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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 33. Berlin, 17. August 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) b.zogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philij-psoii. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Sir Lage in Kuhland. Berlin, 14. August, achdem infolge der Auflösung der Duma die russische Krise trotz der augenblicklich herrschenden verhältnismäßigen Ruhe in ein weit ernsteres Stadiunr als je zuvor gerückt ist, könnte die Judenfrage in Rußland für die von außerordentlichen politischen und ökonomischen Gefahren bedrohte Welt als von durchaus untergeordneter Bedeutung erscheinen. Aber abgesehen davon, daß wir uns nur für die jüdische Seite des so verwickelten russischen Problems zu interessieren haben, ist dies auch keineswegs der Fall, wie schon daraus hervorgeht, daß wie die Duma vor, so der neue Premierminister Stolypin nach ihrer Auflösung sich mit der Judenfrage beschäftigen zu sollen glaubt. Hatte die Duma schon die Gleichstellung der Juden auf ihr Programm gesetzt, so verlangten jetzt auch die gemäßigten Politiker, mit denen Stolypin wegen Eintritts in sein Kabinett verhandelte, die Gleichstellung der Juden. Ja, Stolypin selbst hat noch vor diesen bereits abgebrochenen Verhandlungen den Juden »lehr oder weniger weitgehende Erleichterungen bieten wollen, in der Hoffnung, sie so der revolutionären Bewegung entfremden zu können. Dies beweist doch wahrlich, daß von allen Seiten die Erleichterung bezw. die Aufhebung des den Juden auferlegten Joches für notwendig gehalten wird. Wenn es nun auch der hellste Unsinn ist, ernstlich zu behaupten, die Juden seien an der ganzen revolutionären Bewegung in Rußland schuld, so ist doch nicht zu leugnen, daß sie in der Tat ein verhältnismäßig großes Kontingent zu den Förderern der Bewegung stellen. Das wird jeder billig denkende Mensch begreiflich finden und sich höchstens wundern, daß es trotz ihrer schrecklichen Lage in Rußland noch so sehr viele Juden gibt, die nicht der revolutionären Fahne folgen. Wenn aber die russischen Staatsmänner wirklich — was wir bezweifeln — der Ansicht sein sollten, daß die Juden die Hauptleiter, Hauptförderer und Hauptteilnehiner der Revolution seien, dann würde ja schon die einfache Taktik gebieterisch verlangen, um die Revolution los zu werden, die Juden zu befriedigen, da dieses ja auch das billigste Pacifikatiousmittel wäre. Denn die Juden als Juden verlangen keinerlei weitere Konzessionen, sondern nur das, was die übrigen Untertanen des Zaren schon längst besitzen. Aber, wie gesagt, wir glauben nicht einen Augenblick, daß der Zar und Herr Stolypin sich Ruhe erkaufen könnten dnrch Befriedigung nur der Juden. Andererseits werden sie Rußland nicht eher zu einem zivilisierten Staate machen, als bis sie auch den Juden Gerechtigkeit zuteil werden laffen. Es ist ein großer Irrtum, anzunehinen, vaß mit dein Zusammenpferchen der Juden in einem bestimmt abgegrenzten Gebiet, mit dem Verbot, außerhalb dieses Gebiets sich auf- ' zuhalten, mit der beschränkten Zulassung zu den höheren Schulen und Universitäten sowie dem Ausschluß von den Staatsäintern, alle Ausnahmegesetze gegen die Juden, alle ihre Leiden aufgezühlt sind. Es sind dies allerdings die grundsätzlich wichtigsten, aber lange nicht die quälendsten Bedrückungen. Da nur verschwindend wenige Juden daran denken können, Universitäten oder nur höhere Schulen zu besuchen oder zu Staatsäintern zugelassen zu werden, so könnten die diesbezüglichen Bestimmungen die große Masse der Jude»! ziemlich kalt lassen. Die wohlhabenden Juden dagegen sind in der Lage, sich mehr oder weniger zu trösten und zu sichern. Wegen dieser Benachteiligungen und Zurücksetzungen wären wohl nur wenige Juden in das revolutionäre Lager gegangen. Es sind eben wie überall die kleinen Leiden, die das Leben großer Volksmasien unerträglich machen, und erst unter dein unerträglichen Druck dieser erhebt sich die Masse. Die großen Ausnahmegesetze haben in Rußland wie überall die Wirkung, daß die unter ihnen Stehenden als inferiore Wesen und Bürger zweiter Klasse angesehen und behandelt werden. Die Beamten sehen in ihnen Ausbeutungsobjekte, und da in Rußland : die Beutegier und das Beutebedürfnis in der Beamtenwelt außerordentlich groß sind, so haben die Juden als Bürger zweiter Ordnung gerade in Rußland so viel zu leiden. Es kommt hinzu, daß bei der im Lande herrschenden Unbildung auch das Volk in den Juden Ausbeutungsobjekte sieht, gegen die gelegentlich Pogroms veranstaltet werden können. So sind die Juden in Rußland stets der Gefahr ausgesetzt, in gewissen Zwischenräumen en masse ausgeplündert und niedergemetzelt und täglich von hohen wie niedrigen Bcainten mehr als alle anderen geschröpft und ausgesogeu oder auf Grund irgendeines der vielen Ausnahmegesetze ganz und gar ruiniert zu werden. Unter solchen Umständen würde es wenig helfen, wenn die oben erwähnten Ausnahmegesetze allein aufgehoben würden. Denn selbst wenn alle russischen Beamten gerecht wie Aristides wären und die Volksbildung die Höhe der in den ersten Kulturstaaten plötzlich erlangte, würden die jüdischen Massen nach wie vor nicht ausatmen können. Sehen wir uns einmal einige der kleineren legislatorischen Quälgeister an. In Pinsk beispielsweise sind über neunzig Prozent der Bevölkerung Juden, darunter viele intelligente, wohlhabende und achtungswerte Leute. Die übrigen etwa zehn Prozentsind Christen, meist Viehhändler, eine recht böse Sorte, gelinde gesagt. Die Juden dürfen an der städtischen Verwaltung nicht teilnehnien, und die christliche geringe Minorität

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