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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-10 · Heft 32 (10.8.1906) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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— 384 die zudringlichen Bitten der andern Kranken „bis morgen", „bitte, etwas mehr", machten ihm das Herz schwer, aber noch schwerer wurde ihm dasselbe beim Anblick der jungen Jüdin, die mit dem bleichen, kraftlosen Kinde in den Armen unbeweglich dasaß und starren Blickes vor sich hinschaute. In ihrer gebrochenen Gestalt, in dem Stöhnen des Kindes war etwas derart Hoffnungsloses, daß Joine es nicht aushalten konnte und den Blick abwandte, um nach einem Augenblick die Frau wieder anzusehen. In ihm schien ein innerer Kampf vorzugehen. „Nun, ich glaub', alle haben bekommen?" sprach der Bäcker, als er am halbgeleerten Wägelchen allein geblieben war, und von neuem einen Blick auf die junge Jüdin werfend, rief er: „Warum nehnien Sie denn gar nichts? Heda, wie heißen logisch und verständlich zu machen. So verständlich und so solgegerecht die Rinnsale der Bergschlncht zum Quell, zum Bach, zum reißenden Strom endlich anschwellen, verdichten sich die Ereignisse zu Verderbenschwangerm Niedersturz. — Das Stück setzt mit der Erkrankung Amnons ein. In ebenso knapper wie beschwingter- Diktion, im Edelrhythmus leichtfließender Jamben, deren Hebungen und Senkungen mit dem Wortsinn zusammenstimmen, eilt es von Szene zu Szene» ohne daß unser Interesse nur eine Minute erlahmt, in beständiger Steigerung bis zum Schluß, dessen Tragik uns versöhnt, nicht nur erschüttert, Im visionären Ausrollen der Ereignisse hat die Verfasserin einen überraschenden Gesamteindruck erzielt; die Beklommenheit, mit der wir das Bibelkapitel gelesen haben, weicht einem befreiten Aufatmen. Für eine geschickte Regie bietet das Stück dankbarste Aufgaben, deren Lösung die Zuschauerräume mit einem andächtigen Publikum füllen müßte. Sie?" Die Frau fuhr zusammen und erhob die Augen. „Machen Sie schnell," rief er noch einmal, den Blick abwendend. „Ich muß schon fahren." „Ich Hab — kein Geld," erwiderte sie mit schwacher, tonloser, apathischer Stimme. Sxrrchsggl. Werte Redaktion! „A-ah!" Uud die Tür des Wägelchens zuwerfend, trieb Joine sein Pferd an. Aber als er an der Jüdin vorbeifuhr, zwang er es mit einem energischen „Still" zum Stehen, nahm schnell aus der Lade ein Schnitt Brot heraus und reichte es der Frau. „Nehmen Sie!" sprach er hastig, „das Geld dafür werden Sie mir ein andermal geben." Scheu, als fürchte sie betrogen zu werden, kam die Frau näher, nahm das Brot und flüsterte ein leises „Danke". Joine gab sich den Anschein, als bemerke er die zwei großen Tränen nicht, die an ihren Wimpern hingen, und auf den Bock springend, begann er ganz ungezwungen an den Lenkriemen zu ziehen: „N—nu, marsch da." Aber sein Gesicht leuchtete vor Freude. „Na, schadet nichts ... 's wird schon gehn .. .," sagte er sich, an seine eigene zahlreiche Familie denkend. „Nun vorwärts!" (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. " Clara Steinitz: Thamar, Trauerspiel in vier Akten. Berlin 1906. Carl Freund. Ein Kapitel der Bibel, an dem man bisher gern leise vorüberschlich, 2. Sam. 18, läßt seine Gestalten, von der Verfasserin dramatisch belebt, in packender Handlung an uns vorüberziehen. Die Vorgänge der Heiligen Schrift können jeder Beschönigung entraten, sie wären sonst nicht die menschlichen Dokumente, als die allein sie schon unvergänglichen Wert besitzen. Das hat sich auch die Verfasserin gesagt, denn sie rückt indem monumentalen Bau, den die Bibelworte aufrichten, keinen Stein von seiner Stelle. Aber sie durchleuchtet ihn mit ihrem klaren Erfassen der Geschehnisse, die eben als menschliche Dokumente ihre typisch ewige Bedeutung haben, und zündet wie mit einer Fackel unser Interesse für jenes Stück Vergangenheit aus der Geschichte unserer Altvordern an. In magischer Kraft belebt sich das Kapitel, das wir des öfteren mit scheuem Blick durchflogen hoben, und siehe da! Aus Nebelfernen erstehen fürstliche Gestalten, deren Geschicke uns hinreißen, als ob ihre Träger direkt aus unserer Mitte, in unserer Gegenwart von ihnen ereilt würden. Nur wo der Lapidarstil der Bibel über Lücken wegschreitet, tritt die Dichterin herzu, sie mit Seherblick ausfüllend. Die Tragik der Vorgänge ändern kann die Verfasserin nicht, es genügt ihr, sie uns erbindlichsten Dank sür die Beilage der Nr. 27 Ihrer geschätzten Zeitung „Gutachten über das Schächten". Wir jüdischen Leser Ihrer werten Zeitung und auch wohl alle vernünftig denkenden Menschen wissen ganz genau, daß die Schächtmethode die am wenig qualvollste Tötungsmethode der Schlachttiere ist, auch daß wohl zum Genuß in gesundheitlicher Hinsicht für die Menschen, sowie für Konservierung des Fleisches, die Schächtmethode das allerbeste Verfahren ist. Nicht umsonst, oder zum Vergnügen oder zur Gottesverherrlichung, haben unsere hochweisen Lehrer und Vorfahren dieses Gebot den Juden gegeben und strengstens empfohlen, es zu halten und strikte für alle Zeiten zur Ausführung zu bringen. Es glaubt gewiß ein jeder, daß diese Lehrer im kleinen Finger mehr Weisheit und Humanität besaßen, als in all den inhumanen Antisemitenköpfen zusammengenommen sich befindet. Ebenso wissen es alle Autoritäten auf den Gebieten des Schlachtgewerbes, der Hygiene, des Aerztestandes sowie der sämtlichen Wissenschaften, wenn sie nicht gegen ihre innerliche wahre Meinung mit antisemitisch angehauchter oder wirklich antisemitischer Gesinnung sich anders äußern. Eines kann ich, und mit mir gewiß wohl jeder anständig denkende Mensch, nicht begreifen, weshalb und mit welcher Berechtigung gerade die Antisemiten so sehr gegen die Schächtmethode aneifern. Erstens sind doch diese Herrschaften auf den Gebieten der Wissenschaften wahrlich nur Nullen, indem wahre Wissensklugheit nichts mit Rasse, Religion und Volk zu schaffen hat. Zweitens, wieso hält sich die Antisemitensippe für berechtigt, als solch vorzüglich gute und humane Menschenklasse für die armen Tiere so einzutreten, mehr als sonst alle viel edler denkenden, wahrlich guten, braven Menschen? Ich frage, ist solch minderwertige Menschensorte berechtigt und befugt, überhaupt für Humanität oder für humanitäre Behandlungsweise selbst von Tieren einzutreten? Solch eine Menschenklasse, welche nicht einmal versteht, human denkend gegen ihre Nebenmenschen aufzutreten, die selbst aufreizen zu Schurkereien und Schandtaten, die Aufforderungen ergehen lassen zu Mord, Totschlag und Plünderung an ihren Nebenmenschen, welche spötteln, lachen und gutheißen die Greuel und Schandtaten, die ihre brüderlich gesinnten, tierischen Russen gegen die Judenmenschen dort vollführen zur Schmach der gesamten gesitteten Menschheit des weiten Erdenrunds. Erst sollten die Antisemiten einmal ihre Haßideen ablegen, vorher aber haben diese doch gewiß kein Recht, als humane Menschen für Tiere einzutreten, wo das Judentum gerade durch die Schächtmethode schon vorTausenden von Jahren bis auf den heutigen Tag für die am allerwenigsten qualvollste Todesart das Schächten der Tiere eingetreten. Hamburg, 10. Juli 1906. Hochachtungsvoll Ein Leser. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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