Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Verwaltung, die für die Geschichte der Juden in Berlin so denkwürdigen Inschriften jenes alten Friedhofs herauszugeben.? Es ist nur wenig bekannt, daß diese von dem grundgelehrten L. Landshut, der ja auch Inspektor des Friedhofs war, in mehr als zehnjähriger mühevoller Arbeit gesammelt worden sind. Das Werk ruht gegenwärtig als „schätzbares Material" im Gemeindearchiv. Es ist dringend zu wünschen, daß es bald in einer der Berliner Gemeinde würdigen Ausstattung herausgegeben werde! k. Posen, 7. August. Wie dem „Dziennik Kuj." berichtet wird, ist zum Vorstandsmitgliede der katholischen Schulgemeinde in Wojtschin der jüdische Krugwirt Baschwitz gewählt worden. Das Dorf ist durchweg polnisch, und es wohnt dort nur ein einziger Jude, eben der genannte Krugwirt. Der Gewählte teilt nun aber dem „Dziennik" mit, daß er die Wahl ablehne, um den Angriffen der polnischen Zeitungsblätter gegen ehrbare Bürger ein Ende zu machen. Im übrigen habe er an der katholischen Schule in Wojtschin dasselbe Interesse wie jeder andere Bürger, da er zu den Kostender Schule beisteuere und die Schule als Kind selbst besucht habe. — Der Herr Rentier Lippmann Plonsky in Zirke a. W. hat den Kronenorden 4. Klasse erhalten. Plonski ist 28 Jahre Stadtverordneter und wiederholt stellvertretender Bürgermeister gewesen, hat jahrelang an der Spitze aller Wohltätigkeitsanstalten des genannten Ortes gestanden und erfreut sich auch in nichtjüdischen Kreisen allgemeiner Achtung. Kp. Aus -er Provinz Posen, im August. Kantor Casper in Argen au ist an die Synagogengemeinde in Schildberg berufen worden. — In Samter ist neulich Fleischermeister Abraham Ball im Alter von 65 Jahren gestorben. Derselbe gehörte längere Zeit der Verwaltung der Synagogengemeinde an. — Die Regierung zu Posen hat die Auflösung der jüdischen Volksschule in Zerkow angeordnet, nachdem dieselbe zuletzt nur noch von einem Schüler besucht worden ist. — Kantor Steinkritzer in Krojanke ist zum Kantor in Schlochau und Kantor und Religionslehrer Lemke in Bublitz in gleicher Eigenschaft in Kosten gewählt worden. — Neulich ist die umgebaute Synagoge in Obornik feierlichst eingeweiht worden. — Der Verbandsdirektor der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften der Provinz Posen, Leopold Löwensohn in Rakel, der auch noch andere hohe Ehrenämter daselbst bekleidete, ist im Alter von 61 Jahren gestorben. — Zum Kantor in Zempelburg ist Kantor Lachmann in Myslowitz berufen worden. — In Ostrowo bestand ein Streit zwischen dem Repräsentantenkollegium und dem Vorstand um die Frage, ob ein erster Kantor neben dem dort seit zehn Jahren bereits allein als Kultusbeamter fungierenden Herrn Abramowicz angestellt werden soll. Der Teil des Repräsentantenkollegiums, der für eine Anstellung war, wandte sich beschwerdeführend an die Regierung; diese wies die Beschwerde indes zurück, nachdem sie durch Berichte des Vorstandes festgestellt hatte, daß die Leistungen des Herrn A. bei weitem ausreichen. n. Breslau, 11. August. Das Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Breslau veröffentlicht in seiner letzten Nummer die landesherrliche Genehmigung der „Julius und Anna Schottländerschen Stiftung" in Höhe von drei Millionen Mark, die Rittergutsbesitzer Julius Schottländer anläßlich seines 70. Geburtstages am 22. März 1905 errichtet hat. Von dem Stiftungskapital bestehen zwei Millionen Mark in Effekten und Wertpapieren; dazu kommt das dem Stifter gehörige Grundstück auf der Schweiduitzerstraße (Ecke Junkernstraße) Nr. 50, welches einen Kaufwert von einer Million Mark besitzt. Die Gesamtsumme von drei Millionen Mark liefert viervrozentig eiuen Jahreszins von 120 000 Mark. Von dieser Summe sollen zehn Prozent, also 12 000 Mark, 100 Jahre lang mit den Zinsen und Zinseszinsen aufgesammelt und dann dem Kapital zur Vergrößerung desselben zugeführt werden. Der Hauptteil des Zinsertrages (90 Prozent), also 108 000 Mark, soll dazu diene«, wohltätige Anstalten, Gesellschaften und Vereine, und zwar nicht bloß jüdische, sondern ohne Unterschied der Konfession, in ihrem weiteren Bestehen zu fördern. In Betracht kommen dabei die gemeinnützigen Vereine sowohl der Vaterstadt des Stifters, Münsterberg, als anch seiner Heimatstadt Breslau und des Landkreises. Irgendwelche neue Stiftungen oder neue Anstalten zu schaffen, liegt nicht im Sinne des Stifters. Dagegen hat er Vorsorge getroffen, daß Teile der Stiftung für besondere plötzliche Notfälle, Katastrophen und in Kriegszeiten flüssig gemacht werden. Die Verwaltung der Stiftung geschieht nach dem Willen des Stifters auf die allereinfachste Weise. Die Stiftung wird weder dem Magistrat noch dem Vorstande der Synagogengemeinde übergeben. Ein besonderes Kuratorium wird sie verwalten. Solange Herr Julius Schottländer lebt, ist er Verwalter der Stiftung. Nach seinem Ableben sollen seine Frau und seine Söhne bezw. der jedesmalige Besitzer seines Rittergutes Hartlieb die Verwaltung führen, sofern dieser noch Jude ist. Nur diese eine Bedingung hat der Stifter an die Verwaltung geknüpft. — Desgleichen sind genehmigt worden folgende Zuwendungen: des Vorstandes der Synagogengemeinde in Breslau au die israelitische Waisen-Verpflegnngsanstalt daselbst mit 6000 Mark, des Stadtrais Fedor Pr in gsheim und seiner verstorbenen Ehefrau Charlotte in Breslau an die Stadtgemeinde Breslau und an die Synagogengemeinde daselbst mit je 10 000 Mark, des verstorbenen Rentners Josef Gotthelf in Breslau an die Stadtgemenide Breslau und an die Synagogengemeinde daselbst mit je 300 000 Mark. — Am 22. v. M. bestanden die Herren Tr. Kober, zweiter Rabbiner in Köln a. Rh., und Dr. Golinski, stellvertretender Rabbiner in Chemnitz, die rabbinisch-wissenschaftliche Prüfung am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar. -- Binz, 8. August. Ueber eine antisemitische Aus-, schreitung, die hier im Restaurant „Imperial" passiert ist, berichtet die „Freiburger Verkehrs-Ztg.": Der Kommerzienrat Z. aus Berlin gab in diesem Restaurant ein Fischgericht mit dem Bemerken zurück, es schmecke ihm nicht, und da er magenkrank sei, wolle er sich nicht der Gefahr aussetzen, sich den Magen zu verderben. Der Wirt hörte das, fuhr den Gast an und traktierte ihn mit Kraftausdrücken wie „verfluchter Jude!" Als der East erregt aufsteht, wird er aufgefordert, sofort das Lokal zu verlassen. Beim Hinausgehen bekommt er noch Liebenswürdigkeiten folgenden Stils zu h^ren: „Das verdammte Judeupack, das hat man davon, daß man solche Hunde rein läßt." Dabei fuchtelt der Wirt mit einem Stuhl in der Luft herum, wobei eine Scheibe in Trümmer geht. Ein anderer Gast, der sich weigert, zu bezeugen, daß „der Jude" angefangen habe, wird ebenfalls an die Lust befördert. „Der Jude" hat der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet. — Aus Saßnitz auf Rügen wird geschrieben: „Vor einigen Tagen las ich hier, wo im übrigen von Antisemitismus nichts zu spüren ist, an der Tür des Geschäftes von Johann Herr, Ecke Weddiugstraße und Prinzen-Allee, einen großen Anschlag folgenden Wortlauts: „Israeliten, die dies Geschäft betreten, werden wegen Hausfriedensbruch belangt." Darüber stand noch auf einem kleineren Zettel: „Israeliten draußen bleiben." Sollte es nicht möglich sein, gegen diesen Unfug einzuschreiten?" L Neustadt (O.-Schl.), 10. August. Der Mitinhaber der Firma S Fränkel Hierselbst, Geheimer Kommerzienrat Piukus und seine Gemahlin Auguste geb. Fränkel, haben aus Anlaß ihrer goldenen Hoch zeits sei er als Dank für die ihnen bei dieser Gelegenheit erwiesenen Ehrungen folgende Zuwendungen gemacht: Zur Verteilung an die Stadtarmeu 2000 Mark, dem Vaterländischen Frauenverein zum Zwecke der Wöchnerinnenpflege 6000 Mark, der Synagogengemeinde 2000 Mark, dem israelitischen Wohltätigkeitsverein 1000 Mark, dem Vincenzverein 1000 Mark, dem Hedwigsverein 1000 Mark, dem Frauenhospital 6000 Mark, dem Waisenhause St. Anna-Stift 1000 Mark, den Barmherzigen Schwestern im städt. Krankenhause 1000 Mark, dem Barmherzigen Brüderkloster 2000 Mark, dem katholischen Arbeiterverein 1000 Mark, dem katholischen Gesellenverein 1000 Mark, dem Werkmeister-Verein und dem Lagergehilfenverein der Firma S. Fränkel je 1000 Mark, dem Kriegerverein, dem Veteranenverein und dem Militärverein je 500 Mark. Außerdem hat Herr Pinkus in einem Schreiben an den hiesigen Stadtpfarrer die Zusicherung gegeben, daß er nach den Intentionen dcs Kardinals Kopp eine Verbesserung des gegenwärtig sehr mißlichen Sckllafstellenwesens für seine unverheirateten Arbeiterinnen herbeisühren werde. Gemeint ist hiermit die Gründung eines Mädchenheims, welche von der Firma S. Fränkel schon längst geplant war, jedoch wegen Schwierigkeiten beim Grunderwerb bis jetzt nicht zur Ausführung kam.