Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228724--62842-3290023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Lin rigrnhsnLigkr JBrirf Tr. Martin Luthers sn den lkurkürftkn Joachim II. non Brandenburg. . .Von Richard Lichtenstein. r. Ernst Berner, Archivrat und Königlich Preußischer Hausarchivar, teilt in seiner Geschichte des preußischen Staates den Wortlaut eines in der Kirchenbibliothek zu Landshut in Schlesien befindlichen Originalbrieses Martin Luthers an Joachim II. von Brandenburg mit. Um die geschichtliche Bedeutung dieses Schreibens zu verstehen, muß man sich die Zeitumstände ins Gedächtnis zurückrufen. Joachim II. wird von den Historikern als ein schwacher, prachtliebender Herrscher geschildert. Während seiner Regierungszeit (1533—1571) erstarkt die Macht der Stände, weil Joachim, um Geldbewilligungen zu erhalten, zu einer Reihe weitgehender Zugeständnisse genötigt war. Vor allem aber rühmen die Geschichtsschreiber die Gutmütigkeit und Gerechtigkeitsliebe Joachims, und da ist es besonders bemerkenswert, daß er die Juden, die 1510 aus der Mark verbannt worden waren, wieder zurückrief; freilich verwies Johann Georg im Jahre 1571, als Joachim kaum gestorben, die Juden aufs neue des Landes. Nun hat diese „Judenfreundschaft" Joachims zu einer reichen Legendenbildung den Anlaß geboten; daß auch ein Martin Luther dieser zuin Opfer gefallen, kann um so weniger verwunderlich sein, als Luthers geringe Vorliebe für das Judentum und die mittelalterlichen Juden im besonderen nur zu bekannt ist. Man kann mit Recht darüber erstaunt sein, daß sich Berner nicht der Mühe unterzieht, alle diese Lügen und Märchen, wie sie Menschen vor 350 Jahren verzeihlicher oder halb verzeihlicher Weise glaubten, als solche zu charakterisieren, und wenn Berner die Hinrichtung des bekannten Juden Lipp old erwähnt, so muß es peinlich berühren, daß diese Hinrichtung nicht als ein überaus schmählicher Justizmord gebrandmarkt wird. Obwohl die historische Kritik nachdrücklich betont, daß während der Gerichtsverhandlung sich kein einziges Schuldmoment, das auf Betrügereien unter' Joachim II. hingewiesen hätte, fand, bringt Berner es fertig, auf den seltsamen Satz: „Der Jude Lippold wurde sogar hingerichtet, seine Stammesgenossen sämtlich des Landes verwiesen" den noch seltsameren folgen zu lassen: „Ueberhaupt begann Johann Georg, der bis in sein 46. Jahr hinein fern vom Hofe auf den Schlössern der Priegnitz und Altmark eine durch Sparsamkeit ausgezeichnete Lebensweise geführt hatte, wie man es vvrausgesehen, in mancher Hinsicht ein anderes Regiment." Daß Berner, der ohne einen Beweis dafür zu liefern, von wucherischen Rechenkünsten des Juden Lippold spricht, gänzlich darauf verzichtet, den erwähnten Brief Luthers vom 9. März 1545 zu kommentieren, erscheint nicht weiter sonderbar, wenn mau sich des eben Gesagten und dc^ nicht abzuleugnenden Tatsache erinnert, daß in vielen Geschichtswerken Aktenstücke und Schlachtpläne inhaltlich nicht verwertet werden, sondern nur dem Schmucke dienen sollen. Die Stelle in dem Briefe Luthers, auf die es hier ankommt, lautet: „Für Eure K. F. G. (kurfürstliche Gnaden) habe ich wohl Große Sorge, daß die Juden einmal ihre jüdische Tücke möchten beweisen. Aber E. K. F. G. haben einen solchen starken Glauben und Vertrauen auf sie, daß mein Schreiben doch umsonst wäre; ich aber gar keinen Glauben: darum bitte ich Gott, daß er E.'K. F. G. wollte gnädiglich vor ihnen behüten. Auch die jungen Markgrafen, daß E. K. F. G. Glauben nicht zu stark sei hierinnen, damit nicht etwas geschehe, welches uns danach allen zu bangsam und vergeblich leid sein würde. Der Probst gefällt mir über die Maßen wohl, daß er so heftig auf die Juden ist. Er hat E. K. F. G. mit Ernst lieb, das spür ich wohl und meinet sie mit Treuen. Und ich Hab ihn auch dazu gestärkt, daß er auf der Bahn bleiben soll. Denn das sie mit der Alchymey fürgeben ist ein großer, schändlicher Trug. Man weiß wohl, daß Alchymey nichts ist und kein Gold machen kann, das kein Feuer aushält, wie andres Gold, welches auch wohl etliche Goldschmiede machen können.- Summa E. K. F. G. halten mich nicht für einen Feind. Aber ich kann das nicht glauben, daß E. K. F. G. glauben kann,- nämlich, daß die Juden E. K. F. G. mit Treuen meinen —- E. K. F. G. williger Martinus Luther, Doctor. Dem Durchlauchtigsten, Hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Joachim, Markgrafen zu Brandenburg, des Heil. Röm. Reichs Erzkämmerer und Kurfürsten, Herzogen zu Stettin, Pommern, Fürsten zu Rügen, meinem gnädigsten Herrn." Demgegenüber ist zu betonen, daß es weder geschichtlich feststeht, daß Joachim II. an „alchymistische" Künste geglaubt hat, noch daß Juden den Versuch unternahmen, ihn daran glauben zu machen. Und wenn man weiterhin erwägt, daß der Hexen- und .Zauberwahn, die Astrologie, der bomunouIus-Unfug und vor allem die Alchemie niemals als ein bei den Juden im Mittelalter vorkommender Aberglaube gefunden wurde, so ist der einfache Schluß, daß Luther entweder vagen Gerüchten glaubte oder sich selbst, als er vernahm, daß Joachim II. einen jüdischen Finanzminister habe, ein Geschichtchen ersann. Erwägt man weiter, daß Luther selbst an den Teufel glaubte — man kennt ja allgemein die Erzählung von der Wartburg — und ferner, daß er die Juden nicht liebte, so folgt, daß sein Brief ein beredter Ausdruck der abergläubischen Stimmungen ist, die damals die Zeit erfüllten. Der Sabbi von öacharach. Ein Beitrag zur Charakteristik Heines. VI. reten wir nunmehr in die weit geöffneten Hallen der Dichtung selbst ein. Schon die Einleitung, welche breit, aber nicht ganz sicher, ja hier und da etwas stockend vorgetragen ist, versetzt uns in die geeignete Stinimung, um alles Folgende zu verstehen. Es ist wahr, diese Einleitung ist lang und etwas schwerfällig, aber man muß nur an die ausgedehnten Expositionen Walter Scotts denken, um dies zu entschuldigen, und ferner an die Sprödigkeit des Stoffes, die Heine selbst daran zweifeln läßt, ob ihm etwa „das Talent des Erzählens" fehle. In geschickter Weise leitet der Dichter aber von dem historischen Prolog zu den tatsächlichen Ereignissen über. Es ist noch nicht/ beachtet Wörden, daß alle Schilderungen des Romanfragments sich in künstlerisch abgetönten Kontrasten bewegen und so eine interessante Parallele bilden zu seinen lyrischen Stimmungsbildern aus jener Zeit. Auf die idyllische Szene des Passahfeftes folgt der grauenhafte, durch die aufgefundene Kindesleiche herbeigeführte Abschluß. Anstatt nun aber die Details einer Judenverfolgung genau zu schildern, führt uns der Dichter in einem entzückenden Bilde, das mit der Schönheit der Landschaft wetteifert, in einer lauwarmen Frühlingsnacht über den Rheinstrom und läßt uns den Dust jener Bergesuser, worauf die Freude wächst, förmlich einatmen. Dem beängstigenden Treiben der Frankfurter Messe steht der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.