Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Mischen Kinderheim" besteht aus den Herren Herm. Cramer, Louis Feist, Jul. Goldschmidt, Dir. Carl Herzberg. Frankfurt a. M., Rechtsanwalt Dr. H. Gottschalk, Leipzig, Aron Hirsch, Berlin, Moritz Joseph, Halberstadt, L. Mainz, Frankfurt a. M.. Justizrat Memelsdorff, Limburg, Leop. Rosenthal, Diez, Prof. Dr. A. Salzbach, Frankfurt a. M. — Ems, im Juli. Die „Emser Heiles uelle" (Majne hajeschuoh), Unterstützungsverein für arme jüdische Kurbedürftige, versendet ihren 18. Bericht für das Jahr 1905. Der seit 1888 existierende Verein ist an einem bedeutsamen Wendepunkt seiner Entwicklung augelangt. In einer Generalversammlung vom 28. August 1905 wurde der Verein unter dem Namen „Sanatorium Emser Heilquelle" neu begründet und zu lebenslänglichen Vorstandsmitgliedern die Herren Tr. Aronsohn, Dr. Nehab, Dr. ^Samter, Dr. Laqueur, Rabbiner Tr. Weingarten, Dr. Falk, H. Löwenstein, I. Thalheimer, sämtlich zu Ems, und I. A. Ettlinger-Halpern, Frankfurt a. M., gewühlt. Es bestand nunmehr dieunbedingte Notwendigkeit zur Begründung eines eigenen Heims. Die Ausführung dieses Plans wurde dadurch erleichtert, daß zu den bisherigen Ersparnissen von ca. 8000 Mark zwei Wohltäter, Herr M. Pollak aus Newyork und Herr Siegmnnd Hirschler aus Berlin, der eine 5000 Mark, der andere 1000 Mark dem Verein zum Ankauf eines Hauses stifteten. Das Ziel, an dessen Verwirklichung der Vorstand so lange gearbeitet hatte, ist erreicht, der Verein „Sanatorium Emser Heilquelle" besitzt nun ein Gebäude. Das Sanatorium liegt an der Braubacherstraße in gesundester Lage, am Abhange eines bewaldeten Berges unweit vom Kurhause und vom Bahnhofe. In 14 Zimmern erhalten unbemittelte jüdische Frauen und Männer, von wo immer sie nach Ems kommen, eine hehagliche Unterkunft, kurgemäße und rituelle Verpflegung. Leider fehlen aber, um das Haus völlig schuldenfrei zu machen und die innere Einrichtung zu vollenden, genügende Geldmittel. Der Vorstand hat eine Hypothek von 10 000 Mark ausgenommen. Das kleine Betriebskapital wird durch die Neuanschaffungen bald aufgezehrt sein. Auch die Zahl der Mitglieder des Vereins ist noch recht gering. Daher wendet sich der Vorstand an alle edlen Menschenfreunde um gütige Zuwendung von Spenden, um Eintritt als Mitglieder in den Verein und Zusendung von Gebrauchsgegenständen für das Haus- Die Einnahmen betragen 16 167,10 Mark, die Ausgaben 8649,95 Markder Kassenbestand 7517,15 Mark. # Darmstadt, 25. Juli. Die „Südwestdeutsche Korrespondenz" hat vor einiger Zeit auf das langsame Wachstum der jüdischen Bevölkerung in Preußen und Bayern aufmerksam gemacht und besonders auf den gewaltigen Geburtenrückgang bei den Juden hingewiesen. Auch für das Großherzogtum Hessen liegen nunmehr über die Bevölkerungsverhaltnisse der Juden Untersuchungen vor, denen wir u. a. folgendes entnehmen: Im Jahre 1822 gab es in Hessen 20 000 Juden. Deren Zahl war bis zum Jahr 1849 auf 28 000 gestiegen. Dann trat aber ein Rückgang ein, so daß die Volkszählung im Jahre 1871 nur noch 25373 und im Jahr I960 gar nur 24 486 Juden ergab. (Die Ergebnisse der 1905 er Zählung liegen noch nicht vor.) Dieser Rückgang der jüdischen Bevölkerung ist hauptsächlich auf drei Ursachen zurückzuführen: 1. auf Abwanderung. 2. auf eine stete Verminderung der Geburtenzahl und 3. auf die Vermehrung der jüdischen Mischehen, lieber die Größe der Abwanderung liegen leider keine Zahlen vor. Was die Geburten anlangt, so wurden in den 1860er und 1870er Jahren in rein jüdischen Ehen durchschnittlich jährlich 800 Kinder geboren, deren Zahl jedoch vom Jahre 1880 an fortgesetzt gesunken ist, so daß im Zeitraum 1901/04 jährlich nur noch 439 gezählt wurden. Es ist dies um so bemerkenswerter, als in den letzten 40 Jahren die Zahl der rein jüdischen Eheschließungen keineswegs zurückgegangen ist, sondern fast unverändert durchschnittlich jährlich 160 bis 170 betragen hat. Der auffallende Geburtenrückgang bei den Juden kann nur auf eine bewußte Beschränkung der Kinderzahl in der Ehe zurückgeführt werden. Wue gleichmäßig übrigens diese Erscheinung in den verschiedensten Teilen Deutschlands eingetreten ist, möge folgenden Zahlen entnommen werden. Auf 1000 Einwohner kamen im Jahrfünft 1876/80 durchschnittlich jährlich Geburten: in Preußen 32,4. in Bayern 33,3 und in Hessen 31,6; dagegen im Jahrfünft 1896/1900: in Preußen 21,4. in Bayern 19.0 und in Hessen 19,8. Bemerkt sei noch, daß die Geburtenziffer der Christen auch etwas zurückgegangen ist, in Hessen z. B, von 37,6 in 1876,80 auf 34,0 in 1896/1900. — Eine fortwährende Abbröckelung erleidet die jüdische Bevölkerung infolge der stetig zunehmenden Anzahl der jüdischen Mischehen, da insbesondere die Kinder dieser Mischehen zum größten Teil der christlichen Religion zugeführt werden. Vor dem Jahre 1876 (dem Jahr der Einsetzung der Zivilstandesämter) wurden nur ausnahmsweise jüdische Mischehen geschlossen, im Jahrfünft 1876/80 betrug deren Zahl schon 8 durchschnittlich im Jahr, und im Zeitraum 1901/04 ist sie auf 13 gestiegen. — Wie groß die Zahl der Austritte aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ist, ferner wieviel Juden zur christlichen Religion übertreten, ist nicht bekannt; diese Zahlen scheinen jedoch nicht unbedeutend zu sein. ~ i. Gießen, 31. Juli. Dem Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Vereins zur Beförderung des Handwerks unter den Jsraeliten in Oberhessen und den benachbarten Gebieten für das Jahr 1905 entnehmen wir folgende Einzelheiten: Es liegt im Wesen des Vereins, daß seine Wirksamkeit sich in der Stille vollzieht, aber trotz der geringen verfügbaren Mittel sind seit Bestehen des Vereins mit seiner Hilfe 57 Handwerker ausgebildet worden. Der Verein ist bestrebt, arbeitssreudige und arbeitswillige junge Leute dem Handwerk zuzuführen und ihnen durch gründliche Fachkenntnis die Leitung eines größeren Betriebes zu ermöglichen. Hat doch der Handwerker den großen Vorteil, mit geringem Betriebskapital sich selbständig zu machen. Im Jahre 1905 betrug die Mitgliederzahl 129, an Beiträgen und Zinsen gingen ein 671,35 Mark. Verausgabt wurden für Unterhalt der Lehrlinge 698,78 Mark, so daß aus dem Kapitalvermögen 27,43 Mark entnommen werden mußten. Das Vereinsvermögen beträgt zurzeit 3487,24 Mark. Unterstützt werden seitens des Vereins zurzeit acht Lehrlinge. a. Nürnberg, 2. August. Vor etwa sieben Jahren wurde in diesen Blättern das Ableben des Feldzugs-Landwehroberleutnants Nathan Bergmann von hier mitgeteilt, sowie das tapfere Verhalten vor dem Feinde und die ehrenvolle Beerdigung desselben rühmlichst erwähnt. Laut Militärdienstnachrichten ist nun der Sohn des Verstorbenen, der Kaufmann Rudolf Bergmann^ zum Leutnant der Reserve im hiesigen 14. Infanterieregiment, in welchem er als Einjahrig-Freiwilliger diente, befördert worden. Ferner wurde Eduard Bloch in München zum Hauptmann, Alfred Hei mann und Jacob Binswanger zu Oberleutnants in der Reserve befördert. * Gesterretch-Nngarn. A Wien. Von einem großen Brandunglück ist die Judenstadt in Bosko witz in Mähren heimgesucht worden. Durch Unvorsichtigkeit einer dienenden Person entzündeten sich Venzindämpfe im Keller des Händlers Nathan Ultmann, das Feuer griff rasch um sich und zerstörte zahlreiche Gebäude; das Traurigste jedoch ist. daß durch die Explosion mehrere Personen, zumeist in der Nähe wohnende Israeliten, die dem verheerenden Elemente tapfer zu wehren suchten, schwere Verletzungen erlitten. — Vor einigen Tagen sind in Lemberg die beklagenswerten Waisen aus Bialhstock angekommen, im ganzen 120 elternlose Kinder, nachmittags kamen 33 Waisen aus Bialystok, 22 sind ganz elternlos, 11 haben die Mutter verloren. Mit dem Abendzuge langten weitere 65 Kinder hier an, 35 Knaben und 30 Mädchen, deren Eltern Opfer der Pogroms in Kiew, Odessa, Kischinew, Jekaterinoslaw geworden sind. Der Repräsentant des Jüdischen Hilfsvereins. Doktor Kahn, nahm sich der Kinder auf das Liebevollste an. Sie wurden teils in den vom Platzkommando bereitgestellten Räumen untergebrcvcht, wo neunundneunzig Militärbetten ausgestellt wurden, teils in der von der hiesigen Kultusgemeinde unterhaltenen Schule. Dr. Kahn teilte mit, daß eine dieser Tage stattgefundene gemeinsame Konferenz einer Reihe von jüdischen Wohltätigkeitsvereinen den Beschluß gefaßt habe, sich der Opfer der Pogroms anzunehmen und bereits jetzt für deren Unterhalt und Zukunft Sorge zu tragen. Die Kinder stehen meist im Alter von 4 bis 45 Jahren, doch befinden sich auch viele darunter von l1/^ Jahren. Die Kinder werden teils nach Amerika, teils nach London, nach der Schweiz und nach Schweden gebracht werden.