Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228724--62844-3290025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

- 3S4 -- erwähnte Spaziergang des „Rabbi" und seiner Gattin durch die Stadt.') Wenn sie die goldgestickten, schön en Kleider, die da zur Messe ausgestellt sind, mit tausend Schelmenaugen anblinzeln, sagt der Rabbi mit ernster Milde: „Mach die Augen zu, schöne Sarah!" Da sie einem „Rudel fahrender Fräulein" begegnen, sagt der Rabbi wieder zu feinem Weibe: „Mach die Augen zu, schöne Sarah!" Und als ihnen später eine Prozession von Mönchen und Kruzifixen entgegenkommt, spricht der Rabbi abermals zu seinem Weibe: „Mach die Augen zu, schöne Sarah!" 6. k. Lelekrüchte. Ueber die Beziehungen der neuesten ägyptischen Ausgrabungen zur Bibelforschuug spricht sich in einem englischen Blatte der Oxforder Assyriologe A. H. Sayce aus: „Mehr als anderswo locken in Aegypten die unerwarteten Resultate, die die Arbeit des Ausgrabenden belohnen, und verleihen seiner Tätigkeit etwas von der spannenden Aufregung des Spielers. So grub ich z. B. im letzten Winter zu Gebet Silsila nach alten Gräbern. Die Gräber schienen nur von müßiger Wichtigkeit zu sein, aber plötzlich stieß ich auf die Ueberreste eines Tempels der 18. Dynastie, dessen Vorhandensein ich vorher absolut nicht dort vermutet hätte. Es ist jedoch nicht nur das Aegypten der Pharaonen, dessen Geschichte ein freundliches Geschick uns aufbewahrt hat, sondern das Aegypten der Christen und der Mohammedaner ist ebenso wohlerhalten, und dann haben wir durch die Ausgrabungen der wenigen letzten Jahre gelernt, daß es wiederum der Boden Aegyptens ist, an den wir uns wenden müssen, wenn wir die verlorene Literatur der klassischen Welt entdecken wollen. Papyrus auf Papyrus ist so ans Licht gefördert worden, bald aus' einem Grab, bald aus den Schutthaufen und Scherbentrümmern einer alten Stadt, und hier fanden sich Schriften des klassischen Altertums, die man bereits für unwiederbringlich verloren gehalten hatte. Da entdeckte man die verlorene Rede eines attischen Rhetors, da einen politischen' Traktat des Aristoteles, dann wieder die amüsanten und lebensvollen Gesellschaftsskizzen eines griechischen Dichters, oder Werke Pindars und seiner Nebenbuhler. Die Entdeckung Petries, nach der die Bekleidungen mancher Mumienküsten der ptolemäischen Epoche aus fortgeworfener Makulatur zusammengesetzt sind, ist in ihren Resultaten sehr fruchtbringend gewesen. Dann haben Grenfell und Hunt mehrere Jahre hindurch an den Stellen, wo die alten ägyptischen Städte lagen, Allsgrabungen gemacht mit dem speziellen Zweck, die Fragmente der Papyrusrollen, mit denen sie angefüllt waren, wieder zutage zu fördern, und so sind viele kostbare Schriftstücke der Welt wiedergeschenkt worden. Bekanntlich befanden sich darunter die berühmten „Worte Christi", und auch jetzt ist wieder von ihnen neben Werken des Pindar, Plato, Euripides u. a. das Fragment eines unbekannten Evangeliums dem Schutt entrissen worden. Wenn die Ausgrabungen einen glücklichen Fortgang nehmen, so darf man erwarten, daß noch andere Dokumente aus der Literatur der frühen christlichen Kirche ausgegraben werden mögen, darunter vielleicht sogar eine Abschrift des Markusevangeliums. Einer der letzten von den Deutschen gemachten Funde ist das Werk eines Gnostikers, gegen dessen ketzerischen Glauben Jrenäus geschrieben hat. Durch das Werk ist nun bewiesen, daß Jrenäus trotz des Zweifels moderner Kritiker die Lehre und das metaphysische System seiner Gegner richtig und klar wiedergegeben hat. Aber die Ausgrabungen in Aegypten haben nicht nur aus die Bücher des Neuen Testaments und die Literatur der ersten christlichen Kirche neues Licht geworfen, sie helfen auch viel zum Verständnis der späteren Schriften des Alten Testaments. Vor zwei Jahren wurde eine Reihe ziemlich vollständiger und wichtiger aramäischer Papyri in Assuanentdeckt, an deren Herausgabe ich gegenwärtig arbeite. Sie sind alle sorgfältig datiert und stammen aus einer Kolonie von Juden, die in den y ib. 237 ff. Zeiten von Xerxes I. und seinen beiden Nachfolgern in Assuan und Elephantine lebten. Diese Juden .waren schon die Bankiers und Geldverleiher des Ortes und besaßen dort große Vermögen. Die Papyri geben eine recht klare Vorstellung von den jüdischen Gesetzen und Sitten, besonders auch von Ehegebräuchen. Sie erklären zugleich den Ursprung des sogenannten „biblischen Chaldäisch". Es war das offizielle Aramäisch der westlichen Hälfte des persischen Reiches, wie es von den Juden gesprochen und geschrieben wurde. Die Namen, die sich in dieser jüdischen Gemeinde finden, haben genau die gleichen Formen, wie wir sie in den nach dem Exil der Juden geschriebenen Büchern des Alten Testaments finden. Andere ähnliche Dokumente lassen die Geschichte dieser Sprache noch weiter verfolgen; so z. B. fand ich in diesem Winter einen Papyrus, der die Rechnungen eines jüdischen Händlers enthält und etwa l’Va Jahrhunderte später ist als die Funde von Assuan. Aber die archäologische Durchforschung Aegyptens ist bis jetzt überhaupt noch kaum zur Hälfte vollendet. Die Zukunft birgt noch Entdeckungen für uns, deren Bedeutung wir jetzt nicht einmal ahnen können:" * Auf Befürwortung des Dr. Boediker, früheren Präsidenten des Reichsverficherungsamtes, hat Herr Karl von Siemens, der letzte Ueberlebende der bekannten hervorragenden Begründer der elektrischen Industrie, der Brüder Sieinens, Herrn Professor R. Ehrenberg von der Universität Rostock, dessen Buch „Große Vermögen" ein allgemeines Interesse erregt hat, die Benutzung des Archivs der Familie Sieinens für ein neues Buch gestattet, dessen er st er Band soeben erschienen ist. Dieses Buch „Die Unternehmungen der Brüder Siemens" (Verlag von Gustav Fischer in Jena) enthält den wertvollen Briefwechsel eines erstklassigen Mannes von hervorragendem Erfindungsgeist und Geschäftsgenie wie Werner Siemens mit seinen Brüdern. Aus einem Briefe von Karl Siemens in Petersburg, der die ersten telegraphischen Linien für Rußland im Aufträge von Siemens & Halske hergestellt hat, setzen wir solgende Briefstelle an seinen Bruder Werner über die Schwierigkeit der Stangenbeschaffung im eigentlichen Rußland hierher, da sie gerade jetzt doppelt interessiert. Karl Siemens schreibt am 2. Februar 1854 nach Berlin: „Es ist sehr übel, daß es keine Juden iin Gouvernement Petersburg gibt; die hiesigen großen Holzhändler wollen gar nichts mit solchen Lieferungen zu tun haben. Wenn ich hier nur bis Rjeschitza abschließen könnte; denn nachher gibt es Juden." Obwohl die russische Regierung damals wegen des Krimkrieges dringend Telegraphen brauchte, entrollen uns die russischen Briefe des „Prussky Jngener Siemens" im übrigen das bekannte Bild russischer Korruption bis an die leitend en Kreise hinaus. Eine Unterredung mit dem obersten Chef des russischen Verkehrswesens, als die Firma nach der bereits begonnenen Belagerung von Sebastopol im Herbst 1854 den Telegraph bis Kiew legen sollte, gibt Karl Siemens wie folgt wieder: Ich: Diesen Kontrakt unterschreibe ich nur, weil Sie es durchaus so haben wollen. Graf: Dann hänge ich Sie auf. Ich: Dann können Sie mich gleich als einen Gehängten ansehen, denn Sie tragen die Schuld, weil Sie mich zwingen, den Kontrakt so zu unterschreiben. Graf: Ich werde Sie nicht am Halse aufhängen, sondern-(der Rest dieses anmutigen Gesprächs mit einem der höchsten Würdenträger des russischen Staates läßt sich leider nicht wiedergeben.) Immerhin zeigt dieser Dialog, was die Tschinowniks wohl erst einem Juden gegenüber riskiert hätten und sicher getan haben, wenn das dem unmittelbar mit dem Zarenhofe in Verbindung stehenden Siemens Passierte. Die Linie nach dem Süden Rußlands wurde mit Hilfe eines Ingenieurs Morgenstern trotz des Preisdruckes durch den Grafen K. rechtzeitig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.