Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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39*5 fertiggestellt, obwohl Werner Siemens in Berlin ironisch meinte, die Russen würden den Fall von Sebastopol wohl noch zeitig genug ohne Telegraphen erfahren. Ans Werners Briefen ersieht man übrigens, daß die Freundschaft Preußens für Rußland damals keineswegs „turinhoch", wie später Bismarck sich ausdrückte, feststand. Obwohl die Brüder Siemens jahrelang in Rußland, namentlich in Polen, mit Juden zu tun hatten, finden sie für diese nur Lob. Am schlimmsten sind die Klagen des Welthanses über Korruption in Persien, wo Siemens die indo-europäische Linie viel Sorge machte. Von Juden ist hier keine Rede. Es sind die persischen Beamten, vom Türhüter bis zum Minister hinauf, welche bestochen werden müssen. Vertreter der englischen Regierung in Persien war damals Mr. Goldsmid, der mit Georg von Siemens direkt an Ort und Stelle in Teheran - unterhandelte. Kurz sei zum Schlüsse noch erwähnt, daß es jüdische Finanziers wie Magnus, Oppenheimer, Leo usw. waren, die der ohne direkten Staatsbankkredit in allen Weltteilen unter wechselnden Aussichten arbeitenden Firma Siemens den anfangs schwierigen und großen Kredit gewährten. 3FSS1£ Von Iwan Nasch iw in. Ans dem Russischen übersetzt von Eugenie Kliorin-Werth. III. ^^^as Leben im Garten nahm wieder seinen gewohnten Gang, und es herrschten Haß, Verzweiflung und abenteuerliche Hoffnungen. Unter einigen Sträuchern aß nian zu Abend, trank schwachen Tee und verzehrte das eben gekaufte Brot. Es wllrden erregte .Gespräche über einen Judenkrawall geführt. Manchmal trat eine kurze, schwere Pause ein, voll voll schwärzen, hoffnungslos trüben Gedanken. Und wie diese Gedanken, so schienen auch diese Leute inmitten der stillen Freude dieses goldigen Abends dunkle Schatten aus dein Reich des Leidens zu sein, die, wer weiß wozu, unter diesem wolkenlos hellen, zauberischen Himmel weilten. Reb Leiser hatte gleichfalls ein Pfund Brot gekauft, aber er korlnte keinen Bissen herunterbringen. Er gab sein Brot den Kindern Chawes, legte wieder seinen Kops auf die hochgezogene Knie und ließ seinen Blick umherschweifen, sich krampfhaft bemühend, seine Aufmerksamkeit etwas Aeußerlichem zuzuwenden, um, wenn auch für kurze Zeit, das zu vergessen, was in seiner Seele vorging. Doch alles Aeußere schien sich mit dem Innern zu vermählen und gebar ein tödliches Bangen... Die Zeit des Abendgebets rückte heran, und Reb Leiser begann zu beten, mit aller Inbrunst, mit der letzten Kraft ‘ seiner gefolterten Seele die heiligen Worte aussprechend; doch ergoß sich die erhabene Ruhe des Gebetes nicht in seine Seele, er hörte unablässig den Klang zersplitternder Scheiben, die wilden Rufe der entmenschten Menge, und seine Phantasie malte ihm die todbleichen, schreckverzerrten Gesichter seiner Lieben. Er sprach aber sein Gebet zu Ende und machte den Versuch, mit irgend jemand von seinen Nachbarn ein Gespräch anzuknüpfen, doch er hörte nicht, was man ihm sagte, verstand nicht, was er selber antwortete, und schleppte sich wie ein verwundetes, verblutendes Tier auf seinen Platz zurück. Die Abendglut war im Erlöschen, und je enger die bläuliche Dämmerung die einschlummernde Erde umfing, alles ringsum verhüllend, um so grellere, wildere, qualvollere Bilder stiegen in seiner Seele auf. Er legte sich nieder, um sich im Schlaf zu vergessen, stand aber gleich wieder auf, gepeitscht von seiner innern Oual. Es hatte den Anschein, als würde er auch diese Nacht schlaflos verbringen. Und mit seinen vor Alter zitternden Händen tastete er in seinen Lumpen nach einem Lichtstümpfchen, und bei einem Nachbar ein Schwefelholz borgend, zündete er es an; dann zog er aus einer Leinwandtasche eine große Brille in einer plumpen Schildpatteinfassung und ein dickes Buch in einem abgegriffenen Ledereinband. Er legte es aus die Knie und begann halblaut zu lesen. In der schwülen, heißen Atmosphäre regte sich kein Lüftchen, und die Kerzenflamme brannte hell wie ein Stern, das müde Antlitz des alten Juden und die vergilbten Seiten des heiligen Buches beleuchtend . .. Die Kranken, erschöpft vom langen heißen Tag und ihren Leiden, schliefen schon fast alle, und durch die ruhige Stille der Nacht tönten nur die seltsamen, feierlichen Worte, begleitet vom ununterbrochenen Gesang der Zikaden. Und die Stimme des Alten erstarkte allmählich und aus derselben klang etwas Drohendes, Prophetenhaftes. „Und wenn Ihr schon Eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen von Euch; und ob Ihr schon viel betet, höre ich Euch doch nicht, denn Eure Hände sind voll Bluts. Waschet, reiniget Euch, tut Euer böses Wesen von meinen Augen, laßt ab vom Bösen; lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, schaffet dem Waisen Recht, führet der Witwe Sache." Immer feierlicher und drohender wurde des Greises 'Stimme, immer stärker erglühte sein Herz von dem Feuer, das Jahrtausende in den hoheitsvollen Worten des großen Buches glimmt. Und es war, als halte den Atem an die blaue gestirnte Nacht, und als harre sie stumm und bebend auf irgendwelche neuen Offenbarungen aus dem Munde des alten gehetzten Juden. Unter dem nächsten Strauche erhob der junge Stundist, ein Fuhrmann, sein bleiches, von einem dunklen krausen Bärtchen umrahmtes Gesicht und richtete den Blick seiner ernsten, milde strahlenden Augen aufmerksam und prüfend auf den alten Leiser. Der Greis hielt einen Moment inne, eine Seite des Buches umwendend. „Was liest Du da?" fragte leise der Stundist. „Das Gesetz," erwiderte Reb Leiser feierlich mit noch immer gehobener Stimme, und in seinen Augen brannte das heilige Feuer der Begeisterung. „Und was ist das für ein Gesetz?" sprach sich erhebend und auf Leiser zukommend der Fuhrmann. „Sei so gut, lies mir etwas daraus vor, aber in unserer Sprache." Reb Leiser nickte. Jener ließ sich neben dem Greise nieder und beugte sich über die vergilbten Seiten, auf denen krause, seltsame Zeilen sich hinzogen. „Nun, hör' zu!" sprach der Alte ernst, im Bewußtsein der Wichtigkeit und Heiligkeit einer Predigt von Gottes Wort vor einem ungläubigen Fremden, und fuhr fort zu lesen, aber in russischer Sprache, mühsam und sorgfältig die fremden Worte zusainmenstellend. Er stockte, wiederholte ein und dasselbe Wort wohl zehnmal gedehnt, mit- Pfeifen die Lust einziehend, wie ein Verzweifelter gestikulierend und mit den Fingern schnalzend; doch vor dem Zuhörer tauchten iw der ungeschickten ' >,