren hatte, ließ diesen um seinen Besuch bitten. Die gestern erfolgte Unterredung betraf die Stimmung des Auslandes in bezug aus die Lage in Rußland wie in bezug der Andensrage, die Dr. Nathan vom Standpunkte des modernen Versassungsstaates erörterte unter Betonung der Erscheinungen, die die Judenemanzipation im Westen Europas gezeitigt hat. Die Unterredung dauerte über eine Stunde. Der Zweck der Reise Dr. Nathans war die Schlußabrechnung mit dem Zentralkomitee für Unterstützung der bei den: Pogrom Geschädigten. * Wie in Frankreich und England hatte sich in jüngster Zeit auch in Kanada das Parlament mit der Sonntagsruhe befaßt und dabei für die Juden überaus ungünstige Beschlüsse gefaßt. Eine ganze Generation hindurch genügte die Bestimmung, ' wonach man in Kanada verpflichtet war, in der Woche einen Ruhetag zu observieren, gleichviel ob dieser Ruhetag auf den Sonntag oder Sonnabend fiel. Der wachsende Einfluß der Jesuiten hat jedoch nicht verfehlt, auch hier Zwietracht unter der Bevölkerung zu säen. Die Agitation des Klerus unter dem französischen Teil der Bevölkerung Kanadas hat zur Einberufung eines Gesetzes gegen den Sabbat geführt, welches trotz aller Gegenagitation der Juden auch zur Annahme gelangte, nachdem ein von dem Gesetze ausschließendes Amendement im Senate mit 24 gegen 18 Stimmen abgelehnt wurde. Glücklicherweise konnte noch eine andere Bestimmung durchgedrückt werden, wonach eine Anklage wegen Sonntagsentweihung ausschließlich vom General-Staatsanwalt der betreffenden Provinz erhoben werden kann. Dadurch wird

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