Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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der Vorwurf des Vertrauensbruches, der Verleumdung und der Perfidie auf Grund des angeblichen Verhaltens dieser Partei bei der Wahl erhoben wird, beantragt werden soll. e. Hamburg, 1. August. Ein eigenartiger Transport russischer Auswanderer, nämlich 108 jüdische Waisenkinder, deren Eltern bei den Metzeleien in Rußland ermordet worden sind, hat vor einigen Tagen die russische Grenze überschritten, um durch die Fürsorge der jüdischen Komitees Unterkunft in Oesterreich, Deutschland, England und Amerika Zu finden. Ein Teil dieser Waisenkinder ist in Wien, ein anderer Teil in Berlin bereits untergebrncht worden. Die übrigen Kinder, 71 an der Zahl, Knaben und Mädchen im Alter von elf Monaten bis achtzehn Jahren, sind nach viertägiger Reise am Dienstag in den Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie auf der Veddel angekommen, wo sie die liebevollste Aufnahme fanden. Die Führer' des Transportes, Herr Kahan und dessen Frau, sorgten während der langen Fahrt für das Wohlergehen der Kinder. Alle Kinder haben die Strapazen gut überstanden. Das jüdische Komitee hat strenge Anweisung gegeben, daß Geschwister nicht getrennt werden dürfen. Das ist natürlich vielfach mit großen Schwierigkeiten verbunden, da verschiedentlich vier und fünf und sechs Waisen einer Familie vorhanden sind. Von den 108 Kindern stammen 24 aus Jekaterinoslaw, 16 aus Odessa, 16 aus Kiew, 5 aus Kischinew, 34 aus Bialystok, 3 aus Kallarash und 10 aus Sinjonowska. Sie werden durch das Komitee in Familien in Straßburg, München, Frankfurt n. M. und anderen deutschen Städten sowie in London und Newyork untergebracht werden. Köln, 1. August. Am 22. v. M. fand die Jahresversammlung des Rheinischen Rabbinerverbandes im Sitzungszimmer der Gemeinde statt. Es hatten sich eingefunden die Rabbiner Dr. Baron- Birkeuseld, Dr.David-Bochum,Tr. Frank Köln, Dr. Grabowski-Barmen, Dr. Hochfeld-Düsseldorf, Dr. Levi-Krefeld, Tr. Neumark-Duisburg, Dr. Rosenthal-Köln, Dr. Samuel-Essen, Tr. Tawrogi-Kreuznach; neu eingeführt wurde Dr. Jacob-Dortmund. Mit den entschuldigt fehlenden Herren Dr. Auerbach-Elberfeld, Dr. Baßsreund-Trier, Dr. Jaulus- Aachen und Dr. Kalischer-Bonn vertritt die Konferenz sonnt 14, meist rheinische Rabbinate. Nach einigen begrüßenden Worten erstattet der zeitige Vorsitzende, Nosenthal-Köln, den Jahresbericht. Die Haupttätigkeit des geschästsführenden Vorstandes lag in der Teilnahme an den Verhandlungen des Zentralausschusses des Rabbinerverbandes in Deutschland, am 28. August vorigen und am 7. Mai d. I., über-welche die Zeitungen das Wesentliche veröffentlicht haben. Als Vertreter des rheinischen Zweigverbandes befand sich der Vorsitzende nicht immer in Uebereinstimmung mit der Majorität. So ist er für Schaffung eines Militärgebetbuchs eingetreten und hat an den Entwürfen mitgearbeitet. Zu seinem Bedauern hat man den Gegenstand fallen lassen. Auch in der Organisationsfrage nahm Redner einen abweichenden Standpunkt ein. Dagegen herrscht volle Einmütigkeit in der Schächtfrage, die angesichts der erneuten Bestrebungen der Gegner volle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Da der Schauplatz der Agitation gerade Köln ist, schlägt Tr. Rosenthal vor, den Gegenstand als dringlich noch in der gegenwärtigen Tagung zur Erörterung zu bringen. Auf der Generalversammlung des Verbandes rheinischer Synagogengemeinden am 7. Januar erstattete Redner das Referat über das preußische Schulgesetz. Die Anstrengungen, die die maßgebenden Faktoren auch im Rheinland gemacht, um Verbesserungen zugunsten der jüdischen Religionsgemeinschaft herbeizusühren, sind nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Von Bedeutung ist z. B. die Bestimmung der dritten Lesung, daß der Rabbiner auch dort Mitglied des Schulvorstands sein soll, wo keine jüdische Volksschule besteht, jüdische Kinder aber in entsprechender Zahl die anderen Volksschulen besuchen. Der Vorsitzende nahm sodann am 50 jährigen Jubiläum des Vereins israelitischer Elementarlehrer Westfalens und der Rheinprovinz am 5. Juni in Essen teil und bringt schließlich ein Dankschreiben des Herrn Prof. Dr. Maybaum für die Beglückwünschung zum 25 jährigen Amtsjubiläum zur Verlesung. Als erster dringender Gegenstand wird die Schächtfrage beraten. Dr. Frank-Köln erstattet den Bericht über die Lage, ausgehend von dem Artikel der „Köln. Ztg." vom 2. Juni und im Hinblick auf die vom 1. bis 4. Oktober in Nürnberg stattfindende Tagung der Tierschutzvereine Deutschlands. Er legt u. a. einen Brief des Oberrabbiners Dr. Güldemann-Wien vor, der die Vornahme der Betäubung nach erfolgter Schechita im dortigen Schlachthof niederlegt, und weist auf sonstige Jrrtümer und Entstellungen der Gegner hin. Dr. Frank wünscht, das sämtliche Rabbiner des Bezirks durch Aufklärung der maßgebenden Persönlichkeiten und andere geeignet erscheinende Mittel zur Abwendung der Gefahr beitragen. Nach eingehender Erörterung beschließt die Versammlung dementsprechend. Nach der Mittagspause erfolgte die Neubildung des Vorstands. Der Vorsitz geht turnusmäßig auf Dr. Grabowski-Barmen, die Stellvertretung auf Dr. Nosenthal über; zum Schriftführer wird Dr. Samuel-Essen wiedergewählt. Zur Organisationsfrage nahm alsdann Dr. Nosenthal-Köln das Wort. Unter Zugrundelegung des von Hosrat Prof. Dr. Rosin allsgearbeiteten Entwurfs einer neuen Verfassung der jüdischen Gemeinden in Preußen beleuchtet der Referent die Stellung, die dem Rabbiner darin zugewiesen ist. uild zwar im verstärkten Synagogenrat, im Provinzialrat und in der Landessynode. Er bemängelt, daß der Rabbiner sich auch bei der^ Erörterung rein religiöser Fragen immer in der Minderheit gegenüber dem Laienelement befindet, und hält eine prinzipielle Aenderung an diesem Punkte für geboten. Um dem rein religiösen Element mehr Selbständigkeit zu wahren, muß es auch eine absolut bestimmende religiöse Behörde geben, die in Berufungsfällen zu entscheiden hätte. Die Versammlung sieht von einer Einzelberatullg des Entwurfs und des Rosenthalschen Referats ab, wünscht aber ihren abweichenden Standpunkt gegenüber der Resolution des Zentralausschusses des Rabhinerverbandes in Deutschland (vergl. Allgem. Ztg. des Judentums, Nr. 28 d. I., S. 329) zum Ausdruck zu bringen. Demgemäß soll zu Händen des Professors Maybaum mitgeteilt werden, daß die Rheinische Nabbinerkonferenz Zweifel dagegen erhebt, daß der erste Teil der betr. Resolution (hinsichtlich der Konsistorial- oder Synodalverfassung) der Meinung der Mehrheit der preußischen Rabbiner entspreche, und darum ersuche, den Gegenstand der Generalversammlung der Rabbiner Deutschlands zur nochmaligen Beschlußfassung zu unterbreiten. An dritter Stelle hielt Dr. Jacob- Dortmund einen Vortrag über „Einheitlichkeit, Zusammenhang und Sinn des Berichtes von der Stiftsbütte im Pentateuch". Dr. Jacob legte seinen Ausführungen die betr. Partie seines Buches „Der Pentateuch, exegetisch-kritische Forschungen, Leipzig 1905" zugrunde und gelangte zu vielen überraschenden Aufklärungen und Schlußfolgerungen. Der Vorsitzende dankte Dr. Jacob für seinen gelehrten und geistreichen Vortrag und fügte yiuzu, wenngleich in Einzelheiten abweichende Meinungen vorhanden sein dürften, die Tendenz finde allseitigen Beifall. Mit einem Hinweis auf den allgemeinen Rabbinertag in Berlin, der für Dezember d. I. geplant ist, schloß Dr. Grabowski die Verhandlungen. --- Frankfurt <*♦ M., 2. August. Der Jahresbericht des Deutsch-Israelitischen Kinderheims zu Diez a. d. L. für das Jahr 1905 gibt zunächst der Freude Ausdruck, daß die Arbeit des verflossenen Jahres wiederum eine recht gesegnete war. Mit 43 Zöglingen trat das Heim in das Jahr 1905 ein, von denen 3 Knaben zu den Herbstferien entlassen wurden, welche sich dem kaufmännischen Berufe widmen. Von den 40 Zöglingen, die während des ganzen Schuljahres die Erziehung in der Anstalt genossen, gehören 20 Preußen an. und zwar 5 der Rheinprovinz, 3 Brandenburg, 3 Hessen-Nassau, 3 Sachsen, 2 Westpreußen, 2 Schleswig-Holstein, 1 Posen und 1 Hannover. Aus den übrigen Ländern des Deutschen Reiches sind 6 aus Königreich Sachsen, 5 aus Bayern, 3 aus Großherzogtum Hessen, 2 aus Elsaß-Lothringen, je 1 aus Sachsen-Meiningen, Hamburg. Bremen, Lübeck. Zu Ostern dieses Jahres verließen 7 Zöglinge die Anstalt, von denen 1 zu einem Bäcker, 1 zu einem Buchdrucker und die übrigen 5 in kaufmännische Geschäfte in die Lehre kamen. Der Rechnungsabschluß ist ein günstiger. Die Einnahmen betragen 41 363,54 Mark, die Ausgaben 36 241,37 Mark. Am 9. Januar verschied Herr Max Apelt s. A. der in Halle lange tätig für unfern Verein war und der nach dem Tode seines Vaters Herrn H. D. Apelt ls. A.), welcher seit der Gründung der Anstalt der Verwaltung angehört und für sie eine rege Tätigkeit entfaltet hatte, in die Verwaltung eintrat. Rechtsanwalt Dr. H. Gottschalk-Leipzig, Mitglied der Verwaltung, gab der Trauer um den Verblichenen an dessen Bahre gebührenden Ausdruck. Die Verwaltung des „Deutsch-Jsrae-