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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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Uebersetzung bekannte, erhabene Bilder auf, gleich wie die Umrisse einer bekannten Landschaft durch dichten Nebel. „Er wartete auf Recht, siehe, so ist's Schinderei; aus Gerechtigkeit, siehe, so ist's Klage. Weh' denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das Land besitzen. Weh denen, die des Morgens früh auf sind, des Saufens sich zu fleißigen und fitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt, und haben Harfen, Psalter, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht aus das Werk des Herrn, und schauen nicht auf das Geschäft seiner Hände! Weh denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!" Und bei jedem Worte des Greises malte sich auf dem stillen Antlitz seines Zuhörers eine immer größere Verwunderung. „Ist's denn wirklich möglich, daß auch Ihr es habt?" sprach er endlich leise, Reb Leiser mit weitgeöffneten Augen ansehend. „Das ist ja unser Gesetz .. :' das ist ja Jesaia!" „Wieso denn Euer Gesetz?" fragte der Greis, seinerseits erstaunt. „Ja, unseres . .. Wir lesen das immer ...," sprach der Sektierer weiter, mit seltsamen Gefühlen bald den Greis, bald die schwarzen wunderlichen Zeichen des Buches betrachtend. Eine leichte Brise, die von der See kam, bewegte die Flamme der Kerze und überschlng ein paar Seiten. „Denn alle hohen Augen werden geniedriget werden, und die hohe Männer sind, werden sich bücken müssen,- der Herr aber wird allein hoch sein zu der Zeit..." „Denn der Tag des Herrn Zebaoth wird gehen über alles Hoffärtige und Hohe ...," unterbrach ihn der Sektierer und fuhr auswendig mit seiner weichen, klangvollen Stimme fort: „Und über alles Erhabne, daß es geniedriget werde, auch über alle hohe und erhabene Zedern auf dem Libanon und über alle Eichen in Basan..." Seinerseits verwundert, folgte Reb Leiser dem Text im Buch und wiederholte leise: „. . . Ueber alle hohe Berge und über alle erhabene Hügel; über alle hohe Türme und über alle feste Mauern, über alle Schiffe im Meer und über alle köstliche Arbeit, daß sich bücken muß alle Höhe des Menschen und demütigen, die hohe Männer sind, und der Herr allein hoch sei zu der Zeit." Beide hielten gleichzeitig inne, schauten einander in die Augen, und es war ihnen, als hätten sie etwas Lichtes gesehen. Um bester sehen zu können, rückte der Sektierer näher an den Juden heran. „Nun, und hier?" zeigte er, noch immer ungläubig, aus eine neue Stelle im Buch. „Und er wird richten unter den Heiden und strafen viele Völker . . .," begann von neuem der Alte. . . Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen . . . ." „So," sprach Reb Leiser, „denn es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben und werden hinfort nicht mehr kriegen lernen." „Und hier?" „Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und recht Urteil sprechen den Elenden im Lande," las der Jude. „Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein," fiel der Sektierer ein, „und -der Glaube der Gurt seiner Hüften." „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen," fuhren sie beide hastig'fort, einander unterbrechend, „und die Pardel bei den Böcken liegen. Sin kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter und ein Entwöhneter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken. Man wird nirgend Schaden tun, .noch verderben aus meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt." Wiederum hielten beide auf einmal inne — da konnte kein Zweifel mehr sein: das Gesetz war für beide dasselbe! Im Hirn des Reb Leiser flammten von neuem schreckliche Bilder auf. Mit starrem, verwundertem Blick schaute der Jude in die ernsten, sanften Augen des Fremden, und aus. seiner bewegten Brust rang sich der Aufschrei: „Aber wie kommt es denn? — Wofür?!" „Was denn „wofür?"" fragte der andere verwundert. Der Alte begann zu reden, eifrig, leidenschaftlich mit tränenerstickter Stimme und schob dabei sein graues Haar zur Seite, die blaue Narbe auf der Schläfe zeigend. „Ach, welche Sünde! Gott, welche Sünde!" sagte der Sektierer, den Kopf schüttelnd. Die Kerze brannte herab und erlosch, doch im bläulichen Dunkel der Nacht ertönten noch immer leise, vibrierende Stimmen. Manchmal entspann sich «in leidenschaftlicher Streit, dann senkten sich die Stimmen von neuem und Worte der Liebe, des Friedens schwebten gleich wie Engel beim Sternenschein über der schlummernden Erde. Litersrilche Mitteilungen. — Dr. S. Gr oneman n: Predigten für alle Feste des Jahres. Frankfurt a. M. 1906. I.Kauffmann. — Daß der Büchermarkt mit Predigtliteratur schwach beschickt sei, wird - wohl nicht behauptet werden können. Man freut sich dennoch einer neuen Erscheinung, wenn sie Gediegenes bietet. Eine solche ist der Band von 36 Predigten, die der genannte Verfasser herausgegeben hat. Man sagt wohl, daß das gelesene Wort, selbst von einer guten Predigt, nicht den Eindruck mache, den her Hörer hat. Von Gronemanns Predigten kann man das nicht sagen; vielmehr empfindet man beim Lesen derselben etwas so Packendes und Fesselndes, daß man sie mit Vergnügen und voll Spannung zu Ende liest und befriedigt aus der Hand legt. Sie sind „ein Griff ins volle Menschenleben", aktuell und überzeugend. In ihnen ist kein Haschen nach Effekt, kein Suchen nach Worten, kein Blinken mit Phrasen. Die Sprache ist vielmehr nngesucht, einfach und klar; der Satzbau ungekünstelt und fließend, dabei kräftig und markig. Die Predigten sämtlich sind inhaltreich und keine Wassersuppen. Die Wahrheit wird unverhüllt vorgetragen, und man fühlt, wie ernst der Redner von und zu Herzen spricht. Ein weiterer Vorzug ist das weise Maßhalten bezüglich der Länge oder richtiger der Kürze; der Redner versteht an rechter Stelle zu schließen. Die längern Reden find für zwei Tage berechnet, wie der Verfasser in deren Ueberschriften auch anzeigt. — Daß er die Midraschliteratur beherrscht, die Midraschim finnig einznflechten und zu deuten weiß, ist aus fast jeder Predigt ersichtlich. Ganz besonders ist das zu ersehen aus den Reden V, VI und VII zu Pesfach, wo die einschlägigen Midraschstellen zum Ausgangspunkt der Predigt genommen sind. Es ist hoch anzuschlagen, daß der Verfasser bei seinen vielen und sehr anstrengenden Amtspflichten noch Zeit und Muße gefunden, seine Predigten herauszugeben. Sie werden vom Laienpublikum, wie auch von seinen Amtsbrüdern, den Fachmännern, gewiß willkommen geheißen werden. J. E. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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