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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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wurde. In zweiter Ehe heiratete sie Freiherr» v. Beck. Die Gegner des Freiherrn v. Beck gaben nun die Parole zum Boykott seiner Gattin aus — die „Hofdamen" schürten und wühlten -- die ganze „Kamarilla" wurde mobilisiert — — und das Fazit ist: die Maulwurfsarbeit hat tatsächlich die Stellung des österreichischen Ministerpräsidenten erschüttert. Es darf daher gar nicht Wunder nehmen, wenn im Herbst aus irgendeiner Ursache in Oesterreich eine Kabinettskrise ausbrechen wird. Ihre wahre Ursache ist aber: die boykottierte Jüdin! — Der eben erschienene 13. Jahresbericht der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt wird ebensoviel Interesse wie Widerspruch erwecken. Die vorangehende gelehrte Abhandlung von Prof. Büchler, der nun doch von uns scheidet, um an das Londoner Seminar zu gehen, führt den Titel: „Der galiläische Am-ha Arez des zweiten Jahrhunderts" und wird in wissenschaftlichen Kreisen als ein wichtiger Beitrag zur inneren Geschichte des palästinensischen Judentums sicher großes Aufsehen erregen. Mannigfachen Widerspruch dürften dagegen die Ausführungen des Rektors Dr. Schwarz finden, der in seinem Bericht mit großer Entschiedenheit für jüdische Elementar- und Mittelschulen eintritt. Der Bericht des Kuratoriums enthält einen warmen Nachruf für den verstorbenen Tr. Emil Byk, der der Anstalt, besonderes Interesse zugewendet hat. An Stelle Büchlers wurde Dr. Samuel Kraus aus Budapest berufen, der ebenfalls auch als ein sehr tüchtiger Gelehrter gilt. Die Rabbinerprüfung haben 3 Hörer bestanden. Die Anstalt zählte im Berichtsjahre 30 Hörer, von denen 14 aus Galizien stammen. Aus Mähren sind nur 4 Hörer, was uns sehr ausfällt. Dem Bericht des Kuratoriums entnehmen wir noch, daß die Einnahmen sich auf Kr. 47100 belaufen (davon sind Kr. 22560 Subventionen), die Ausgaben dagegen aus Kr. 44301. Das Lehrerkollegium bestand aus dem Rektor, Hofrat Prof. D. H. Müller, Prof. Dr. A. Büchler, Lektor M. Friedemann und Prof. Dr. L. Singer. — Der deutsche Kaiser hat dem früheren Polizeirat Hofrat Bernhard Frankel den Kronenorden II. Klasse verliehen. — In Komotau wurde Dr. Emil Krakauer-Budweis, in Kojetein Dr. Rudolf er-Arnstetten zum Rabbiner gewählt. Von Aah und Lern. Der frühere italienische Minister des Schatzes Luigi Luzzatti hat das Großkreuz des Roten Adlerordens, der Sanitätsrat Dr. Abraham Lissauer den Charakter als Geheimer Sanitätsrat, und der Geheime Sanitätsrat Dr. Hirsch den Roten Adlerorden IV. Klasse, der spanische Konsul Dr. Sobernheim das Kommandeurkreuz des spanischen Ordens Jsabellas der Katholische!:, der serbische Honorarkonsul, Bankier Levy, das Kommandeurkreuz des k. serbischen St. Savaordens erhalten. — Geheimer Regierungsrat Professor C. Liebermann, Professor der Chemie an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, wurde von der Universität Leeds zum Ehrendoktor ernannt. — Der Generaldirektor der Telephonfabrik, Hannover, Jo sep h Berliner, stiftete anläßlich des Jubiläums derselben ein Kapital von 50 000 Mark zu Wohlfahrtszwecken (Penfionskassenfond) für die Beamten der Tetephonfabrik, ferner 20 000 Mark zu Wohlfahrtszwecken für die Arbeiter, und sein Bruder, Jakob Berliner, hat zum gleichen Zwecke für die Beaniten und Arbeiter 10 000 Mark gestiftet. — Der Justizrat Max Meyersohn ist am 5. d. M. auf der Reise in Genua gestorben. — Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Tuchel, Herr Max Lehmann, ist am 5. d. M. in Schlangenbad gestorben. Derselbe gehörte mehr als 30 Jahre dem Vorstände seiner Heimatgemeinde an. —Der Rittergutsbesitzer B ernste i n auf Doms - laff bei Schlochau ist zum Oekonomierat ernannt worden. — Das neue jüdische Genesungsheim in Bad Elmen (Regierungsbezirk Magdeburg) ist nach dem Entwürfe der Magdeburger Bau- und Kreditbank erbaut worden. Aufnahme können 300 Kinder finden. — Aus Beschluß des Magistrats von Münstereifel war vor kurzem dort das Schächten verboten worden, allerdings nur den christlichen Fleischern. Diese Anordnung sollte mit dem 1. d. M. in Kraft treten. Von seiten sämtlicher christlicher Metzger wurde nun eine Petition eingereicht, in der sie einstimmig das Schächten für die beste Schlachtmethode erklärten. Ja einer der früheren größten Antisemiten agitierte ganz besonders eifrig für das Schächten. Es wurde hierauf beschlossen, das Schächten auch den christlichen Metzgern zu gestatten. — In Augs burg ist am 7. d. M. der pensionierte Lehrer Abr, Heilbrunner gestorben. Derselbe wirkte bis vor 17 Jahren als Elementar- und Religionslehrer 50 Jahre lang in der Gemeinde Buttenwiesen. — Geheimer Sanitätsrat Dr. Benjamin Steinheim in Wiesbaden feierte in der vorigen Woche sein 50jähriges Doktorjubiläum. Die Berliner Universität sandte ihm aus diesem Anlasse mit dem erneuerten Diplom ein herzliches Glückwunschschreiben. — Der Großherzog von Hessen hat dem auf fein Nachsuchen) in den Ruhestand versetzten Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinde Darmstadt Dr. David Selver das Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. — Der Erfinder des Automobils ist ein Jude, Siegfried Markus in Wien, der 1873 als einer der ersten den Viertakt-Benzinmotor auf der großen Weltausstellung in Anwendung gebracht hat. — Zum Rabbiner der orthodoxen Gemeinde in Brüssel wurde Rabbiner S. B. Bamberger in Aschaffenburg gewählt. Dieselbe Gemeinde hat kürzlich auch eine Religionsschule begründet. — Abermals kehrt tu jüdischen Blättern die falsche Meldung wieder, daß unser Glaubensgenosse Rava, .der bereits bisher als Ministerialdirektor das Dezernat über das gesamte Volksschulwesen inne hatte, zum italienischen Unterrichtsminister ernannt worden sei. Es beruht dies aus einer Verwechslung des Ministerialdirektors Vittori o Rava mit dem früheren Ackerbauminister Grafen Rava. — Rev. Dr. A. Wolf in Manchester ist zum stellvertretenden Professor der Philosophie am „Universtty College" in London ernannt worden. — Die statistische Kommission teilt mit, daß vom Januar bis Mai 1906 mehr als 250 000 Juden Rußland verlassen haben! — In den dichtgefüllten Warteraum des Bahnhofes Sosnowiee wurde eine Bombe geworfen. Viele Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Der Kaufmann Goldblum wurde getötet. — Die Juden, welche Gesuche um Ausnahme in die Militär-Medizinische Akademie in Petersburg eingereicht haben, haben vom Chef der Akademie den Bescheid erhalten, daß Personen jüdischen Glaubens in die Akademie nicht mehr ausgenommen werden. — Zwei Hooligans überfielen in Odessa Juden auf der Straße und versetzten einem Messerstiche. Passanten bemächtigten sich der Hooligans. Einer wurde nach Beseitigung eines falschen Bartes als Schutzmann entlarvt! — Am 28. v. M. fanden in Ka menetz-Podolsk Verhandlungen gegen 24 Teilnehmer an den dortigen Herbstkrawallen des Vorjahres statt. Unter den Angeklagten befanden sich auch zwei Juden, Achselrod und Reitmaun, welche beschuldigt waren, an einem Haß gegen die Russen predigenden Verein teilgenommen zu haben. Unter diesem Verein war die dortige Selbstwehr gemeint. Ferner hätten die beiden Angeklagten einen Christen schwer mißhandelt. Vor Gericht jedoch beschwor der angeblich Mißhandelte, die Angeklagten gar nicht zu kennen. Die Polizei habe ihm die Namen der angeklagten Juden in die Feder diktiert. Die beiden Juden wurden auch auf Antrag des Staatsanwalts selber freigesprochen. Von den 22 angeklagten Christen wurden acht, darunter ein Soldat, zu Gefängnisstrafen von einem Monat bis zwei Jahren verurteilt, während die übrigen gänzlich freigesprochen wurden. — Der bekannte jüdische Märtyrer Pinchas Daschewsky, der. weil er kurz nach dem Krawalle in Kischinew gegen den elenden Kruschewan in Petersburg ein sehr ungeschicktes Attentat versuchte und diesen mit einem Messer ein wenig ant Nacken ritzte, zu vier Jahre Gefängnis verurteilt wurde, ist jetzt endlich begnadigt worden. Daschewsky saß drei Jahre im Gefängnis zy Jaroslaw und wurde jetzt, nachdem er dreiviertel seiner Strafe verbüßt hatte, auf telegraphische Anweisung des Justizministers entlassen. Daschewsky begiebt sich ins Ausland. — Die Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Nordamerika betrug im Jahre 1905/06 allein über den Hafen von Newyork 888 543 Seelen. "Da über Newyork durchschnittlich 60 Prozent der gesamten Jmmigration einwandert, so dürfte die Gesamtzahl derjenigen, d'ie vom 1. Juli 1905 bis 30. Juni 1906 amerikanischen Boden betreten haben, sich auf 1 175 000 belaufen, gegen 1026 000 im Vorjahr. lieber die Zahl der eingewanderten Juden läßt sich eine annähernde Vermutung nicht anstellen. Sie dürste jedoch die des Vorjahres weit übersteigen, da allein über Newyork nicht weniger als 125000 Juden eingewandert sind, gegen eine Gesamtimmigration von 129 910 im Jahre 1904/05.

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