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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
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Lebens wäre, so daß Eltern nur an die leibliche Versorgung der Kinder denken müßten, müßte man bei der Geburt eines Kindes wünschen, daß es als Säugling stürbe, denn der Mensch, der als Säugling stirbt, ist leiblich am besten versorgt; er hat gar keine Sorge und keine je gehabt. Jeder wünscht, daß sein Kind lebe, weil man fühlt, daß der Geborene berufen ist, eine Lebensaufgabe zu lösen, die er mit der Geburt erhalten hat. Wer nun diese Aufgabe von sich wirft, dem bleibt nichts übrig als der leibliche Genuß. Findet jemand daran sein Genüge, ist mit ihm nicht zu rechten. Eindringlicher als seine innere Stimme kann kein Mensch zu ihm sprechen. Nur darf er keinen Anspruch darauf erheben, weise oder auch nur klug gehandelt zu haben, noch weniger hat er Anspruch, dafür geachtet zu werden. Man wird ihn vielniehr mit großem Mißtrauen behandeln müssen, denn er hat den Beweis geliefert, daß er für höheres Streben nicht zu haben sei. Die Lebensaufgabe, die uns das Schicksal auferlegt hat, kann nur in einem Falle von ernsten Menschen vertauscht werden, in dem Falle nämlich, daß wieder die innere Stimme so gewaltig, so heilig, so weihevoll dazu auffordert, wie es die Geburt eines Menschen ist. Gott und Schicksal müssen zu diesem Tausche auffordern und die innere Ueberzeugung muß es bestätigen. Das bequemere und gemächlichere Leben ist aber weder ein heiliger noch irgendein ernster Grund; das ist nur ein Grund für Menschen, die innerlich faul sind. Man kann sie nicht gering genug einschätzen. Unterzutauchen ist demgemäß ein törichter Rat. Wir hören aber auch oft einen anderen: Nicht untertauchen, aber sich ducken. Innerlich könnte man ja Jude bleiben, aber alles Aeußere, was uns von den Völkern trennt, müßten wir ablegen, damit man als Jude nicht erkannt werde. Also eine Art Mimicrh, die Eigentümlichkeit viel verfolgter Tiere, die Farbe der Umgebung anzunehmen. Wenn es sich dabei in Wahrheit umAeußerliches handelt, ist dagegen nichts zu sagen, und es bedarf dann keines Rates, weil es jeder Vernünftige von selbst tut. In Kleidung, Sprechweise, Art der Wohnungseinrichtung, Art des Grußes und Aehnlichem verzichten wir gern aus Besonderheiten. Handelt es sich ferner darum, Schönes und Gutes anzunehmen, sträubt sich kein Einsichtiger dagegen. Man hat sich dagegen auch nie gesträubt, sondern sich stets Kunst, Wisienschaft, schöne Sitten und schöne Gebräuche, wie sie im Laufe der Zeit entstehen, eifrig zu eigen gemacht. Jene aber, die vom Sichducken und vom Aufgeben der Eigenheiten sprechen, meinen in Wahrheit gar nicht Aeußerlichkeiten, um die sich unsere Gegner nicht viel kümmern. Fragen viele Juden, warum sind wir nur Juden? so fragen die Judenfeinde, warum s eid ihr Juden? Es handelt sich um das Wesentlichste des Judentums, und da nützt es nichts, sich nicht erkennen geben zu wollen und sich nicht nach Lust und Laune eines andern formen zu lassen, sondern zu verschwinden. Gewonnen hätten wir durch Selbstentäußerung nichts, und Gott bewahre uns vor dieser, sie brächte knechtischen Geist statt des emporhebenden Bewußtseins, dqß wir das gute Recht haben, zu sein und so zu sein, wie wir sind. Genug, daß man sich ducken muß, wo es den Erwerb gilt, weil da eines vom andern abhängig ist; dort aber, wo das eigene, das persönliche Leben beginnt, sei es das religiöse, das gesellschaftliche oder das Familienleben, ist uns Duldung viel zu wenig, dort verlangen wir Gleichberechtigung, das ist das volle Recht der Persönlichkeit. Will man uns in einem Gesellschaftskreise nicht als Juden haben, so gehören wir nicht hinein. Geduldet wollen wir dort nicht sein, denn der Geduldete spielt eine lächerliche Rolle, weil er nicht das Recht hat, so zu sein, wie er ist. Die unsichere Stellung des Geduldeten macht ihn zur komischen 391 - Figur. Er gleicht dem Aengstlichen, der gewohnt ist, auf einerglatten Bahn zrr schreiten und sie doch überschreiten will. „Des Menschen höchstes Glück ist die Persönlichkeit!" und nicht die Selbstentäußerung und das Sichducken. Da wir nun auch auf dieses Glück berechtigten Anspruch machen, sind und bleiben wir Juden. Soll man aber mit Heines Gumpelino sagen: „Das Judentum ist ein Unglück" und fragen: „Warum ist nur das Judentum vorhanden? Ist es der Welt notwendig?" Als Antwort auf diese Frage gleichsam wiederholen wir oft in unseren Gebeten : „Du, o Gott, hast uns auserwählt." Wer da an Gott glaubt, oder auch nur daran, daß jede Erscheinung ihre Ursache, jedes Geschehen seinen Grund habe, wird nicht zu leugnen vermögen, daß auch das Judentum Ursache, Grund und Wirkung habe. Nicht nur einmal vor achtzehnhundert Jahren hat es auf die Kultur mächtig eingewirkt, es übt fort und fort seinen Einfluß aus, und der Fortschritt aller Gesetze und Rechte, aller Sittlichkeit weist auf das Judentum hin. Es ist unser unerschütterlicher Glaube, daß einst „die vielen Völker sprechen werden, wir wollen auf den Berg des Ewigen, in das Haus Jakobs ziehen, daß er uns seine Wege lehre, damit wir seine Bahnen wandeln, denn von Zion soll die Lehre ausgehen, das Wort des Ewigen von Jerusalem" (Jesaia 2, 3). Gott, oder meinetwegen die Geschichte, hat uns zu Fahnenträgern auserwählt, und wir sind auch dazu auserwählt, daß aus. uns, als auf den Fahnenträger, alle feindlichen Geschosse gerichtet sind. Wir müffen es auch ertragen, daß man uns wegen dieser Auserwähltheit höhnt, und daß, wenn ein Jude irgendwo und irgendwann etwas Schlechtes tut, diese Auserwähltheit herhalten muß. Höhnen unsere Feinde, so ist es nicht zu entschuldigen, aber zu begreifen, weil diese weder das Judentum noch das jüdische Volk genau kennen. Höhnt aber ein Jude die Gemeinschaft, dann ist dies unbegreiflich; der sollte doch wissen, wieviel Idealismus, Selbstzucht, Aufopferungsfähigkeit und Tugenden das Judentum selbst in seiner größten Verkümmerung birgt und betätigt. Wir wissen alle ganz gut, daß nicht jeder Jude ein Mustermensch ist, und die Fehler vieler Juden sollen nicht abgeleugnet werden, um so weniger, als das Leben aus engem Erwerbsboden, die Verdrängung von vielen Berufen, die meisten dieser Fehler gezeitigt hat. Aber einen Juden, der der jüdischen Allgemeinheit ein schlechtes Urteil zuerkennt, dem kann man getrost entgegnen: Es gibt einen fehlerhaften Juden mehr als du glaubst, und der bist du selbst! Das Judentum als Gesamtheit ist ein Perlendiadem, um das Haupt der Menschheit gelegt, mag auch mancher einzelne Jude der fehlerhaften Perle gleichen, die den Wert des Diadems verringert. Der einzelne hat sich nichts darauf einznbilden, denn vielleicht gleicht gerade er der fehlerhaften Perle. Wer der Bestätigung des Urteils üher das Judentum von Seite der Nichtjuden bedarf, sei auf die Aussprüche nur zweier Männer hingewiesen, von denen der eine der größte Dichter, der andere der größte Denker der neuesten Zeit genannt wird. Sowohl Ibsen in seinem Briefwechsel wie Nietzsche an mehreren Stellen seiner Werke nennen die Juden das adelige Volk, und beide sind wohl kompetent genug, ein Urteil über ein Volk abzugeben. Auch darauf hat sich der einzelne Jude nichts einzubilden, denn ihn persönlich kannte weder Nietzsche noch Ibsen, ihn persönlich hätten sie vielleicht nicht zu den Adeligen gerechnet. Der einzelne Jude sei nur bestrebt, so zu sein, daß er, in Reih und Glied tretend, würdig befunden werde, einem adeligen Volke anzugehören und so die Aufgabe zu lösen, die jedem Juden mit seiner Geburt gegeben wird.

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