Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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387 auf Me Finger zu sehen, fahren diese nach wie vor fort, jüdische Einwanderungslustige wider Recht und Gesetz von der Landung zurückzuweisen. Da die Klagen über widerrechtliche Behandlung jüdischer Emigranten sich häuften, machte die Redaktion der liberalen „Tribüne" von dem der Presse gewährten Recht, den Verhandlungen der Einwanderlmgsgerichte beiwohnen zu dürfen, in jüngster Zeit ausgedehnten Gebrauch, wobei von neuem eine große Anzahl „Unregelmäßigkeiten" festgestellt wurden. So wurden allein vom 2. bis 24. Juli nicht weniger als 15 russische Juden zurückgeschickt, obgleich sie alle die erforderlichen fünf Pfund vorzuweisen hatten. Mehrere von den Zurückgewiesenen waren außerdem politische Flüchtlinge, die nun infolge ihrer Zurückweisung in die Hände ihrer russischen Henker geraten müssen. In fast allen Fällen wurde von den Einlaßbegehrenden nebst der vorgeschriebeneu Geldsumme noch der Nachweis der Existenzfähigkeit gefordert, was absolut ungesetzlich ist. Unter anderen wurde auch der Buchbinder- Samuel Lifschitz, der in Mohilew wegen Teilnahme an einer geheimen Versammlung verhaftet werden sollte, am 18. Juli zurückgewiesen, weil er nur vier Pfund vorzuweisen hatte. Als der Vertreter der „Tribüne" -darauf hinwies, daß Lifschitz ein politischer Flüchtling und außerdem gelernter Buchbinder sei, wurde ihm erwidert, nach Buchbindern herrsche zurzeit in England keine Nachfrage. Am 31. v. M. beschäftigte die Angelegenheit auch das Unterhaus. Der liberale Abgeordnete Mr. Maurice Levy richtete an Mr. Herbert Gladstone wegen der Behandlung der Immigranten eine schriftliche Anfrage. Der Minister des Innern hielt es aber für notwendig, das Londoner Einwanderungsgericht in Schutz zu nehmen. Dieses Gericht habe nämlich in den fraglichen Fällen sich nicht überzeugen können, daß die vorgewiesenen fünf Pfund wirklich Eigentum der Betreffenden und ihnen nicht von anderer Seite vorgestreckt waren. Diese Erklärung überläßt es den untergeordneten Einwanderungsbehörden, ob sie einen jüdischen Immigranten, selbst wenn er mit Geld kommt, in England hineinlassen wollen oder nicht. * Der internationale Rat der Jüdischen Territorial- Organisation hielt, wie bereits gemeldet, in London seine Sitzungen am 1. und 2. d. M. Wir erhalten darüber folgenden Bericht: Der Präsident, Herr Israel Zangwill, führte den Vorsitz. Außer aus England waren aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Rußland, der Schweiz und den Vereinigten Staaten Vertreter anwesend. Entschuldigungen von abwesenden Mitgliedern trafen aus Bulgarien, Palästina, Rumänien und Südafrika ein. Aus Antwerpen, Berlin, Bern, Bialystok, Ekaterinoslaw, Elisabetgrat, Johannesburg, Kattowitz, Kiew, Kowno, Krementschug, Krugersdorp, Manchester, Mendzyrzec, Odessa. Otschakow, Philipopolis, Plovdiv, Posen, Stralkowo, Warschau und Zürich kamen Begrüßnngsdepeschen und Anschlußerklärungen. Der Redakteur des in Odessa erscheinenden Blattes „Rußki Jevrey" bot seine Mitwirkung in einem Briefe an, der mit den Worten beginnt: „Ich begrüße den Rat in einem Augenblicke, wo vor mir die noch warmen Leichen dreier jüdischer jungen Leute liegen, von Kosakenkugeln durchbohrt." Ein Brief von Dr. Paul Nathan, Berlin, vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" wurde verlesen, in dem er seine Sympathie mit den Jtobestrebungen aus- , drückte. Weitere Zuschriften kamen aus Benderh (Bessarabien), Bialystok, Drabow, Kriwoy Rog, Peresyp und von der jüdischen Gemeinde Solotonoscha, im Poltawa-Gouvernement, während die Einwohner von Ekaterinoslaw und Krementschug ihr vollstes Vertrauen dem Jtorate durch Adressen mit mehr als tausend Unterschriften ausdrückten und denselben an die dringende Notwendigkeit einer Auswanderung aus Rußland erinnerten. In seiner Eröffnungsrede schilderte Zangwill die Fortschritte der Bewegung und äußerte sich über die bevorstehenden Aufgaben. Die Verhaftung des Herrn Joselew in Warschau und die Konfiskation der bei ihm befindlichen Schriftstücke macht die Verlesung des Berichts des russischen Zentralkomitees unmöglich. Der Ehrensekretär, Herr Clement I. Salaman, gab einen Bericht über die passendsten Territorien in beit verschiedenen Kontinenten. Frau Auerbach, aus Südafrika und London, die das britische Schutzgebiet in Ostafrika bereist hatte, stattete über das Land und dessen Zustände einen Bericht ab, der zu dem von der zionistischen Organisation entsandten Gibbons-Expedition vom Mai 1905 in schroffem Gegensatz stand. Nach eingehender Debatte der verschiedenen Proteste wurde auf den Antrag Dr. Klee, Berlin, einstimmig beschlossen, eine Kommission zur Erwägung aller in Frage kommenden Territorien und Projekte einzusetzen, mit der Weisung, ihren Bericht spätestens im Frühling 1907 abzustatten. Die Ernennung der besagten Kommission wurde dem Präsidenten überlassen. Das Angebot eines Beitrages von 400 000 Mark seitens'des englischen Philanthropen Joseph Fels für eine Niederlassung, unter der Bedingung, daß der Boden der Kolonie Gemeinbesitz bleibe, wurde dem Exekutivkomitee überwiesen, wobei der Kongreß seinen wärmsten Dank für das Angebot ausdrückte. Ferner sprach derselbe gleichfalls seine dankbare Anerkennung der Privattätigkeit des Herrn Schriro-Baku aus, der sich in aufopfernder Weise bemüht, festzustellen, in welchem Umfange aus Rußland eine Emigration Bemittelter zu erwarten ist und welche Summen den einzelnen Emigranten zur Verfügung stehen. Die Verhandlungen schlossen mit den von Dr. Mandelstamm, Kiew, beantragten Dankvoten. — Sonnabend Abend fand ein Massenmeeting statt, das von etwa 7000 Personen besucht war. Dr. Mandelstamm, Kiew, brachte mit Unterstützung von Herrn Oskar Straus, dem früheren amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, eine Resolution zugunsten der Bestrebungen der Jto ein, die einstimmig angenommen wurde. Herr Zangwill teilte mit. daß Lord Rothschild der Jto feine wärmsten Sympathien aussprechen lasse. Diese Organisation, nach ihren drei Anfangsbuchstaben (l. T. 0.) kurzweg nur „Jto" genannt, ist eine Schöpfung Israel Zangwills, der zugleich die Seele der territorialistischen Gemeinde ist. Der von Dr. Herzl propagierte Zionismus hatte den großen Fehler der Undurchführbarkeit. Jeder Versuch, Konzessionen von seiten der Türkei zu erlangen, ist gescheitert, und die Wiederherstellung des Reiches Zion an den Ufern des Euphrats und des Tigris ist wohl ein Zukunftstraum. Doch dringender Lösung bedarf die brennende Frage, was mit den Hunderttausenden jüdischer Emigranten geschehen soll. Diese Unglücklichen fordern rasche Befreiung aus Not, Elend und Entbehrung, eine Scholle, ein Heim für sich und ihre Lieben. Diese Scholle unfern vielgeprüften, armen, hungernden Glaubensgenossen zu sichern, ist seit Jahren das Ziel Israel Zangwills und der von ihm geleiteten Gemeinde der „Territorialisten", der Anhänger des „Jto". * Das vom amerikani schen Kongreß angenommene Gesetz über die Erschwerung der Naturalisation hat unter den Juden des Ghetto zu Newyork eine wahre Panik hervorgerufen. Laut Bestimmung der neuen Bill wird vom 27. September dieses Jahres ab niemand mehr zur Naturalisation zugelassen, derbes Englischen nicht mächtig ist. Ausgenommen sind diejenigen Personen, welche sich vor dem 29. Juni, dem Tage der Annahme der Bill, bereits zur Naturalisation gemeldet haben. Da die meisten Juden von Newyork infolge der bekannten jüdischen Sorglosigkeit und weil ihnen jeder staatsmännische Sinn abgeht, es bis jetzt verabsäumt haben, sich rechtzeitig das amerikanische Bürgerrecht zu sichern, und da ferner die wenigsten jüdischen Einwanderer die englische Sprache soweit beherrschen.