Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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- 390 — beträchtliche Zahl von Juden, die im Osten von London und in den Provinzialstädten Englands wohnen, recht sehr darunter leiden, indem sie, den Sabbat beobachtend, zwei Tage in der Woche ihre gewöhnlich kleinen Geschäfte werden schließen müssen und trotzdem gleiche Taxen wie die nichtjüdischen Krämer werden zu zahlen haben. Vor einigen Monaten berichtete ich von der Einweihung und Eröffnung einer jüdischen Anstalt im Osten von London, die den Namen Beth-Hamidrasch führt und die verschiedene geistige Vorteile für die daselbst lebenden Juden in Aussicht stelle. Diese Aussicht hat sich nun seitdem wirklich realisiert, denn das Retb-Ramidrasoh hat während der vergangenen Wintermonate eine schätzenS- und beachtenswerte Tätigkeit in geistiger Beziehung nach verschiedenen Seiten hin entfaltet. Besonders nennenswert ist die Tatsache, daß die reichhaltige Bibliothek von jüdischen Büchern und die Lesehallen, die die fragliche neue Anstalt besitzt, von Tausenden von Juden benutzt worden sind, die vorher solche und derartige geistige Vergnügungen vollständig entbehrt halten. Außerdem wurden daselbst auch viele Vorträge gehalten und mehrere Konzerte fanden da kostenfrei statt, die alle namentlich auf die neuen jüdischen Flüchtlinge aus Rußland und Polen recht wohltuend eingewirkt haben mußten; denn solche unglücklichen Einwanderer, die dem Tode entflohen sind, finden wieder neuen Mut und Lebensfreude, wenn sie sehen, daß ihre reichen und hochgestellten Glaubensgenossen in England ein warmes, jüdisches Herz bewahrt haben und materielle und geistige Hilfe all denen ihres Stammes angedeihen lassen, die die gegenwärtigen schrecklichen Zeitverhältnisse in Not und Elend versetzt haben. Und während das Beth-Hamidrasch geistige Vorteile solchen jüdischen Einwanderern gewährt, verschafft ihnen auch das jüngst im Osten von London errichtete Asyl (Lbelter) manches, was für sie auch materiell recht nützlich ist. — Niemand hätte es geglaubt, und doch ist es eine Tatsache, daß der übelklingende und keineswegs als Umgangssprache zu empfehlende jüdische Jargon soeben von der Negierung der Kapkolonie als eine der modernen europäischen Sprachen anerkannt wurde. Freilich wird dieser Umstaud die Einwanderung in die besagte wichtige Kolonie Englands von vielen solcher unserer Glaubensgenossen erleichtern, die bloß Jüdisch-Deutsch sprechen können, anderseits jedoch ist es recht zu bedauern, daß letztere Sprache, die so lebhaft an das alte Ghettoleben nebst dessen häßlichem Kauderwelsch erinnert, eine permanente Existenz unter den Juden aller Länder und Zonen haben soll. Bor einigen Monaten feierte das hiesige Jewish College sein fünfzigjähriges Jubiläum und erfreute sich der Teilnahme aller hiesigen Juden, die den großen Wert dieser höchst nützlichen Erziehungsanstalt für zukünftige jüdische Geistliche erkannt haben. Nun war aber das fragliche Institut von jeher reich an Geldmangel, und dessen Lehrtätigkeit mußte natürlich gewissermaßen beschränkt sein. Unter dein Vorsitze des Lord Rothschild fand daher ein Bankett statt, bei welcher Gelegenheit die beträchtliche Summe von 15 000 Pfund Sterling (etwa 300 000 Mark) gesammelt wurde, die der Anstalt zufallen wird. Professor Büchler, der neulich zum Assistenten Dr. Friedländers, des Direktors des College, gewählt wurde, ist hier bereits eingetroffen und wird seine Lehrtätigkeit nach den kommenden hohen Feiertagen beginnen. Professor Büchler hat sich auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und Literatur einen klangvollen Namen erworben, und da er auch im gesellschaftlichen Umgang eine persona grata ist, so wird er sich sicherlich recht bald viele Freunde in hiesigen jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen erwerben. Das laufende Heft des „Jewish Quarterly Review“ enthält, wie viele seiner Vorgänger, recht lesenswerte wissenschaftliche Artikel. Besonders nennenswert ist ein Beitrag von Dr. Elbogen-Berlin, der in höchst interessanter Weise die jüdische Liturgie bespricht. Das Heft beschließt den achtzehnten Jahrgang der „Review", und jeder englischlesende Freund der jüdischen Wissenschaft lind Literatur wird sicherlich den Editoren (Mstrs. I. Abrahams und C. G. Montefiore) für die große Mühe und Opfer Dank wissen, die sie der Herausgabe derselben bisher gewidmet haben. Warum lind und bleiben wir Juden? Von Professor Dr. Simon Stern in Saaz. llen, die täglich im Gebete Gott dafür danken, daß er sie als Inden erschaffen hat, steht es ganz außer Frage, warum sie Juden sind und bleiben. Viele aber sprechen nur von den Leiden und Qualen, die das jüdische Volk langsam und sicher aufreiben. Die Juden werden in allen Berusszweigen bedrängt, aus vielen gänzlich verdrängt, von den Verfolgungen, die sie in Rußland und Rumänien zu erdulden haben, gar nicht zu reden. Trotz aller Kultlirfortschritte hören selbst in den zivilisiertesten Staaten die böswilligen, dabei so unsinnigen Verleumdungen nicht auf, die die Zahl der Antisemiten vermehren. Darum gibt man uns den Rat, vielleicht in guter Absicht: Untertauchen! Und zwar so bald als möglich untertauchen! Alle, die es schon getan haben, warfen von sich das Hemmnis, das wie die Kette an den Fuß des Galeerensträflings an den Fuß eines jeden Juden geschmiedet ist. Das ist aber auch alles, was man als Grund für die Taufe anführen kann, und es muß, wie klug es auch zu klingen scheint, kein schwerwiegender Grund sein, da die im allgemeinen doch nicht dummen Juden diesen Rat nicht befolgen. Der Rat wurde schon in allen Tönen gegeben, in Our und in Noll, drohend und schmeichelnd, nicht nur heute und gestern, sondern schon seit vielen Jahrhunderten. Doch selbst der ungläubige Jude schaudert vor diesem Schritt zurück, obwohl viele breite Straßen aus dem Judentum hinausführen und wir nicht das geringste Mittel besitzen, jemanden zurückzuhalten. Der Weg ins Judentum ist — da die geringen Ausnahmen nicht in Betracht kommen — nur einer : die Geburt. Keiner hat diesen Weg gewählt. Gott und das Schicksal haben uns da hingestellt, und ans die Frage, warum wir Juden sind, haben wir zunächst keine andere Antwort als die, daß es Gott so will. Wir bleiben aber Inden, weil unser ganzer Lebenszweck und der ganze Sinn unseres Daseins damit verblinden ist. Wer es nicht empfindet, dem kann man es nicht erklären, so wenig wie man es erklären kann, warunr man Vater uild Mutter liebeil soll, die uns ja. auch nicht fragten, ob sie uns in die Welt setzen dürfen. Man kann es nicht erklären, so wenig lvie man erklären kann, daß nicht Essen und Trinken, schöne Wohnung und feine Kleidung, ein gemütliches Leben überhaupt den Zweck des Lebens bildet und daß diese dem Leben keinen Inhalt geben. Manche könnten meinen, daß man den allerdings schweren Schritt, der einen unheilbaren Riß durchs Leben macht, um der Kiuder willen tun. müsse, denen man doch auch sonst das Höchste, selbst sein Leben, zu opfern bereit ist. Dann wäre aber merkwürdig, daß noch keiner jüdischen Eltern den. Vorwurf gemacht hat, daß sie zu wenig für ihre Kinder sorgen. Den entgegengesetzten Vorwurf, wenn es einer ist, hört man oft. Und wenn die leibliche Versorgung der ganze Zweck des