Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Das Hilfskomitee hat eine eigene Delegation nach den von den Pogromen heimgesuchten Gegenden gesendet. Außer den 99 Kindern, deren sich das Hilfskomitee momentan annahm, gab es noch viele Hunderte von Waisen nach den bei den jüngsten Pogromen getöteten Juden, doch erklärten Verwandte dieser Kinder, sich ihrer annehmen .zu können. Für den Fall, als dies jedoch nicht möglich sein sollte, wird das Hilfskomitee auch für die Zukunft dieser Kinder Sorge tragen. Zahlreiche Lemberger Familien haben an das Hilfskomitee Zuschriften gerichtet, in welchen sie sich bereit erklären, Waisen an Kindesstatt anzunehmen. Einen besonders bemitleidenswerten Anblick boten die sechs kleinen Kinder des ermordeten Bialystoker Lehrers Ajnstein. Die Kinder baten weinend, man möge sie nicht voneinander trennen und stets in derselben Stadt lassen. Das Komitee des jüdischen Hilfsvereins "Leopolitas" erwartete die Kinder im Bahnhofe und sorgte für deren augenblickliche Verpflegung. Sonntag früh wird der größte Teil der Waisen in Begleitung von Mitgliedern des Hilfskomitees nach Hamburg und von dort nach Amerika gebracht werden. Bon der jüdischen Bevölkerung Lembergs wurden reichliche Spenden an Kleidern, Lebensmitteln und Geld dem Hilfskomitee zur Verfügung gestellt. Auch aus London und Amerika sind Geldspenden eingetroffen. — Die Präsidenten der hiesigen Kultusgemeinde und der „Israelitischen Allianz", die Herren David Ritter von Gutmann und Dr. Alfred Stern, haben an den Minister des Aeußeren, Grafen Goluchowski. eine Eingabe gerichtet, in welcher angesichts der erschütternden Nachrichten über die Judenmassakers in Rußland die Bitte ausgesprochen wird, daß die österreichische Regierung im Verein mit anderen Mächten bei der russischen Negierung intervenieren möge, damit den Greueltaten gegen die Juden ein Ende gemacht werde. Welchen Zweck diese Eingabe hat, vermögen wir nicht recht einzusehen. Es geschieht jetzt überhaupt in jüdischen Kreisen viel zu viel, was von vornherein als völlig aussichtslos und darum auch als zwecklos erscheinen muß. Von Oah und jfkrn. Bei der Preisverteilung am Stiftungstage der Berliner Universität erhielten der sind. med. Georg Rosenow aus Berlin eine lobende Anerkennung, der cand. med. Ludwig Lewisohn- Berlin den städtischen Preis der medizinischen Fakultät. — Im Alter von 68 Jahren ist am 3. d. M. die wegen ihrer Humanitären Bestrebungen in weiteren Kreisen geschätzte Frau Geh. Kommerzienrat Jda Simon geb. Lehweß gestorben. Die Heimgegangene hat erst vor kurzem zum Andenken an ihren Galten, den Geh. Kommerzienrat Louis Simon, einen Lehrstuhl für Religionsphilosophie und Geschichte an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums begründet. Ehre ihrem Andenken! — Der Bunzlauer Magistrat hatte bekanntlich beschlossen, das Schächten auf dem städtischen ^Schlachthofe zu untersagen und der Stadtverordnetenversammlung eine entsprechende Vorlage zugehen lassen. Inzwischen ist aber^die jüdische Gemeinde sowohl mündlich als schriftlich beim Magistrat vorstellig7geworden, die betreffende Vorlage zurückzuziehen und das Schächten wie bisher zu gestatten. Um in der Angelegenheit Zeit zur weiteren Prüfung zu erlangen, hat der Magistrat die Vorlage vorläufig zurückgezogen. — In dem^ oldenburgischen Orte Vechta feierte der Metzgergeselle Meyer Jakob sohn sein 75» jähriges Arbeitsjubiläum. Er ist 98 Jahre alt und noch immer bei Meister Heinemann in Arbeit. Der Großherzog von Oldenburg verlieh ihm, wie die"„Dtsch. Fl.-Ztg." meldet, die7Medaille für Treue in der Arbeit. — Der Großh. Oberrat der Israeliten gibt in der soeben ausgegebenen, mit "i Festrand versehenen Nummer seines Verordnungsblattes bekannt, daß der 80. Geburtstag des Großherzogs und das goldene Ehejubiläum des Großherzogspaares in sämtlichen Synagogen Badens durch einen am 9. September (wo die örtlichen Verhältnisse es erfordern, am 8. September) abzuhaltenden Festgottesdienst gefeiert werden sollen. — Die neueste aus Rußland gemeldete Schreckenstat ist die Ermordung des liberalen Dumaabgeordneten Prof. Herzenstein aus Moskau, der in einem liberalen Kabinett sicher Ackerbauminister geworden wäre. Er soll ettt Opfer der „Schwarzen Hundert" sein. Herzenstein hat die Agrarfrage iw bewunderungswürdiger Weise behandelt und die gerechtere Verteilung von Grund und Boden befürwortet. Er war geborener Jude, einer der vielen modernen Marannen Rußlands. — Wie der „Rjetsch" berichtet, erklärten die Soldaten des Seebataillons und des 20. Infanterieregiments in der Krim, sie würden jeden unbarmherzig niedermetzeln, der sich an Judenhetzen beteilige. Auch das Regiment Lublin erklärte, es werde die Kosaken niederschießen, wenn sie einen Pogrom veranstalten wollten. 400 Matrosen und Arbeiter haben sich den Hooligans angeschlossen. — Die „Rjetsch" meldet aus Wladikawkas: Die amtliche Zeitung „Terskija Oblastnija Wjedomosti" fordert die Kosaken auf, sich die judenfreundlichen revolutionären Abgeordneten vom Halse zu schaffen. Man macht sich in der Stadt auf eine Judenhetze gefaßt. — Der junge Komponist Elvino Le nd vai, der vor Jahresfrist aus dem israelitischen Landesfond ein Stipendium von 2000 Kronen erhielt, damit er seine Studien in Italien fortsetze, ist vor kurzem nach Budapest heimgekehrt und arbeitet gegenwärtig an einer Jnstrumentationslehre, dem ersten derartigen ungarischen Werke. Seitens des Staates wurde dem Künstler eine Unterstützung von 1000 Kronen angewiesen. Lendvai hat in Italien eine Orchesterkomposition vollendet, über die sich kein Geringerer als Giacomo Puccini in sehr schmeichelhafter Weise äußerte. Ferner hat er — wie er uns mitteilt — eine Oper unter der Feder, die ihren Stoff aus dem Hamerlingschen Epos „Ahasver in Rom" holt. — Nach den amtlichen Darstellungen über die Ergebnisse der Volkszählung vom Jahre 1905 hat Ofen-Pest 791 748 Einwohner, wovon 475 836 Katholiken, 73 847 Catvinisten, 40 314 Evangelische und 186 047 Juden sind. — Nach dem statistischen Jahrbuch der Schweiz wohnten nach der letzten Volkszählung in der Schweiz im ganzen 12 264 Israeliten. Am meisten bevölkert von ihnen ist der Kanton Zürich mit 2933 Seelen, dann folgen Basel Stadt (1897), Kanton Bern (1545), Waadt (1076), Neuchatel (1020), Aargau (990), St. Gallen (556). Im Kanton Uri ist eine jüdische Seele gemeldet, während in Schwyz 9, Glarus 3, Tessin 18 Israeliten wohnen Gar keine Israeliten wohnen in Unterwalden und Appenzell. — Ein Komitee hat beschlossen, Bernard Lazare, der die erste Anregung zur Revision des Dreyfus - P rozesses gegeben hat, auf seinem Grabe und in seiner Vaterstadt Nim es Denkmäler zu errichten. — Im Jahre 1903 wurden in Amsterdam neben 318 rein jüdischen Ehen 64 jüdisch-christliche Ehen und im Jahre 1904 neben 356 rein jüdischen Ehen 43 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. — In einer Audienz beim König von Schweden überreichte ein deutscher Schriftsteller den offenen Brief an die Staatsoberhäupter gegen die Judenmetzeleien in Rußland des Rabbiners Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz. Der König bedauerte die Pogrome, erklärte aber, er könne nichts, dagegen tun. Schweden müsse aus seinem exponierten Posten gegenüber Rußland sehr vorsichtig sein. Er müsse alles seiner Regierung überlassen, der er diesen offenen Brief vorlegen wolle. — In London ist am 4. d. M. die Konferenz der jüdischen Territorialorganisation zusammengetreten. Sie war beschickt von Vertretern aus England, Deutschland, Frankreich, Rußland, Amerika, Belgien und der Schweiz. Aus vielen Städten Rußlands sind Gesuche von Auswanderungslustigen eingegangen, höchst wertvolle Landangebote und Projekte sind aus verschiedenen Erdteilen angeboten. Auf Antrag des Dr. Klee (Berlin) und Dr. Mandelsta m m (Kiew) wurde beschlossen, die definitive Auswahl unter den angebotenen Ländereien einer Spezialkommissiou zu überweisen. Der englische Philanthrop Fels schenkte eine halbe Million Mark zum Erwerb von Land, das im Gemeinbesitz bleiben solle. Lord Rothschild ließ der Konferenz seine wärmste Sympathie aussprechen. — In Newyork sind jetzt Erhebungen veranstaltet worden, um festzustellen, was die Seetenrettung, d. h. die Bekehrung, kostet. Am kostspieligsten stellt sich die Bekehrung eines Juden zum Christentum; sie kostet durchschnittlich 5000 Dollars und ist nicht nur äußerst selten, sondern, wenn sie vorkommt, wie der Bericht bemerkt, gewöhnlich „nicht dauerhaft".