Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M!MWM»WWMWWWWWWWW«WVW 386 benutzt ihr Munizipalmonopol dazu, die jüdische Majorität auszupauvern. In Warschau dürfen Juden nicht Hauswarte sein, und das, obwohl vielleicht die meisten Häuser Juden gehören. In Polen sind Juden in allen Handwerken reichlich vertreten. Aber sie werden nicht in die Zünfte und Gilden ausgenommen. Kiese fördern und unterstützen ihre Mitglieder auf jede mögliche Weise, während die Juden ohne Organisation den wirtschaftlichen Kampf durchführen müssen. Dadurch nun, daß den Juden gewisse Berufe und Beschäftigungen verboten sind und sie keine Gilden bilden dürfen, kommen sie pekuniär sehr schlechtweg. Wenn der christliche Arbeiter drei Rubel den Tag verdient, erhält der jüdische nur einen halben und kaum so viel. Darf man sich da wundern, daß die jüdischen Arbeiter sich den sozialdemokratischen Verbindungen anschließen? Gesetzt nun, der jüdische Ärbeiter erführe, daß an einem anderen -Orte günstigere Arbeitsbedingungen für ihn vorhanden seien, und er wollte nach diesem anderen Orte, dann legt ihm die Polizei alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg. Hat er diese durch reichlichen Backschich überwunden, dann gilt dies nur für den Moment. Alle Augenblicke ist er der Gefahr ausgesetzt, von der neuen Arbeitsstätte ausgewiesen zu werden. Diese beständige Unsicherheit, diese unzähligen ewigen Hindernisse drücken das jüdische Volk in Rußland außerordentlich und viel mehr als die außerhalb Rußlands bekannten Ausnahmegesetze. Darum würde eine! partielle Judenemanzipation die russische Judenfrage nicht lösen, sondern einzig und allein die vollständige, uneingeschränkte Emanzipation. Entschließt man sich aber zu einer solchen, dann ist das einzige Richtige, diese Emanzipation alsbald zu verkünden. Denn die verschiedenen Pogroms und die sonstigen Bedrückungen der letzten Jahre sind nicht ohne Wirkung auf die Juden geblieben. Man weiß, daß in wenigen Jahren dreiviertel Millionen Juden aus Rußland allein nach den Vereinigten Staaten ausgewandert sind. Andere Länder, vorzugsweise England, haben gleichfalls eine nicht unbeträchtliche Anzahl russischer Juden ausgenommen. Wie die „Köln. Zeitung" vor kurzem berichtete, sind zahlreiche Juden aus Rußland in Jerusalem eingetroffen und haben sich in Palästina niedergelassen. Kurzsichtige Antisemiten werden sagen: desto besser, dann sind um so viel weniger Juden im Lande. Die Herrschaften vergessen nur, daß nicht nur mit den Leuten viel Geld aus dem geldarmen und jetzt ganz besonders geldbedürftigen Rußland auswandert, sondern was noch viel wichtiger ist, daß gerade die tüchtigsten, energischsten und arbeitsfähigsten Juden das Land verlassen, und daß nur die Alten, die Kranken, die Schwachen, die Energielosen, kurz und gut die Arbeitsunfähigen im Lande Zurückbleiben, alles Leute, die am wenigsten geeignet sind, von der Emanzipation den für sie selbst wie für das Land richtigen Gebrauch zu machen. Nur die vollständige Emanzipation kann den Juden, nur die schnelle Emanzipation kann dem russischen Reiche nützen. Die Woche. Berlin, 14. August, as Vorgehen vieler Deutsch-Freisinnigen bei den letzten Nachwahlen wird den ungeteilten Beifall und die volle Anerkennung der Antisemiten finden. Nach der Stichwahl in Rinteln-Hofgeismar hat man ausgerechnet, daß mindestens 500 freisinnige Stimnren auf den antisemitischen Kandidaten gefallen sind. Es ist dies begreiflich, wenn berichtet wird, daß die Parteileitung der freisinnigen Volkspartei vordem Wahltage es für angebracht hielt, öffentlich zu erklären, daß die lokale Parteileitung eigenmächtig die Parole, unter allen Umftänbeu gegen den Antisemiten zu stimmen, ausgegeben habe, entgegen dem ausgesprochenen Willen der Parteileitung, die die Parole ausgegeben habe, jedem Wähler zu überlassen, ob und für welchen Kandidaten er seine Stimme abgeben wolle. So wenigstens berichteten die Tageszeitungen. Aber man sollte doch glauben, daß es auch für die freisinnige Volkspartei nur eine von zwei Parolen in solchem Falle geben sollte, entweder strikte Wahlenthaltung oder das kleinere Nebel; und das größere kann in solchem Falle nur der Antisemit sein, denn der Antisemitismus ist, wie wir täglich sehen, die staatsgefährlichere Partei, da ihre Tendenz in der Praxis zum Anarchismus, zur Respektlosigkeit vor Gesetz und Verfassung führt. Das haben auch die Wähler in Döbeln sehr richtig erkannt und dem Kartell für Herrn Professor Hasse in Leipzig ihre Mitwirkung versagt. Dieser Herr Haffe hat früher schon iin Reichstag die nationalliberale Partei genügend kompromittiert. Der wildeste und unduldsamste Chauvinismus fand in Herrn Hasse seinen Wortführer. Auch sein Antisemitismus ist von dem der Liebermann und Zimmermann höchstens in der Tonart verschieden. Wie man für einen solchen Kandidaten die Unterstützung freisinniger Wähler verlangen oder erwarten kann, ist unverständlich. Zumal in einem Wahlkreis, der früher durch freisinnige Männer vertreten war. Es wäre aber dringend zu wünschen, daß die Parteileitung für derartige Wahlen eine bestimmte Parole ausgebe, sonst werden sich immer mehr einzelne Wahlkreise von ihr unabhängig machen. * In der Dreyfus-Angelegenheit werden noch immer einige Nachträge und Nachwirkungen bekannt. Dreyfus war von seinen Gegnern, vor allem von General Mercier im Senat, vorgeworfen worden, nach seiner Verurteilung in Rennes ein Gnadengesuch eingereicht zu haben. Wer die Vorgänge vom Jahre 1899 noch in Erinnerung hat. dem war klar, daß das eine haltlose Behauptung sei. Unr ihr den Boden ganz zu entziehen, wird jetzt ein Auszug aus der Aussage veröffentlicht, die General Galliffet vor dem Kassationshof gemacht hat. Der General war damals Kriegsminister. Er erklärte, die Anregung zur Begnadigung sei lediglich von ihm und dem Ministerpräsidenten Waldeck-Rouffeau ausgegangen, der ihm bei der Abfassung des Gnadengesuchs behülflich gewesen sei: Dreyfus habe in keiner Weise um Begnadigung gebeten. Es ist überhaupt unglaublich, was bei dieser Gelegenheit in antiseinitischen Blättern wieder zusammengelogen wird. Aber nur eine dieser Lügen wollen wir hier festnageln. Es ging durch alle diese Blätter vor kurzem die Mitteilung, Matthieu Dreyfus hätte vor Gericht eingestanden, daß die Agitation für seinen Bruder mit dem von dem sel. Zadoc Kahn gesammelten Gelde eingeleitet worden sei. Das ist eine infame Lüge! Und jeder, der sie weiterverbreitet, schündet das Andenken eines der besten und edelsten Menschen, die je über diese Erde gegangen, des unvergeßlichen französischen Großrabbiners, dessen Namen diese Lügenbande nicht wert ist, in den Mund zu nehmen. ' * Trotz des Ende März vom Minister des Innern, Mister- Herbert Gladstone, im englische» Unterhause gegebenen feierlichen Versprechens, den Einwanderungsämtern etwas schärfer