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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Marburg i. H., 10. August. Das israelitische Schüler- und Lehrlings he im versendet seinen Rechenschaftsbericht für das Jahr 1905. Zn schlichter, bescheidener Meise wird uns knapp einer Seite über die Tätigkeit der Anstalt berichtet. Ueber ihre Ziele äußert sich der Bericht kurz: „Sie soll einem doppelten Zwecke dienen: einem sozialpolitischen, indem sie. es den weniger Bemittelten unter unseren Glaubensgenossen ermöglicht, ihre Kinder einer besseren Schulbildung zuzuführen, und einem religiösen, welcher aber auch zugleich ein sozial-ethischer ist, indem diese Kinder durch gediegenen Unterricht in unserem Religionswesen gegen die Verführungen der Zeit wehrhaft gemacht werden." Das Schülerheim ist ein gut bürgerliches Pensionat, wo die Schüler gegen eine mäßige Vergütung eine recht gute Verpflegung erhalten und sich einer vorzüglichen Beaufsichtigung erfreuen. Jedem der beiden Heime — die wachsende Zahl der Pensionäre machte die Erwerbung eines zweiten Hauses nötig — steht ein Direktor vor. der von einem Lehrer in der Ueberwachung der Schüler unterstützt wird. Dabei erhalten sie einen gründlichen Religionsunterricht, so daß die Befähigtsten Talmud lernen. Die beiden Heime zählen gegenwärtig 77 Zöglinge, von denen 51 die Oberrealschule, 15 das Gymnasium und 6 die trefflich geleitete Volksschule besuchen. Auch einige Handwerkslehrlinge finden in der Anstalt eine vortreffliche Unterkunft. Noch ist die finanzielle Basis der Anstalt keine gesicherte und besonders wäre es wünschenswert, wenn die auf dem neu angekauften Hause ruhende Hypothekenschuld voll 35000 Mark recht bald getilgt werden möge. E. Karlsruhe, 12. August. Aus Veranlassung des Großherzoglichen Oberrats der Jsraeli'en fand auch in diesem Jahre. itnb zwar in Beierthal, ein landw irtsch aftl ieher Kursus statt, welcher sich auf Garten- und Obstbau erstreckte und vom Landwirtschaftslehrer Klein von Augustenberg geleitet wurde. An dem Kursus beteiligten sich zehn israelitische Lehrer, welchen die durch diesen Kursus erwachsenden Kosten aus der Dukas-Stiftung erstattet wurden. Die praktische An* leitung geschah in den von Oberbaumzüchter Goos zur Verfügung gestellten Baumschulen. An den Unterricht schloß sich eine gemeinsame Exkursion nach Augustenberg zum Zwecke der Besichtigung der dortigen landwirtschaftlichen Anlagen an. Bei einem Abschiedsschoppen wurde Herrn Klein der Dank für seine mühevolle Arbeit in beredten Worten von den Herren Lehrern Hahn und Ehrlich ausgesprochen. — Litdlvigshafeitim August. Die Fre ie Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz hat ihre Konferenz hier abgehalten. DerVorsitzende, Lehrer Waldbott-Speyer, eröffnete die Sitzung, seiner Freude über den guten Besuch der Versammlung Ausdruck verleihend. Er begrüßte in herzlichen Worten die anwesenden Vorstände der Kultusgemeinde Ludwigshafen. Hierauf erstattete er den Jahresbericht, nach welchem die pfälzische Vereinigung 40 Mitglieder zählt. Mit einem Ausblick auf das Schicksal und die evtl. Folgen der preußischen Schulgesetzvorlage und einigen Mitteilungen über die Tätigkeit der Jugendschriftenkommijsion schloß der Vorsitzende. Herr Moritz Wolff dankte im Namen des Synagogenausschusses für die freundlichen Worte der Begrüßung. Hierauf erhielt Lehrer Silbermann- Kirchheimbolanden das Wort zu einem Vortrage über: „Quellen, Prinzip und Charakter der jüdischen Sittenlehre nach Prof. Dr. Lazarus Ethik des Judentums." Seine trefflichen Ausführungen fanden den Beifall und Dank der Versammlung. Sodann referierte Lehrer Wetzler über das Verbandsthema: „Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts." Die Ausführungen fanden nach eingehender Diskussion in folgender These ihre Zusammenfassung: Eine Umgestaltung des hebräischen Unterrichts ist notwendig, insoweit derselbe ein mechanisches Uebersetzen der Gebete zur Voraussetzung hatje. Eine Uebergangsstufe zwischen Hebrüischlesen und dem Uebersetzen der Gebete ist zweckniäßig. Dem Referenten wird durch den Vorsitzenden der Tank der Versammlung ausgesprochen. Hierauf verabschieden sich die Herren Vorstände der Gemeinde, nachdem Herr Ferd. Mann seiner Freude über das ideale Streben der Lehrer Ausdruck verliehen hatte. In herzlichen Worten äußerte er seine Ueberzeugung, daß die Früchte dieses Strebens den Eltern zugute kommen werden. Die Ausschußwahl hat, da Lehrer Steinem-Landan eine Wiederwahl ablehnt, folgendes Ergebnis: Waldbott-Speyer, Vorsitzender, Feibelmann-Germersheim, Rechner, Wetzler-Ludwigshafen Schriftführer. Ter Alltrag der Lehrer Rosenwald-Edesheim, Martin Göllheim, Löb-Venningen: Die „Freie Vereiirigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz" ulöge bei der Königlichen Kreisregierung dahin vorstellig lverden. dieselbe möge die Auflösung israelitischer Elementarschulen tunlichst vermeiden, wird unterstützt und angenommen. Der Vorsitzende gab noch einige Ausklärungeu über den Kautorenverband und Kantorensektion. Es ist zu verlverfen, daß der ganze Verein als Mitglied zur letzteren Beitritt. Ein diesbezüglicher Antrag soll die nächste Versammlung beschäftigell. Der Beitritt zur Achalva wird den Kollegen vom Vorsitzenden warm ernpfohlen. Als nächstjähriger Versammlungsort kommt Pirulasens eventuell Kaiserslautern in Betracht. Nach Bekanntgabe des Kassenberichts durch Lehrer Feibelmann schloß der Vorsitzende die in allen Teilen anregend verlaufene Versammlung mit einem Hoch ans den Prinzregenten. *= Stratz-Itrg i. Elf., im August. Die Verwaltung des israelitischen Waisenhauses versendet ihren Rechenschaftsbericht über die Jahre 1903—1905. Während dieser Periode sind dem Waisenhause einige der eifrigsten Beschützerinnen und Mitbegründeriunen durch den Tod entriffeu worden. Die Anstalt kann materiell mit Sorglosigkeit der Zukunft entgegensetzen. Der unveräußerliche Kapitalsonds ist über 50 000 Mark gestiegen. Die ordentlichen und außerordentlichen Einnahmen beliefen sich in den drei Berichtsjahren aus 59 740 Mark, die Ausgaben aus 66 625 Mark, das wäre also eigentlich ein Defizit von 6885 Mark. Nun ist aber den Ausgaben auch die Summe von 16 150 Mark, welche auf das neue Haus der Anstalt gezahlt wurde, beigerechnet, so daß in Wirklichkeit ein Ueberschuß von 9265 Mark vorhanden ist. — Nach dem vom Direktor der Neligionsschule der israelitischen Gemeinde herausgegebenen Jahresbericht der Anstalt wurde dieselbe im verflossenen Schuljahre 1905 von 319 tim Vorjahre 307) Kindern, 156 Knaben und 163 Mädchen, besucht. Oesterreich-Ungarn. Wien, 13. August. Kaum hat der neue Ministerpräsident Freiherr v. Beck ein wenig Ruhe — wenn auch vielleicht nur vorläufig — in unsere verworrenen Politischen Verhältnisse gebracht, so scheint schon wieder in gewissen Kreisen eine Wühlarbeit gegen ihn tätig zu sein; nicht aber seine politischen Qualitäten würden hier .den Ausschlag geben, sondern — wenn eine Wiener Korrespondenz des „Neuen Budapester Abendbl." richtig unterrichtet ist — die Tatsache, daß die Gemahlin des Freiherrn v. Beck— eine Jü din ist. Das genannte Blatt läßt sich von „wohlinformierrer" Wiener Seite u. a. berichten: . . . Als Freiherr v. Beck im Arbeitszimmer des Monarchen erschien und von Sr. Majestät zur Uebernahme der Nachfolgerschaft des Fürsten Hohenlohe aufgefordert wurde, erklärte derselbe, es falle ihm aus Familienrücksichten schwer, diesen Auftrag zu übernehmen. Freiherr v. Beck verwies aus die Tatsache, daß seine Frau Jüdin sei, und gab seiner Befürchtung Ausdruck, dieser Umstand könne seine Mission gefährden. Se. Majestät erklärte hierauf in ganz bestimmtem Tone, er könne dieses Motiv nicht akzeptieren. Ja der Monarch soll bei dieser Gelegenheit gesagt haben: Ich kenne Ihre Frau, schätze und achte Sie, und ich glaube, dies genügt. Diese chevalereske Erklärung Sr. Majestät verfehlte nicht ihre Wirkung: Freiherr v. Beck übernahm die Mission und führte sie auch mit Erfolg durch. Die parlamentarischen Siege des Freiherrn v. Beck, die positiven Resultate, die er in und außerhalb des Parlaments aufzuweisen hat, und die bisher so erfolgreiche Führung der Geschäfte erweckten den Neid und die Eifersucht aller jener Kreise, die einen starken und mächtigen Premier in Oesterreich nicht brauchen können. Und es begann das häßliche Jntriguenspiel, dessen Fäden einerseits bis in das altersgraue Haus am Ballplah, andererseits bis in das Boudoir einer Erzherzog in liefen. Die Zielscheibe aller gegen die starke Position des Freiherrn v. Beck abgeschossenen vergifteten Pfeile war die Gattin des österreichischen Ministerpräsidenten. Freifrau v. Beck ist eine geborene Jüdin. Sie ist die Tochter des Chefs der Großhandlungsfirma B. Mayer u. Söhne in Guntrams dorf, des Herrn Albert Mayer. In erster Ehe lvar sie mit dem gewesenen Sektionschef im Ministerium des Auslvärtigen, Baron Ludwig Doczy vermählt gewesell, von dem -sie geschieden

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