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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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393 Austritt am Judentor gegenüber, der von großer humoristischer Wirkung ist. Auf die tragisch abschließende Szene in der Synagoge, welche zu den treuesten Schilderungen gehört, die wir auf diesem Gebiete besitzen, zugleich aber auch die erste Schilderung aus dem Ghetto und der „Gasse" war,') folgt das heitere Rencontre zwischen dem Rabbi und den» Ritter, das uns in der Peripherie der Erzählung geleitet und der Phantasie einen weiten Ausblick in die fernere Entwicklung und den Abschluß derselben gestattet. In diesen Kontrasten liegt vor allem das Geheimnis der Wirkung, welche das Romanfragment aus uns ausübt. Bis in die Schilderung der Charaktere hinein läßt sich das Gesetz dieser künstlerisch wirksamen Gegensätze verfolgen. Dem frommen Rabbi steht der frivole Ritter, der anmutigschönen Sarah steht die dicke Schnapper-Elle»' dem Nasenstern der Trommelhans gegenüber. Selbst Jäckel, der Narr, und Beitel Rindskopf stellen Gegensätze dar, welche damals die Frankfurter Judengasse in verschiedene Lager geteilt haben mögen. Nichts ist irriger als die Behauptung, Heine habe seine dichterische Eigenart in diesem Werke zu verleugnen gesucht. Diese tritt vielmehr nicht nur in der Weltanschauung, aus welcher das Werk hervorgegangen ist, sondern auch in den Darstellungsmitteln lebendig hervor; sowohl in der plastischen Schilderung der Situationen, als in den seltsamen Antithesen, nnd nicht zum wenigsten in der überraschenden Verbindung einander fernliegender Vorstellungen. Schon hier begegnen uns die Adjektiva, welche in den „Nordsee-Gedichten" wie in den „Reisebildern" uns durch die Verbindung mit leblosen Wesen reizen und fesseln, die Adjektiva mit Gegensinn! Wir lesen von zahnlosen Zinnen, von blinden Warttürmchen, stolz emporschießenden Pfeilern, trotzig sich geberdenden Bergen, wir erleben einen heiter grünen Sommertag, wir hören von leichenhaft duftenden Blumen, von schadenfroh und zugleich beängstigt zwitschernden Vögeln, von den heimtückisch gelben Streiflichtern, die der Mond über den dunkel hinmurmelnden Strom warf. In Frankfurt treffen wir breite Ratsherren mit wohlhabend bauschigem Wams, angstvoll hastige und aufseufzend langsame, aber auch glanzreich hinstatternde Weiber ufw. Der große Gegensatz, welcher Heine durch sein ganzes Leben hindurch verfolgte, zwischen dem dürren, freudlosen Hebräer und dem trüben, quälsüchtigen Nazarener einerseits nnd dem weltfreudigen, sinnesfrohen Heiden andererseits, begegnet uns auch hier zum erstenmal. In diesem Kontrast liegt ja auch der Gegensatz zwischen den beiden Hauptcharakteren und den von ihnen vertretenen Richtungen angedeutet, und eben diese Gegensätze waren es, die den Dichter selbst während seines ganzen Lebens ersüllt und bedrängt haben, ohne daß er es, im Leben wie im Dichten, zu einem friedlichen Ausgleich hätte bringen können?) Auch der Humorist begegnet uns schon in diesem Werke. Heine stand freilich noch ganz auf dem Boden der Romantik, als er an dem „Rabbi von Bacharach" schrieb, aber es zeigen sich auch hier schon die Keime eines inneren Widerspruchs gegen diese Kunstanschauung, deren Formen er nur zu bald durchbrechen sollte. Aber Heines Romantik war eigentümlich gestaltet; sie war keine „Passionsblume, die dem Blute Christi entsprossen, sie ') Erst 1837 folgte ihm Berthold Auerbach mit den beiden Romanen aus der Geschichte des Judentums unter dem Gesamttitel «Das Ghetto", nnd Leopold Komperts erste Geschichten aus der Gasse erschienen erst 1848. 2) Vgl. VH. 262 mit VII. 469 ff. bestand auch nicht aus der Freude an den Liedern, Bildern und Bauwerken des Mittelalters". Heines Romantik — war das Judentum des Mittelalters mit seinen Leiden und Verfolgungen, mit seinen Sitten und Gebräuchen, mit seinen Hoffnungen und Träumen. Das war seine romantische Vorzeit, und in diese lebte er sich immer tiefer hinein, je mehr ihm durch den Umgang mit den Männern des „jungen Palästina" von der geistigen Bedeutung des Judentums und von dem historischen Stammesbewußtsein aufgegangen war. Heine hielt das Judentum damals noch nicht „für eine längst verlorene Sache", wie später; aber er hatte sich den Verjüngungsprozeß desselben freilich anders gedacht als jene Flachköpfe unter seinen Zeitgenossen, die ihn, weil seine geistige Kraft ihnen gefährlich wurde, zu verlästern suchten. Auch sein Humor war ein Erbe seiner Abstammung. Der Witz ist ihm nur erträglich, wenn er auf einem ernsten Grunde ruht, und er sagt'): „Seitdem es nicht mehr Sitte ist, einen Degen an der Seite zu tragen, ist es durchaus nötig, daß man Witz im Kopfe habe. Jener Angriffswitz, den ihr Satyre nennt, hat seinen guten Nutzen in dieser schlechten, nichtsnutzigen Zeit." Wiederholt betont er es, daß der Ernst um so gewaltiger hervortrete, wenn der Spaß ihn vorher angekündigt habe, nnd dieser humoristischen Ironie, die in den „Reisebildern" ihren Höhepunkt erreicht hat, begegnen wir auch schou im „Rabbi" auf Schritt und Tritt. Schon auf dem ersten Blatte seines Romane^) erzählt er uns aus dem alten Bacharach: „Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes." — „Die Juden (waren) hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und ihrer Schuldbücher." Mit prächtigem Humor erzählt er von den Fuchsbärten, die nicht so recht an die Fröinmigkeit des Rabbi Abraham glauben wollten, der tagsüber das göttliche Gesetz im Kreise der Schüler erklärte und des Nachts die Sterne des Himmels oder die Augen der schönen Sarah betrachtete?) Reizend ist auch das humoristische Intermezzo zwischen dem Rabbi und seiner Gattin, während der Vorlesung der Hagada?) Zu weltgeschichtlicher Höhe erhebt sich Heines Humor in den Träumen der schönen Sarah, in jener Frühlingsnacht auf dem Rhein, in der der „stumme Wilhelm" mit seinen schönen, tiefblauen Augen die Staffage in sehr wirksamer Weise belebt und wo sich die Bilder gar wunderlich vermischen und zwischendurch halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk hervorschauen, wo der Vater Rhein die Melodien der Hagada zu murmeln anfängt und die Bilder derselben lebensgroß und verzerrt aus demselben hervorsteigen, bis die schöne Sarah am Binger Strudel durch das Nachtgebet des „Rabbi" aus ihren Träumen erwacht?) „Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der düstere Vorhang ward vom Himmel sortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Toren, in goldner Pracht leuchtete der Tempel, auf dem Vorhofe desselben erblickte die schöne Sarah ihren Vater in seinem gelben Sabbatschlafrock und vergnügt mit den Augen lachend; aus den runden Tempelsenstern grüßten fröhlich alle ihre Freunde nnd Verwandte, im Allerheiligsten kniete der fromme König David mit Pürpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Saitenspiel — lind selig lächelnd entschlief die schöne Sarah," Im zweiten Kapitel gelangen wir aus dem Reiche dieses Humors und der ihm entsprechenden Kunstform der poetischen Prosa in das Gebiet der Satyre oder des Angriffswitzes, wie Heine sagt. Von liebenswürdiger Heiterkeit ist der bereits i) ib. 146. 2) IV. 224. s) ib. 226. *) ib. 229 ff, ib. 231 ff.

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